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Foto: X Filme/ Degeto/ Beta Film/ Sky

ARD bestätigt Fortsetzung Es geht weiter mit "Babylon Berlin"

Noch mehr Drogen, noch mehr Wahnsinn: Tom Tykwer hat bereits Ideen für die dritte und vierte Staffel von "Babylon Berlin". Jetzt stimmt nach anfänglichem Zögern auch der Hauptgeldgeber ARD der Fortsetzung zu.

Ganz Berlin ist eine Wolke. Eine Drogenwolke. In den ersten beiden Staffeln von "Babylon Berlin", die zurzeit der Bezahlsender Sky zeigt, sind bewusstseinserweiternde und schmerzlindernde Substanzen in fast allen Formen und in fast allen Folgen präsent. Es wird auf Toiletten Morphium geschluckt, es wird in Kellern Heroin gespritzt, es tropft in Nachtclub-Separees der Absinth einladend auf Zuckerwürfel.

Vor Kurzem enthüllte Tom Tykwer im "Hollywood Reporter", dass das Thema Drogen in der angedachten Fortsetzung der Serie sogar noch ausgebaut werden soll . Es wird demnach in Staffel drei und vier um die massenhafte Verbreitung von Heroin gehen, das Ende der Zwanziger- und Anfang der Dreißigerjahre sogar in Apotheken erhältlich gewesen sein soll, sowie um Versuche mit Methamphetaminen. Eine Gesellschaft auf Droge - derart thematisch zugespitzt wurde deutsche Zeitgeschichte noch nicht erzählt.

Dass Tykwer mit solchen sensiblen Details zu einer Fortsetzung von "Babylon Berlin" an die Öffentlichkeit geht, während die Erstauswertung der ersten und zweiten Staffel bei Sky noch in vollem Gange ist, ist auch strategisch begründet. Als Regisseur von (auch internationalen) Großproduktionen weiß er, wie wichtig es ist, bei aufwendigen Unternehmungen mit vielen Geldgebern den Ball in der Luft zu halten.

Bei "Babylon Berlin" ist das besonders kompliziert, weil die Produktionspartner ganz unterschiedliche, sogar gegenläufige Interessen verfolgen. Die 38 Millionen Euro Gesamtkosten konnten ja nur aufgebracht werden, weil sich erstmals in der deutschen Fernsehgeschichte ein Pay-TV-Anbieter (Sky) und eine öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt (ARD) zusammengetan haben. Dritte Partei im Boot ist Beta-Film, die den Weltvertrieb für die Serie organisiert.

In 60 Länder verkauft

Beim Sender Sky, der die Serie nun zuerst zeigen durfte, jubiliert man über die Zuschauerzahlen, 645.000 Zuschauer hatte eine Folge im Schnitt, im Serienbereich lief bei Sky nur die siebte Staffel "Game of Thrones" erfolgreicher. Auch beim Co-Produzenten Beta-Film klingeln die Kassen. Das Unternehmen hat die Serie inzwischen in über 60 Länder verkauft.

In fast ganz Europa wird "Babylon Berlin" zu sehen sein, zum Teil bei Bezahlfernsehanbietern, zum Teil im Free-TV, oft in beiden Bereichen gestaffelt. In den USA soll die Serie ab Januar sogar beim Sky-Konkurrenten Netflix laufen. Beta-Film steht somit kurz davor, die Kosten zu amortisieren. Es geht eindeutig in die Gewinnzone.

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Ob aber die ARD mit "Babylon Berlin" je in die Gewinnzone kommen wird, steht in den Sternen. Dem Vernehmen nach hat der Senderverbund den Bärenanteil bei der Finanzierung übernommen, kann die Serie jedoch erst Ende 2018 ausstrahlen. Auch deshalb hielt man sich beim Ersten trotz der allgemeinen Begeisterung für die Serie bei dem Thema Fortsetzung bislang zurück.

Der Vorstoß von Tykwer und der Produktionsfirma X-Filme setzt die ARD-Manager nun unter Druck. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärte Christine Strobl, Geschäftsführerin der Degeto, der hundertprozentigen ARD-Tochter, die für die Beteiligung an "Babylon Berlin" hauptverantwortlich zeichnet: "Der Vertrag zur Drehbuchentwicklung für weitere Folgen wurde abgeschlossen, jetzt stürzen wir uns in die Bucharbeit und hoffen, dass wir dann nahtlos die Produktion freigeben können."

Das ist - trotz eines juristischen Hintertürchens - ein Bekenntnis zu einer dritten und vierten Staffel. Und dürfte zum jetzigen Zeitpunkt selbst viele ARD-Manager in seiner Deutlichkeit erstaunen - besonders die Formulierung "nahtlos", die auf ein gewisses, ARD-untypisches Tempo im Entstehungsprozess hinweist.

Öffentlich wurde das Finanzierungsmodell zu "Babylon Berlin" stark kritisiert: Eine zum Großteil mit Gebührengeldern bezahlte Serie, die ein Jahr lang privatwirtschaftlich ausgewertet wird, bevor sie der Gebührenzahler zu sehen bekommt, ist tatsächlich diskussionswürdig. Auch ARD-intern hat das in seiner Preisklasse einmalige Projekt für Kontroversen gesorgt. Einige Verantwortliche sind der Auffassung, dass man für eine Fortsetzung des Experiments erst grünes Licht geben könne, wenn man die Quoten der ARD-Ausstrahlung ausgewertet habe. Das wäre dann, schnarch, Anfang 2019.

Kaum anzunehmen, dass sich Tykwer und seine Co-Autoren und -Regisseure Henk Handloegten und Achim von Borries (lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit den dreien) so lange mit dem Schreiben Zeit lassen. Wäre ja auch geradezu verantwortungslos. Denn es geht darum, genau jetzt die Dynamik zu nutzen, die durch die weltweite Begeisterung für "Babylon Berlin" in Gang gesetzt wurde. So funktioniert nun mal das internationale Seriengeschäft.

Wie sich "Babylon Berlin" entwickelt, ist also längst nicht nur für die Produktion selbst interessant, sondern auch in Bezug auf die Frage, ob Deutschland und die eigentlich so behäbige ARD als Main Player zukünftig im weltweiten TV-Business mitspielen können.

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