"Bachelorette"-Finale Die Nadel im Boyhaufen

"Die Bachelorette" ist glücklich abgewickelt, im langweiligsten Finale seit Beginn der Trash-Aufzeichnungen gewinnt Keno. Aber: Es gibt noch eine Chance, das müde Format zu retten.

Gerda beim Finale von "Bachelorette": "Es steht halt einfach eine Entscheidung an"
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Gerda beim Finale von "Bachelorette": "Es steht halt einfach eine Entscheidung an"

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Wenn das Finale eines Trash-Formats langweiliger ist als das Leben, dann ist - je nach Blickwinkel - sehr viel schief oder sehr viel richtig gelaufen.

Schief, weil Tim, der von Gerda als zweiter Finalist avisierte Polizist, die vorletzte Rose nicht annahm und damit freiwillig auf die Finalteilnahme verzichtete. Und nebenbei die Idee eines Finales ganz generell zerstörte: Denn wenn die Bachelorette sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden muss, braucht sie dafür auch keine Sendung.

Aber eben auch richtig, weil Tim mit dieser Flucht kurz vor knapp sich, Gerda, Gerdas Mutter und uns allen den traditionell schlimmsten Peinmoment dieses an Peinmomenten ja nicht armen Formats ersparte - nämlich dabei zuschauen zu müssen, wie einer von zweien abserviert wird, nachdem er gerade noch feierlich einen sinnlos langen roten Teppich abmarschiert war, als schreite er mindestens zu einem päpstlichen Ringkuss.

Krampfhafte Suche nach Spannung

Man hätte die seit den Frühfolgen ahnbare Gerda-Keno-Vereinigung also formlos direkt an Ort und Stelle abwickeln können, aber leider fand das Nicht-Finale trotzdem statt. Arg zerfleddert muss das produktionseigene Synonymwörterbuch jetzt bei dem Abschnitt sein, in dem Varianten für "nochmal nachdenken" aufgelistet sind, denn obwohl kaum ein "Bachelorette"-Finale klarer als diese Kloßbrühe war, wurde unter Einsatz schwerstemotionaler Hydraulik versucht, das dünne Rinnsal der Restspannung zu einer Springbrunnenfontäne hochzupumpen.

Das klang dann so:

  • "Man fängt an, die Gefühle noch mal zu sortieren" (Gerda)
  • "Wir müssen uns Gedanken machen" (Keno)
  • "Es steht halt einfach eine Entscheidung an" (Gerda)

Nämlich die, ob sie den einzigen verbliebenen Rosaner nimmt oder dann doch lieber allein bleiben möchte - es ist extrem ärgerlich, dass keiner der Beteiligten aus Berlin stammt, und man darum ganz knapp am "Keno oder keena"-Kalauer vorbeischrappt. Aber vielleicht, dräut die blutleere Theatralik, hat auch Keno entgegen allem Anschein doch keine Lust auf Gerda? "Entweder er nimmt die Rose an oder er lehnt die Rose ahab", fasst es die Bachelorette noch einmal mit ihrem charakteristischen Satzende-Singsang und für komplette Volltrottel zusammen.

"Letztendlich ist die schöne Zeit jetzt zu Ende"

Das fadeste Finale aller Zeiten wirkt dann wie ein Haus, das komplett aus Dämmmaterial gebaut ist. Zeitschindenderweise fährt Gerda gedankenvoll auf einem himbeerroten Fahrrad herum. Keno streift durch ein unbestimmtes Gehölz. Tim packt in Zeitlupe seinen Koffer und rollert so langsam davon, als kämpfe er sich durch eine zähe, durchsichtige Gallertmasse. Sentimental-Radlerin Gerda kommt dann irgendwann bei ihrer Mutter an und behauptet ernsthaft, Tim hätte durchaus noch eine Chance auf die Finalrose gehabt, wäre der Rat ihrer Mutter entsprechend ausgefallen, um gleichzeitig recht überzeugend mit Keno vor derselben Mutter herumzuschnäbeln. "Bist du aufgeregt?", fragt sie ihn, "Teils, teils", antwortet er.

Bei der Entscheidung geben schließlich beide zu, dass sie sich eh sicher waren, dass der andere auch will. Doch halt, was ist das? "Letztendlich ist die schöne Zeit jetzt zu Ende", sagt Keno, als Gerda gerade ihr Verknalltheitsgeständnis abgelegt hat und schon die Rose in der Hand hält, und guckt getragen. JA, WEIL DIE STAFFEL VORBEI IST, brüllt man ihm reflexhaft entgegen, für wie dumm hält uns dieser Knabe eigentlich? Denn natürlich nimmt Keno die Rose an, und die Liebe höret nimmer auf.

Wie das müde Format zu retten wäre

"Das war aufregend, das war wahnsinnig spannend", lügt Frauke Ludowig dann beim anschließenden Wiedersehen mit aussortierten Kandidaten, und zwar derart abgezockt, dass man mit ihr als zentraler Figur sofort ein ausgeklügeltes Trickbetrüger-Imperium aufbauen möchte.

Frauke Ludowig nach dem ihrer Meinung nach "wahnsinnig spannenden" Finale
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Frauke Ludowig nach dem ihrer Meinung nach "wahnsinnig spannenden" Finale

Das Wiedersehen ist dann leider ebenfalls eine komplette Enttäuschung, es gerät nicht ansatzweise so unangenehm, wie das eigentlich üblich ist. Immerhin hat man so Zeit, das Format geschwind neu zu konzipieren. Wäre es nicht viel spannender, wenn eine Staffel der "Bachelorette" nicht planmäßig nach acht Folgen, sondern jederzeit enden könnte? Sudden-Death-mäßig also, wenn die Bachelorette hinreichend sicher ist, die Nadel im Boyhaufen gefunden zu haben, den einen also, für den sich die ganze Chose vielleicht lohnen könnte.

Oder, auch eine Möglichkeit: Wenn sie nach ausführlicher Sichtung der Balzauslage feststellen muss, dass da leider nichts für sie dabei ist. Auch dem "Bachelor" würde diese Maßnahme gut tun. Wenn die Macher allerdings auf Nummer sicher gehen wollen, verpflichten sie als nächsten Stenz zusätzlich den von Gerda weit vor seiner Zeit ausgemusterten Trinkvogel Harald. Nach diesem überaus vorhersehbaren Fadheitsfinale braucht das Bachelor- und Bachelorettenwesen dringend eine möglichst erratische Staffel, in der nicht nichts, sondern alles passieren kann.

insgesamt 11 Beiträge
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Seilrutscher 05.09.2019
1. Die Frage wieso der Spiegel überhaupt über sowas berichtet...
... wird mit diesem Beitrag beantwortet. Selten so gelacht. Das nächste Mal muss ich die Sendung wieder schauen, nur aus Vorfreude auf ihre Artikel. Ein Feuerwerk der deutschen Sprache als Gegenpol zum Dumpfformat, lol!
toranaga747 05.09.2019
2. Genial geschrieben.
Danke dafür.
toranaga747 05.09.2019
3. Klasse Artikel.
"Ein Lügenimperium mit Frauke Ludowig aufbauen". Das ist den Privatsendern sogar schon gelungen. Herrlich beschrieben. Was mir nur Leid tut: Für solch einen Artikel muss ein intelligenter Mensch sich solch eine Frechheit ansehen. Erfreulicherweise wird das nicht jedem Zweizeller zugemutet.
coyote38 05.09.2019
4. Das Format krankt an der gesellschaftlichen Entwicklung ....
Nein, ich werde ganz sicherlich KEINE tiefschürfende soziologische Analyse anstrengen. Das Format des/der "Bachelor(ette)" war schon IMMER ausgemachte "Grütze" und höchstens für die vollkommen grenzdebilen Geister unter den Fernsehzuschauern konzipiert. Vielmehr wird offensichtlich, dass sich immer mehr Männer - selbst bei einem Fernsehformat, bei dem es um NICHTS anderes geht, als sich einer (unzweifelhaft physisch attraktiven) Frau anzudienen - nicht mehr "zum Affen machen" (lassen). Und da hilft auch kein NOCH so blondiertes Silikonpüppchen, wenn der "Preis" für den Gewinner einfach nur bis zum Anschlag eingebildet, hohl wie eine "Buschtrommel" und oberflächlich wie ein bis unter die Decke weiß gekachelter Kreißsaal ist. DIESE Frauen sind die Anstrengung eines Mannes einfach nicht (mehr) wert ... vielen Dank an den Feminismus.
dasfred 05.09.2019
5. Ich habe mir nur die erste Folge angesehen
Leider hat die Dame gleich an Anfang den Kandidaten mit dem höchsten Trashfaktor ausgeschlossen. Der Muskelbepackte, der offen für die Poligamie geworben hat, hätte sie sicher in den Kreis seiner Gespielinnen aufgenommen. Diese neue Variante der Jungfrauenversteigerung hatte aber zumindest dadurch einen Kick bekommen, dass sich gleich fünf Mitbieter entschieden haben, hier nichts mehr zu investieren. Jetzt wird die Liebe aber sicherlich solange halten, wie die Klicks bei Instagram steigen.
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