Schweinsteiger-Doku von Til Schweiger Out of Oberaudorf

Til Schweiger produziert eine Doku über Bastian Schweinsteiger - da muss man fürchterliches Gekumpel fürchten. Ein Fall fürs Feuilleton ist "Schw31ns7eiger" tatsächlich nicht geworden; dafür aber anrührendes Fanfutter.
Nah ran für die Fans: Til Schweigers Bastian-Schweinsteiger-Elegie

Nah ran für die Fans: Til Schweigers Bastian-Schweinsteiger-Elegie

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Wenn Til Schweiger einen Dokumentarfilm über seinen Buddy Bastian Schweinsteiger herausbringt, im Titel die Rückennummern des Ex-Profis eingearbeitet sind und die Unterzeile "Memories - Von Anfang bis Legende" lautet – dann lässt sich ungefähr erahnen, was geboten wird: eher Jubelarie als kritisches Hinterfragen, eher Fan-Footage als Feuilleton. Zumal der Auftraggeber Amazon Prime Video, der seit einiger Zeit Fußball als Vehikel zur Kundengewinnung entdeckt und Bundesligaspiele überträgt, sicher Interesse an gut vermarktbaren Bildern des globalen Sportstars hatte.          

Wer den 112-minütigen Film (Regie: Robert Bohrer) mit dieser Erwartungshaltung anschaut, wird auch nicht enttäuscht. Der kleine Bastian beim Kicken, der kleine Bastian beim Skifahren, erst noch mit Gummibärchen als Belohnung, dann im Wettbewerb mit seinem Freund Felix Neureuther – dank des Umstands, dass Vater Fred Schweinsteiger als Betreiber eines Sporthauses die ersten Leibesübungen seiner Söhne mit der Videokamera festhielt, existieren herzerweichende Bilder, und der Protagonist hat sie freigegeben. Genauso wie Aufnahmen von seiner Kabinen-Abschiedsrede in Chicago und seiner Hochzeit mit Ana Ivanović in Venedig.

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Schw31ns7eiger

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Natürlich kommen Genre-übliche Geschmacksverstärker wie Zeitlupen und suggestive Musikuntermalung zum Einsatz, und Schweiger konnte es auch nicht lassen, sich zum Beleg seiner Distanzlosigkeit selbst mit ein paar Auftritten zu verewigen. Aber insgesamt trifft der Film doch einen guten Ton – wobei er von der günstigen Dramaturgie der Schweinsteigerschen Karriere profitiert: Die Geschichte vom Buben aus Oberaudorf, Landkreis Rosenheim, der in seiner Laufbahn für Manches mehrere Versuche brauchte, am Ende aber doch die größten Titel gewann, eignet sich einfach zu schön für eine Heldensaga.

Von den frühen Frisurunfällen des 18-jährigen Bundesliga-Debütanten im Jahr 2002 (eingewechselt für einen gewissen Niko Kovac) über das gemeinsame Debüt in der Nationalmannschaft mit Lukas Podolski und das nicht mehr ganz so hell strahlende Sommermärchen 2006 wird viel Folklore zu einer sentimental journey verdichtet, die man gern noch mal mitmacht.

Das tragisch verlorene Champions-League-"Finale dahoam" 2012, bei dem Schweinsteiger einen Elfmeter an den Pfosten setzte, darf genauso wenig fehlen wie der Triumph von Wembley ein Jahr später. Und natürlich der 7:1-Sieg über Brasilien sowie das WM-Finale 2014, in dem Schweinsteiger mit Cut unterm Auge "zum Krieger" wurde, wie Oliver Kahn es ausdrückt. 

Der ehemalige Torhüter und designierte FCB-Vorstandsvorsitzende ist nur einer von vielen Weggefährten, die im Film zu Wort kommen. Und bei aller Erwartbarkeit der Lobeshymnen rührt dann schon an, wie herzlich anerkennend sich die befragten Kollegen (unter anderem Lukas Podolski, Miroslav Klose, Michael Ballack, Thomas Müller, Holger Badstuber, Jérôme Boateng) äußern.
 
Nicht zuletzt erscheint Schweinsteiger als prägender Spieler der Ära Angela Merkel: Ob auf der Tribüne oder in der Kabine, wo sie ihm schon mal einen Klaps auf den nackten Oberkörper gab – stets steuerte die Kanzlerin bei ihren Fußball-Ausflügen den höflich-loyalen, unverstellten Schweinsteiger an. Nicht nur diese Kabinenszene wirkt in Zeiten von Corona-Geisterspielen wie ein Gruß aus einer fernen Epoche.

In den privaten Sequenzen abseits des Spielfelds erweist sich Schweinsteiger als launiger Conférencier seines Lebens. Er sagt Sätze wie: "Ich lese Spiele tausendmal lieber als ein Buch ", rückt seiner Ana im Café – ganz Gentleman – den Stuhl zurecht und führt durch die Tiefgarage an der Säbener Straße, wobei der interessierte Zuschauer erfährt, dass Gold-Steak-Liebhaber Franck Ribéry mit einem überraschend bescheidenen Auto zum Training fuhr.        

Verglichen mit der 2019 erschienenen Kino-Dokumentation "Kroos" über seinen zeitweiligen Mittelfeld-Kollegen (inzwischen ebenfalls bei Amazon Prime Video verfügbar), ist das Schweinsteiger-Porträt der wärmere Film. Während einen bei "Kroos" der kalte Hauch des Fußball-Kapitalismus anweht, glaubt man es Schweinsteiger qua Werdegang und Persönlichkeit, wenn er den Fans im Stadion mitteilt, er habe seinen Vertrag "für euch" verlängert. So wie er beim Abschiedsspiel in München "Ich bin einer von euch und werd’s immer bleiben" rufen konnte, ohne dass es gänzlich falsch wirkte.

Schweinsteigers sportlich unspektakulärer Karriereausklang bei Manchester United und Chicago Fire wird – dramaturgisch gesehen – kompensiert durch die Strahlkraft von Ana Ivanović, mit der er inzwischen zwei Söhne hat. Von Herzen gönnt man Schweinsteiger, dem großen Schmerzensmann, dass er seine Karriere augenscheinlich ohne gravierende gesundheitliche Schäden überstanden hat. 2:6 verliert er am Ende einen Tennis-Satz gegen seine Ehefrau und mosert ein bisschen über den Bodenbelag. So kann ein Held doch in den Sonnenuntergang reiten.

Ab 5. Juni bei Amazon Prime Video.

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