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Bambi-Verleihung 2019: Momente allgemeiner Rührung

Foto: Uli Deck/ DPA

Bambi-Verleihung 2019 Gefühlt drei Jahre

Die Bambi-Verleihung kränkelte auch in diesem Jahr am bekannten Problem: dem weiten Ausfallschritt von der Friedensnobelpreisträgerin zum Penis-Humoristen. Und am Ende kommt Peter Maffay.

Eine eher triviale Faustregel des Klotz-und-Klecker-Wesens besagt ja: Je posaunenreicher man betont, ein Mensch oder eine Veranstaltung sei wahnsinnig bedeutend und ganz, ganz toll, desto drängender wird der Verdacht, dass dem in Wahrheit vielleicht doch nicht so ist.

Stilvolles Understatement ist es jedenfalls nicht, wenn als Reinrutsch-Einspieler in den Bambi-Abend erst einmal ein paar ankommende Gäste erzählen müssen, wie schön das gleich alles werden wird, "der schönste Abend des Jahres" gar, sagt Paul Breitner, "vielleicht DAS gesellschaftliche Ereignis", kaipfläumelt Kai Pflaume hinterher.

Das Memo ist allerdings anscheinend nicht an alle Eingeladenen rausgegangen, wie jedes Jahr hat man in den folgenden gefühlt drei Jahren den dringenden Wunsch, einen Alternativfernsehkanal anzubieten, der vom Bühnengeschehen nur die Tonspur einspielt und ansonsten nonstop Bilder aus dem Publikum zeigt - der Anteil existenziell leerer bis einschlafbereit ennuyierter Einblendegesichter ist auch dieses Mal wieder sehr hoch, eine liebe Tradition.

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Bambi-Verleihung 2019: Momente allgemeiner Rührung

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Dabei fängt es im Baden-Badener Festspielhaus ganz gut an. Sarah Connor singt ihr abstruserweise von einigen Radiosendern als zu explizit geblocktes Lied "Vincent", legt sich dabei eine Flagge in Regenbogen- und Transfarben um die Schultern, die Bildregie verpasst knapp ein hübsches Witzchen, indem sie den im Publikum sitzenden Jogi Löw bei der Textstelle mit dem "Fußballstar" einblendet und nicht beim Stichwort "schönes Haar", und Connor gelingt es tatsächlich, das eher mumifiziert wirkende Publikum zum Aufstehen zu bewegen. Dann überreicht Thomas Gottschalk Frank Elstner einen Überraschungsbambi für sein Lebenswerk, es ist ein wohliger Moment allgemeiner Rührung, viele Reservate für solche Szenen gibt es ja nicht mehr, es ist ja auch mal schön.

Dann vergibt Hundetrainer Martin Rütter den Comedy-Bambi an Chris Tall, der in seinen Augen ja was von einem Welpen habe, weil er auch einen dicken Kopf habe und so tapsig-verspielt sei, und zeigt mit diesem Vergleich, dass er von Hunden dann also doch nicht sonderlich viel verstehen kann. Denn Hunde sind nie gemein, aber Chris Talls Witze trampeln stets nach unten. "Erfrischend, politisch unkorrekt und trotzdem warmherzig" nennt das die salbungsvolle Off-Stimme, denn wer eine Schule in Nepal baut, wo die Menschen alle so nett und freundlich sind, darf in seinen Shows auch raten lassen, ob vorgeführte Frauen schwanger oder einfach dick seien.

Der "lustigste und sympathischste Comedian" sei Chris Tall, sagt sein Kumpel Rütter, und zum Beweis hält Chris Tall eine Dankesrede, in der er etwa ein Dutzendmal grundlos "Penis" sagt, weil man das in einer Livesendung nicht schneiden kann, und weil das witzig ist, wenn man sieben Jahre alt ist, fang mich doch, du Eierloch.

Wichtige Themen, krampfige Show-Petersilie

Schon ist man wieder mittendrin im altbekannten Bambi-Dilemma: Der Preis will Menschen ehren, die unbestritten Gutes tun. In diesem Jahr sind das unter anderem Willie Smits, der in Indonesien Orang Utans rettet, deren Regenwälder auf Borneo und Sumatra für Palmölplantagen brandgerodet werden, die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad, die für die Rechte der vom IS verfolgten und ermordeten Jesiden kämpft, "Stille Helfer", die die Eltern chronisch kranker Kinder entlasten, Königin Mathilde von Belgien, die sich für Kinder engagiert, und Jugendliche, die Boulebahnen für Obdachlosenheime bauen und anderweitig in ihrem direkten Umfeld anpacken. Alles gute, wichtige, echte Themen. Umso krampfiger gerät der Bambi-Abend auch in diesem Jahr, wenn er zwanghaft auch die weniger altruistischen Preisträger, die Show-Petersilie drumherum, bedeutsam machen muss, damit das alles nicht zu sehr auseinanderklafft.

Also behauptet man, die als "Shootingstar" geehrte Shirin David habe "als Hip-Hopperin Unglaubliches geleistet" und sitzt dabei einem Irrtum auf: Wenn eine Frau Geld verdient, ist das noch nicht automatisch Feminismus. Wayne Carpendale dekoriert Uschi Glas, Gabi Dohm und Michaela Mey in seiner Ehrenpreis-Laudatio ebenfalls zu feministischen Leuchtfiguren um: "Sie haben uns begleitet in einer Zeit, in der die Gesellschaft immer freier, immer fairer und immer offener wurde, und ich glaube, sie haben eine ganze Menge dazu beigetragen" - denn hey, immerhin durfte Schwester Christa schließlich selbst Ärztin werden, obwohl sie eine Frau ist.

EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen framed sich dann noch beherzt die Mythologie zurecht, wie sie sie braucht: Europa sei eine starke Frau gewesen, weil sie schließlich auf einem Stier reiten konnte - und vergisst dabei, dass die entsprechende Geschichte in Wahrheit keine Sternstunde der Rinderdressur beschreibt, sondern Europas gewaltsame Verschleppung durch den in einen Stier verwandelten Zeus.

Umständlich und ausufernd, nur selten wohltuend unprätentiös

Ursula von der Leyen verleiht den Bambi in der von Jahr zu Jahr erratischeren "Millennium"-Kategorie an "Europa", er wird von Studenten aus zehn europäischen Länder entgegengenommen und es wird kurz peinlich, als Max aus Deutschland den gescripteten Witz aufsagt, er nehme die Trophäe dann mal mit in seine WG, hihi, oder fällt sonst noch jemandem ein würdevollerer Platz ein, worauf von der Leyen sie direkt wieder für das EU-Parlament einsackt.

Sehr lange dauert das alles, wahnsinnig umständlich und ausufernd sind fast alle Reden, und überhaupt will man diese Gala einfach nur komplett in ein riesiges Stück Küchenrolle einwickeln, um das überschüssige Fett abzuschöpfen: Mindestens "gefeiert, geliebt, verehrt" sind alle Preisträger, Idole, Helden.

Sehr wohltuend sind dann die seltenen, unprätentiösen Momente, etwa von Bjarne Mädel, der als bester Schauspieler ausgezeichnet wird und in seiner Rede sagt, er habe einfach wahnsinniges Glück gehabt, zuallererst damit, in Europa als weißer Mann geboren worden zu sein. Oliver Masucci hält eine schöne Rede auf die obligatorische internationale Schmuckperson Naomi Watts, in der er erklärt, wie man als Schauspieler "ganz nah an der Wahrheit lügen kann".

Am Ende werden dann noch Simply Red als "Legenden" ausgezeichnet, man fürchtet sich schon, dass trotz vorgerückter Stunde noch die Kategorien "Giganten","Titanen" und "Auch schon lange dabei" drankommen, aber dann taucht überraschend Peter Maffay auf, sagt "So, meine Damen und Herren" und wünscht eine gute Nacht - wahrscheinlich war das das planmäßige Ende, aber schön ist die Vorstellung schon, dass er einfach irgendwann beherzt beschloss, dem Ganzen ein Ende zu machen, dem schönsten Abend des Jahres.

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