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16. Oktober 2012, 16:53 Uhr

ARD-Film "Auslandseinsatz"

Talk, Talk, Talk am Hindukusch

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Diskutieren ist besser als Massakrieren, klar. Aber warum reden die Soldaten in dem ARD-Film "Auslandseinsatz" so staatstragend, als säßen sie bei Anne Will? So wirkt der Film über den deutschen Afghanistan-Einsatz wie eine Art Action-Talkshow, in der ab und zu eine Bombe explodiert.

Oje, ein Rambo. Nicht schon wieder. Ronnie Klein sitzt mit einer Bundeswehreinheit auf einem Außenposten in den Gebirgshöhen von Afghanistan fest. Ein Möchtegern-Weiberheld ist er, ein furchtbarer Idealist noch dazu. Und die Taliban will er am liebsten alle abknallen, denn: "Da würde sich ja auch was ändern in den Köpfen."

Gespielt wird der Rambo unterm Bundesadler in dem WDR-Film "Auslandseinsatz" von Hanno Koffler, einem Schauspieler, der schon mal in Bundeswehrklamotten agiert hat: In der SWR-Produktion "Nacht vor Augen" aus dem Jahre 2008 - einem sensiblen, intensiven Werk über einen deutschen Soldaten, der psychisch versehrt aus Afghanistan zurückkommt. Der erste deutsche Fernsehfilm überhaupt, der sich mit Afghanistan-Heimkehrern auseinandersetzte.

Nun also ist Koffler als Ronnie im "Auslandseinsatz". Der hitzköpfige Weltenretter schlägt sich hier an der Seite seines alten und viel besonneneren Sandkastenfreundes Daniel Gerber (Max Riemelt) durch Afghanistan. Gerber hilft einem Dorf beim Aufbau einer Schule und erreicht, dass auch Mädchen hier unterrichtet werden dürfen, obwohl Islamisten und Warlords den Ort auf dem Kieker haben - nicht zuletzt wegen der umliegenden Mohnfelder. Denn, so belehrt die NGO-Mitarbeiterin Anna Wöhler (Bernadette Heerwagen) den naiven Gerber, mit Opium lässt sich hier das X-fache von dem verdienen, was der Weizen von der UNO einbringt.

Talkshow-Pluralismus im Camp

Genau dieser Bildungsanspruch ist es, der dieser allzu gutgemeinten Geschichte schadet. WDR-Fernsehfilmchefin Barbara Buhl nennt die Produktion den "ersten deutschen Fernsehfilm, der sich konkret mit dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan auseinandersetzt". Und das sollte offenbar gleich vollumfassend, also differenziert, vielschichtig und auch noch mit moralischem Anliegen geschehen.

Tatsächlich haben sich ja deutsche Filme - von der oben genannten "Nacht vor Augen" über "Willkommen zuhause" mit Ken Duken und dem bemerkenswerten Afrika-Interventionsthriller "Kongo" bis jüngst zur Kölner "Tatort"-Folge "Fette Hunde" - dem Themenkomplex bisher eher introspektiv genähert. Die Fremde steckte da im deutschen Soldaten fest, nicht umgekehrt.

Regisseur Till Endemann und Autor Holger Karsten Schmidt (schrieb das Buch zum preisgekrönten Insel-Krimi "Mörder auf Amrum") gehen ungleich pädagogischer vor. Zu Gerber und Klein gesellen sie noch Emal (Omar El-Saeidi), ein Deutscher mit afghanischen Wurzeln, und die Stabsärztin Sarah Schulz (Henriette Müller). So entsteht eine auffällig künstliche Konstellation, in der die Figuren kaum Tiefe entwickeln können, sondern eher als Repräsentanten ihres Weltbilds, ihrer Herkunft und ihres Geschlechts herhalten müssen.

Gemeinsam mit Anna Wöhler und Jamil (Vedat Erincin) diskutieren sie die ganze Problematik dann ziemlich zu Tode: Was die Bundeswehr in Afghanistan vollbringen soll. Ob sie dort überhaupt etwas vollbringen kann. Was der Koran zum Schulbesuch von Mädchen sagt. Ob der Koran mit der Sache überhaupt etwas zu tun hat. Und so weiter und so fort.

Sicher, die Filmemacher konnten Konflikte nicht zwingend aus einer völlig fiktiven Geschichte erwachsen lassen - sie haben sie vorgefunden und standen wie viele ihrer Kollegen vor der Herausforderung, der Handlung die Wirklichkeit möglichst kunstvoll einzuimpfen. Es gibt auch eine Sequenz, in der ihnen das wundervoll gelingt. Sie zeigt das zarte Vortasten der Deutschen, der Fremden, beim ersten Besuch im Dorf. Kleine Gesten, kurzes Zögern. Verständigungsprobleme. Ernste, rätselhaft wirkende Mienen der Einheimischen. Staubige Weite (gedreht wurde übrigens in Marokko).

Endemanns behutsame, detailversessene Inszenierung und die ruhige, stoische Präsenz von Vedat Erincin als Dorfoberhaupt erzeugen hier eine eindrückliche Vorstellung davon, wie viel Vertrauen schon zerstört wurde zwischen diesen Parteien - und wie langsam und mühevoll es zurückzugewinnen wäre. Aber ganz Afghanistan und der ganze Krieg zusammen in einer Fernsehproduktion: Das ist einfach zu viel. Ein wenig mehr Mut zum Besonderen, zur Lücke hätte dem Film gut getan.

Am Ende, das darf verraten werden, weil es mit der Kernhandlung nur am Rande zu tun hat, sprengt sich sogar ein afghanischer Junge vor einem amerikanischen Konvoi in die Luft. Vor drastischen Konsequenzen schreckt die Geschichte also nicht zurück. Allein: Ein Fernsehfilm ist kein "Tagesschau"-Bericht und schon gar keine Talkshow. Zumal das Thema nach Ausstrahlung des Films am Mittwoch bei "Anne Will" ja ohnehin weiterdiskutiert wird.


"Auslandseinsatz", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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