Bambi 2014 Onkelhaft und tantig

Welches Jahr ist noch mal? Beim Bambi wurden alte HipHopper, vergessene Hollywoodstars und Helene Fischer geehrt. Interessant war die Show nur in den Nebenhandlungen.
Bambi 2014: Onkelhaft und tantig

Bambi 2014: Onkelhaft und tantig

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Eine Viertelstunde lang durfte man hoffen, die Bambi-Organisatoren seien komplett verrückt geworden. Und hätten chuzpe-strotzend und vermutlich irre keckernd einen teuflischen roten Faden für die diesjährige Rehverleihung ersonnen: Jeder Prominente, der auf die Bühne kommt, muss erst einmal "Atemlos durch die Nacht" von Helene Fischer singen. Denn so begann die vielstündige Schleppgala: Bastian Schweinsteiger ist zu sehen, der nach der WM im Bus zum Fanmeilenempfang besagtes Lied mitsingt. Auf der Bambi-Bühne sagte er dann die Fischer höchstselbst an, die in einer interessanten Glitzerunterhose nun ihrerseits ihren Überhit zum Besten gab. Woraufhin Samu Haber, Sänger der Band Sunrise Avenue, auftrat und - ganz genau: "Atemlos durch die Nacht" sang.

Es hätte eine wahnsinnige Würdigung für den penetrantesten Song des Jahres werden können, doch leider wurde der rote Helene-Faden an dieser Stelle abgeschnitten. Und die Bambi-Verleihung geriet wie alleweil zu einer sich sonderbar zeitlos anfühlenden Bauchpinselparade - sowohl, was die seit Sendungsbeginn verronnene Zeit angeht, als auch, in welchem Jahr wir uns gerade eigentlich befinden. Bambis für die Fantastischen Vier, Uma Thurman, U2 und die seit 1998 laufende Serie "In aller Freundschaft" - Gala-Historiker dürften in 100 Jahren Mühe haben, anhand dieser Liste auf Anhieb das Jahr der Ehrung zu erraten.

Zumal auch die Haltung, der Geist der Bambi-Parade das Gefühl vermittelte, man sei für gute drei Stunden in eine sonderbar wattierte Zeitblase geraten. Mit onkelhaft-betagten Floskeln ("'Fack ju Göhte' ist ein Angriff auf die Lachmuskeln") und tantigem Schmusesexismus - warum muss man Kronprinzessin Mary von Dänemark, die für ihr Engagement gegen häusliche Gewalt angezeichnet wurde, erst dümmlich dafür loben, die "schöne Aristokratin" habe Frauen auf der ganzen Welt mit ihrer royalen Einheirat den Glauben daran wiedergegeben, dass irgendwo für jede ein "Märchenprinz" warte? Da saß man dann mit ähnlich eingefroren-angeekelter Miene vor dem Fernsehen wie zahlreiche prominente Gäste im Bambi-Saal, die bei ihren Zwischeneinblendungen nicht immer im glücklichsten Gesichtsmoment eingefangen wurden.

Was hat JBK mit den Krücken gemacht?

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Bambi 2014: Glitzernde Buxen und altes Gemüse

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Statt eines Moderators führten wechselnde Bambi-Paten durch die Verleihung. Nur Johannes B. Kerner durfte gleich drei Preisträger nacheinander abarbeiteten. Wobei man sich als Zuschauer immerhin kurzweilig mit der Fantasie bei Laune halten konnte, er habe mit den Krücken, an denen er auf die Bühne humpelte, hinter der Bühne ein paar eigentlich vorgesehenen Laudatoren eins übergezogen, um mehr Salbaderzeit zu bekommen.

Kerner sorgte dann auch für einen der wenigen Momente im Konsensmarathon, den man zumindest kontrovers betrachten kann: Umständlich betonte er in seiner Laudatio für den "Stille Helden"-Bambi, dass er gleich eine Geschichte erzählen würde, von der er nicht wüsste, ob sie wirklich ins Fernsehen gehöre. Und erzählte sie dann natürlich doch: Bei einem Autounfall kamen im vergangenen Jahr die Eltern von neun Kindern ums Leben - geehrt wurde einer der Helfer, die mit beherztem Engagement dafür sorgten, dass die Kinder zusammenbleiben konnten und nicht auf Pflegefamilien verteilt wurden. Einige von ihnen, die jüngeren, saßen auch im Publikum, und warum Kerner vor ihnen noch einmal das Trauma des Elternverlusts samt Unfallhergang ausbreiten musste, bis die Kamera die Kinder mit tränennassen Augen einfing, ist durchaus fragwürdig.

Die besten Momente waren am Ende die überflüssigsten, die aus dem Ruder gelaufenen Schwadronagen der Ausgezeichneten, die interessanter waren als die Auswahl der Ausgezeichneten selbst.

Smudo, der von Nachwende-Fernseherlebnissen mit seinem polnischen Cousin erzählte. Und der für sein Lebenswerk ausgezeichnete Helmut Dietl, der sich an "die weichen und gepflegten Hände von Edmund Stoiber" erinnerte und in seiner ausufernden Dankesrede in herrlich unnötiger Ausführlichkeit einen Dialog mit seiner dritten Frau Tamara aus dem Jahr 2000 nachspielte. In einem Einspieler lieferte Dietl obendrein ein schönes Zitat, das man eventuell auf die Einladungskarten für die nächstjährige Bambiverleihung drucken könnte: "Man nimmt diese menschliche Komödie hin, solange man kann. Und bewahrt sich dabei am besten die ironische Distanz. Dann geht's ganz gut - nicht wirklich, aber man kann leben."

Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL u.a. im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.