"Bachelor in Paradise"- Auftakt Das Ebay-Kleinanzeigen unter den Trash-Formaten

"Bachelor in Paradise", der Flohmarkt der Schwervermittelbaren, muss zum Auftakt erst einmal aufarbeiten, was die Kandidaten bei Beziehungsversuchen ohne Kamera angerichtet haben. Als ob das gutgehen könnte!

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Endlich, endlich haben wir die Erklärung für sämtliche hochirritierende Dinge, die in den diversen Trash-TV-Formaten so passieren. Für die Frauen, die sich ohne sichtbare Ironie-Zuckung und scheinbar ohne jede Comedy-Ambition Männer wünschen, "wie sie früher einmal waren". Für die Männer, die von sich ernsthaft als "Löwen" oder "Wölfen" sprechen, dabei aber gar keine Tierkostüme tragen.

Natürlich gibt es all diese Menschen, all diese Meinungen gar nicht wirklich, lernen wir nun also in den ersten Minuten der neuen Staffel von "Bachelor in Paradise": Stattdessen entspringt dieses Personal allein aus den unruhigen Träumen von Paul Janke, dem unverwüstlichen Ur-Bachelor, wir sehen ihn, wie er in einer Hängematte liegt und sich den ganzen Quatsch, der in den nächsten Wochen in diesem Resteverwertungsformat für Schwervermittelbare passieren wird, aus der Gerümpelkammer seines Unbewussten zusammenzimmert.

Es wäre so schön und tröstlich, wenn es wirklich so wäre, wenn nicht Menschen wirklich so reden und handeln würden, und wenn wir uns andererseits nicht mehr überlegen müssten, warum wir ihnen immer wieder dabei zusehen - weil wir eben nur Figürchen im träumenden Janke-Hirn wären, nur er allein wäre schuld an allem, weil er vielleicht versehentlich ein besonders toxisches Haargel verwendet, das, über die Kopfhaut einsickernd, diese wirren Träume verursachte.

Man kann diese beruhigende Illusion ja mal für die wirklich garstigen Momente, die garantiert auch in dieser Staffel geschehen werden, im Hinterkopf bewahren. Und sich bis dahin an den Lifehack halten, den sich Filip, erster teilnehmender Restbestand, auf die Brust tätowieren ließ: "Don't ask God to make life easier, ask him to make you a stronger person." Was so viel bedeutet wie: Bitte nicht um ein besseres Fernsehprogramm, bitte um stärkere Nerven.

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"Bachelor in Paradise": Sind wir nicht alle ein bisschen Bachelor?

"Bachelor in Paradise" ist das Ebay-Kleinanzeigen unter den Trash-Sendungen. Hier wird weggeramscht, was dringend weg muss, von dem es bereits reichlich Bildmaterial gibt, das seine offensichtlichen Mängel zeigt, über die im Verhandlungsvorgang aber trotzdem galant hinweggelogen wird. Alle Kandidaten und Kandidatinnen eint, dass sie ihr sogenanntes Glück schon mal beim "Bachelor" oder der "Bachelorette" suchten, manche lagerten tiefgekühlt schon sechs Jahre in den RTL-Kellergewölben und stammen noch aus der Ära von Jan Kralitschka, dem Aldiprospektunterhosenmodelbachelor.

Andere verpaarten sich nach Drehschluss in der Zwischenzeit schon selbstständig, aber unsachgemäß: Marco und Meike, Michi und Michelle fanden off-camera vermutlich im Wartezimmer ihres Post-Bachelor/ette-Resozialisierungshelfers zusammen, weil sie buchstabenmäßig eben denselben Sachbearbeiter haben. Allerdings blieb es bei beiden Konstellationen nur bei Affären, weswegen es einfach sehr aufmerksam von RTL ist, sie zur öffentlichen Versorgung der dabei zugezogenen Trümmerbrüche gemeinsam in die "Bachelor in Paradise"-Villa auf Ko Samui zu verfrachten.

"Damals war bisschen Scheiße von mir"

Die Auftaktfolge steht dann auch ganz im Zeichen eines Scheidungsdramoletts, allerdings ohne vorangegangene Beziehung: Meike sagt, mit Marco wurde es nichts, weil sie ihn dabei ertappte, wie er sie beim Sex fotografieren wollte, um die Bilder dann an die Presse zu verkaufen, woraufhin er sich plötzlich einfach nicht mehr bei ihr gemeldet hätte. Oder, wie Marco sagt: "Damals war bisschen Scheiße von mir."

In den folgenden Gesprächen, die beide mit ihren Mitbewohnern über diese Angelegenheit führen, kann man zuschauen, wie Marco die Wahrnehmung dreht: Meike erzähle das nur aus enttäuschter Liebe, in Wahrheit habe er einfach keine Lust mehr auf sie gehabt und darum, noch halb im Vollzug, ein bisschen durch Instagram gescrollt. Aus Rache wolle ihm Meike nun auf der Insel "Die Nummer versauen", indem sie ihre Geschichte erzählt, sagt Marco: "Watt willst machen, Frauen sind so."

Man kann nun selbst überlegen, welche Version man glaubhafter findet. Und staunen: Am Ende wählen die Männer, die als erstes ihre Rosen vergeben dürfen, Meike von der Insel, und Marco schaut mit Michelle die Sterne an.

Die hatte sich vorher noch bei Träumerle Paule ausgeheult. Michelle würde nämlich gern wieder mit Michi anbandeln, aber der interessiert sich mehr für Nathalie. Paul wiederum ist in dieser Staffel außer Konkurrenz dabei, als "Barkeeper", der den Likörpegel bei den anderen Beteiligten konstant hält und aus seinem stopfvollen Bachelorlebenserfahrungskästchen plaudert. Eigentlich übernimmt er also die Rolle, die die Hausmutter bei "Hanni und Nanni" innehatte: Alle bei Kräften halten, aber aufpassen, dass die heimlichen Mitternachtspartys mit Dosensardinen und Kondensmilch nicht aus dem Ruder laufen. Als sozialer Lauschelurch muss er an seinen Fähigkeiten allerdings noch etwas feilen. "Ich kenn ja den Michi", setzt Michelle an seiner Bar zum großen Lamento an. Und Paul fragt sherlockmäßig nach: "Kennt ihr euch?"

Nach einem fetten Trash-Sommer könnte "Bachelor in Paradise" die adäquate Ausgangsplätscherei ins traditionell schundärmere Jahresende sein, das Personal hat zumindest Potenzial. Und einschalten lohnt sich ja schon für die Hoffnung, vielleicht doch noch zu sehen, wie Hausmutter Paul zwei allzu brünstige Bewohner mithilfe eines Wasserschlauchs wieder auseinandertreibt.


Weitere Folgen von "Bachelor in Paradise" jeweils dienstags um 20.15 Uhr bei RTL oder bei TV Now



insgesamt 9 Beiträge
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ccpollux 16.10.2019
1. Ach bitte...
was ist dann bitte Love Island? Die "zu verschenken"-Facebookgruppe?
harry_handen 16.10.2019
2. Ich bewundere...
...einerseits Frau Rützel für ihr mentales Vermögen, solche TV-Events unbeschadet zu überstehen. Und auch noch amüsant, und zwischen den Zeilen voller Abscheu, davon zu berichten. Und ich bewundere mich dafür, dass mir solche Formate meilenweit Allerwertesten vorbeigehen. Ich muss real life nicht krampfhaft gescripted und geschauspielert im TV bewundern. Es reicht mir, einfach auf die Strasse zu gehen und zu sehen, dass Ko Samui nicht anders ist als Castrop-Rauxel. Nur in schön. Ein Nachteil hat real life aber: Es gibt keine Werbepausen.
spon_1873159 16.10.2019
3. Das einzig großartige an diesem Format....
...ist, dass es wieder Rützel-Nachschub gibt. Nach einer traurigen Nachricht am Morgen musste ich doch wieder grinsen bei der Lektüre des mittlerweile klassisch zu nennenden Anja Rützel-Stils, danke dafür!
flippert0 16.10.2019
4. Warum Trash-Quatsch, wenn es Streaming gibt?
Rützel's Kolumnen sind ja ganz amüsant, aber warum soll man sich noch den Müll der Privaten ansehen, wenn es doch die ganzen interessanten Serien der Streamingsmdienste gibt, auch mit zunehmend deutschen Eigenproduktionen? Deutsches Privatfernsehen ist ein Duopol zwischen Kirch-gruppe und Bertelsmann und die produzieren so billig und uninteressant wie möglich. Wir leben aber im goldenen Ferndehzeitalter. Man muss jetzt nicht mehr nur ARTE oder balpha schauen, wenn man Trash nicht mehr sehen kann.
dasfred 16.10.2019
5. Ich glaube, ich muss da mal reinschauen
Immerhin ist es für die Kandidaten schon die zweite Runde und die Chance ist groß, dass diejenigen mit dem höchsten Trashfaktor den Cast für das nächste Dschungel Camp auffüllen dürfen. Vielleicht bekommt auch der eine oder die andere eine Wochenserie im RTL Mittagsmagazin. Immerhin ist RTL der einzige Sender, der sein Trash Personal noch solide ausbildet. Die letzten konnten mit ihrer Erfahrung sogar das SAT 1 Big Brother als Pseudo Pärchen gewinnen. In Ermangelung echter Prominenz im deutschen Fernsehen, ist es doch wunderbar, wenn es immerhin diese Nebenberufspersönlichkeiten gibt. Ohne diese müssten die Hälfte der Sender ihren Betrieb einstellen. Immerhin nutzen Millionen Zuschauer die Trashformate, um sich nach einem stressigen Tag anspruchslos bespaßen zu lassen.
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