»Balko«-Comeback bei RTL Fang du jetzt bloß nicht an zu weinen

Palmen statt trister Stahlwerkskulisse: Nach 15 Jahren gönnt RTL der Ruhrpott-Krimiserie »Balko« ein Revival – auf Teneriffa. Zu gaga? Für unseren Autor das einzig nötige Retro-TV-Wiedersehen. Er ist allerdings befangen.
»Balko«-Neuauflage auf Teneriffa mit Kommissarin Alicia Ruíz (Tamara Romera Ginés, v.l.), Krapp (Ludger Pistor) und Balko (Jochen Horst): »15 Jahre haben wir uns nicht gesehen, und du gehst mir schon nach 15 Minuten auf den Sack«

»Balko«-Neuauflage auf Teneriffa mit Kommissarin Alicia Ruíz (Tamara Romera Ginés, v.l.), Krapp (Ludger Pistor) und Balko (Jochen Horst): »15 Jahre haben wir uns nicht gesehen, und du gehst mir schon nach 15 Minuten auf den Sack«

Foto: Olaf González / Ufa Fiction / RTL

Diese Filmkritik muss mit einem Disclaimer beginnen: Als Kind habe ich die Serie »Balko« geliebt. Wobei geliebt nicht ganz präzise ist. Mir hätte damals ein beliebiger Drei-Sekunden-Ausschnitt gereicht, um sofort die entsprechende Staffel, Folge und deren Inhalt zu wissen. Noch heute stehen selbst aufgenommene VHS-Kassetten der Serie wie Memory-Boxen einer Ex-Freundin in meinem Keller – dabei besitze ich nicht mal einen Videorekorder. Diese Art von Liebe.

Auch für den Sender RTL war die Krimiserie über zwei ungleiche Kommissare in Dortmund etwas Besonderes. »Balko« erzählte das wohlbekannte Polizeimärchen, bei dem das Establishment auf schnoddrige Bullen traf. Es gab skurrile Figuren, überforderte Chefs, ein wenig Rambazamba vor Ruhrpottkulissen. Mitte der Neunzigerjahre war die klug geschriebene und mit pointierten Dialogen durchsetzte Reihe ein Gegenentwurf zu dem überbordenden Trash der Privatsender.

Die Idee eines gegensätzlichen Ermittlerduos, ein Draufgänger mit Lederjacke und großer Klappe (Balko) und ein korrektes Muttersöhnchen im Anzug (Krapp), erschien mir damals ein genialer Kniff – ohne natürlich, sagen wir es freundlich, die Achtzigerjahre-Referenz »Schimanski« oder überhaupt das Prinzip amerikanischer Buddy-Komödien zu kennen. In ihren besten Momenten war »Balko« immer ein wenig mehr, hatte die richtige Balance zwischen ernsthaftem Krimi und lässigem Klamauk. Etwas, woran das »Tatort«-Paar Thiel und Boerne schon seit Längerem scheitert.

Krapp (Ludger Pistor, v.l.) und Balko (Jochen Horst) Mitte der Neunzigerjahre im Ruhrpott-Setting: Leuchtturm im Privatsender-Trash

Krapp (Ludger Pistor, v.l.) und Balko (Jochen Horst) Mitte der Neunzigerjahre im Ruhrpott-Setting: Leuchtturm im Privatsender-Trash

Foto: RTL

Als Ritterschlag wurde dem damaligen Ensemble um Hauptdarsteller Jochen Horst, Ludger Pistor und dem viel zu früh verstorbenen Dieter Pfaff dafür der Adolf-Grimme-Preis verliehen. Ab Staffel vier übernahm dann Bruno Eyron den Part von Kriminalhauptkommissar Balko, die Drehbücher wurden alberner, wurstiger, 2006 stellte RTL die Serie nach acht Staffeln ein.

Gut 15 Jahre später tanzt Balko (wieder Jochen Horst) nun als versoffenes Pool-Maskottchen in einer Hotelanlage auf Teneriffa, wohnt in einer Tiefgarage und versinkt nach dem Tod seiner Frau in Selbstmitleid, während sein ehemaliger Kollege Krapp (weiter Ludger Pistor), mittlerweile Ministerialrat des Verteidigungsministeriums, die Insel für die Party eines deutschen Waffenherstellers besucht.

Dortmund-Chic weggepegelt

Soweit die Ausgangslage für die neue Filmreihe, mit der »Balko« jetzt auf dem Bildschirm wiederbelebt wird. Und darauf muss man erst mal kommen: eine Serie, die vom Ruhrpott-Charme lebte und die ihre Kraft aus dem Lokalkolorit zog, ihrer Identität zu berauben, den kühl-schnoddrigen Dortmund-Chic wegzupegeln und das Setting auf eine Kanareninsel zu verlegen. Aber, klar, auch als TV-Kritiker wäre es irgendwie schon besser, auf Teneriffa zu schreiben als im HVV-Bus, oder nicht?

Hin zur Sonne: Klar, auch als TV-Kritiker wäre es irgendwie schon besser, auf Teneriffa zu schreiben als im HVV-Bus, oder nicht?

Hin zur Sonne: Klar, auch als TV-Kritiker wäre es irgendwie schon besser, auf Teneriffa zu schreiben als im HVV-Bus, oder nicht?

Foto: Olaf González / Ufa Fiction / RTL

Was aber ist von der Männerfreundschaft zwischen Balko und Krapp geblieben, die sich laut Storyline ebenfalls seit Jahren nicht mehr begegnet sind? Das Wiedersehen, ein Notruf auf die alte Mobilnummer, nachdem Krapp am Morgen neben einer Leiche erwacht, ein distanziertes Händeschütteln. Fang du jetzt bloß nicht an zu weinen. Und es rumpelt gleich wieder schön los: »Krapp, fünfzehn Jahre nicht gesehen, du gehst mir schon nach fünfzehn Minuten auf den Sack mit deiner Penetranz.«

Der Plot, da hilft auch kein verklärter Blick, erfindet das Krimigenre nicht neu: Ein deutscher Familienclan macht in Santa Cruz halbseidene Geschäfte, eine Kellnerin wird ermordet, eine übereifrige junge Polizistin ermittelt und macht den zwei Ex-Cops das Leben schwer – oder andersrum. Allein Uschi Glas sticht als Grande Dame mit einer Obsession für vollautomatische Schusswaffen heraus.

»Balko Teneriffa« will vor allem Spaß machen und ist damit in diesem Jahr vielleicht das einzig nötige Retro-TV-Wiedersehen, weil es so unaufgeregt daherkommt. Im Gegensatz zu anderen Serienneuauflagen hat keiner darauf gewartet, dass eine Geschichte fertig erzählt werden muss. Hier brauchen sich keine Retro-Charaktere zwanghaft in einer neuen Wirklichkeit verorten.

Eine große 90er-Party

Im Gegenteil. Mit langen Zeitlupen, überkompensierenden Musikeinsätzen, warmen Filtern, ist die Erzählweise eher klassisch geblieben. Und die Macher wissen das nur allzu gut. Sicher kein Zufall, dass aus dem Autoradio Becks Versager-Hymne »Loser« scheppert, während Balko und Krapp über alte Zeiten sprechen. Geblieben ist die Lust am Spielen, eine große 90er-Party, was auch zu einem geradezu comichaft übertriebenen Finale führt.

Balko und Krapp ermitteln nun in der Sonne: »Ach, deine Frau ist tot? Und deshalb lebst du wie ein Penner?«

Balko und Krapp ermitteln nun in der Sonne: »Ach, deine Frau ist tot? Und deshalb lebst du wie ein Penner?«

Foto: Olaf González / Ufa Fiction / RTL

Und wie haben die beiden Hauptdarsteller die Zeit überstanden? Beide nun Anfang sechzig, mit leichten Beulen in der Karriere wie ihre Serienfiguren: Jochen Horst verdingte sich zwischendurch in Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen, veröffentlichte auf einer Self-Publishing-Plattform das Buch »Schauspiel(er) @ work« und teilt auf seinem offiziellen YouTube-Kanal Ufo-Beobachtungen. Man hofft, dass er privat nur einen Bruchteil seiner Rollen-Selbstironie besitzt. Ludger Pistor hingegen hat sich die Jahre vor allem mit Edelnebenrollen von »James Bond« bis »X-Men« vertrieben.

Serienneuauflagen erzählen auch immer etwas über die Menschen, die sie schauen. Die Begeisterung, die Enttäuschung, die Gleichgültigkeit über ein Remake, alles hat auch immer mit einem selbst zu tun. Manche, konstatiert Balko an einer Stelle im Film, seien eben »zu alt, um noch glaubwürdig den Action-Kasper zu geben«. »Na ja, irgendwann mal wird es richtig peinlich«, pflichtet Kollege Krapp ihm bei. Und dann lachen beide Darsteller befreit – und etwas entrückt.

»Balko Teneriffa«, bei RTL+, lineare Ausstrahlung ab 24. März bei RTL

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