"Bauer sucht Frau" Busenshaming und Besamungsflaschen

Nimmer endend ist der Vorrat bindungsbedürftiger Landwirte. Weswegen der Charity-Sender RTL mit der elften Staffel von "Bauer sucht Frau" erneut Hilfe zur Selbsthilfe leistet. Und im Dienste der Menschlichkeit ausgiebig auf Busen zoomt.

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Man wird alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu, lautet eine - möglicherweise inoffizielle - Bauernregel.

Zum Auftakt der neuen Staffel von "Bauer sucht Frau" bewahrheitete sie sich jedenfalls aufs Schönste, tatsächlich konnte man da auch als an der Landscholle mäßig interessierter Städter noch einiges für eventuell zu erwartende Talfahrten im eigenen Leben mitnehmen: Eine Kandidatin etwa demonstrierte, wie man sich beim Bezirzen eines Schweinezüchters schlau die Prägungspsychologie zunutze machen kann, indem man beim Erstkontakt ein bodenlanges ferkelfarbenes Kleid anzieht. Eins mit dem Schwein werden! Pawlow hätte anerkennend gegrunzt.

Falls man sich dagegen im letzten Moment doch noch gegen die amouröse Landverschickung entscheidet, macht man das am besten wie eine andere clevere Kandidatin: Um sich aus der drohenden Umhalsung eines Schweizer Knitterbauern mit Känguru-Hose zu lösen, schürte sie beherzt menschliche Urängste - und überzeugte den Bauern, dass sie als Gelegenheitsraucherin eine existenzielle Gefahr für Haus und Hof darstelle: Nur eine einzige achtlos weggeworfene Kippe, und - Puff! - das ganze hölzerne Hüttchen stünde unrettbar in Flammen. Als sie dann zur Sicherheit noch erwähnte, dass sie sogar mal selbst im Garten Tabak der Sorte "Rotfront" angebaut habe, wurde dem Bäuerlein in der klaffenden Riesenhose vollends himmelangst, und er ließ die Schutzraucherin davonkommen.

Leider verpasste die notorische Moderatorin Inka Bause im Anschluss an diese praktischen Lebenslektionen die Chance auf eine geschichtliche Anspielung für die heimlich zusehenden Bildungsbürger: Sie hätte einen gelungenen Studienrats-Kalauer über den "Raub der Sabrinerinnen" landen können, als ein Bauer sich gleich zwei Sabrinas zur Auswahl aufs Scheunenfest kommen ließ und sie eingehenkelt zur weiteren Begutachtung abführte.

Nicole: Freu!

Ansonsten war alles beim alten, die rurale Vermittlungsmasse, zu der Bause stets im hohen Euphorie-Singsang spricht, als sei es nicht selbstverständlich, dass die so Angesprochenen ihre Schuhe alleine zubekommen, war wie stets beim Scheunenfest für täppische Erstkontakte gut. Und schon rumpelten die weichenstellenden Konversationen mit ihren Bewerberinnen an:

Bauer: Ich habe mich für die Nicole entschieden. Bause: Und was sagt die Nicole? Nicole: Freu!

Meist genügte das schon, und die Liebessache war geritzt, und zuhause auf dem Sofa wurde einem wieder mal der letzte sorgsam gehütete Restglaube an die conditio humana vergrämt. Sicherheitshalber hatte Jungbauer Nils noch zwei prächtige Rindersalamikeulen mit dekorativ gemeinten Bullenhaarbüschel dran im Gepäck, und sofort wünschte man sich selbst, nie mehr im Leben irgendwas geschenkt zu bekommen, vorsichtshalber.

Neu in der Scheunenfest-Dramaturgie war ein in dieser Heftigkeit sonst nicht spürbarer Wille zum Catfight zwischen einigen Bewerberinnen. Da wurde grobes Busenshaming betrieben, weil das ausführlichst abgefilmte und zoom-bedachte Dirndl-Dekolleté der Konkurrentin zu ausladend war, und in putzigster Glashaussitzer-Tradition die Haarpracht der anderen bekrittelt.

Auch die Figur des ländlichen Lustgreises wurde erstmals konsequent besetzt: Gerne hätte man über Pferdewirt Gregor lediglich erfahren, dass er einen Hengst namens "Rocky Spitzarsch" besitzt, doch leider bekam er über dieses verblüffende Detail hinaus reichlich Redezeit: "Ich liebe bei den Frauen die feurigen Augen und das gewisse Oberteil", beschied er und lobte mit Wurstauslagen-Sondierblick die Brust einer Kandidatin: "Bisschen Balkon hast du auch, schön." Eine Anwärterin floh dann beim Scheunenfest direkt vor dem Fummler und Hinternkneter, der optisch stark an eine butterblumenhaarige Mischung aus Donald Trump und JR Ewing erinnerte - auch die wie immer herrlich ausgewählte Hintergrundmusik belegte diesen Umstand, indem sie bei Gregors Einspieler die Titelmelodie von "Dallas" unterlegte.

Spaß muss sein!

Auch der Schnitt durfte scherzen. Und einen Bauern zeigen, der seiner Mutter ausführlich die Befruchtungsvorgänge beim Zuchtschwein erläuterte: "Des san die Besamungsflaschen, die musst du schön voll machen mit dem fertigen Sperma" - um in der nächsten Einstellung zwei Flaschen Eierlikör zu zeigen, die fürs Scheunenfest in den Koffer gepackt wurden. Spaß muss sein!

Auch und vor allem beim Scheunenfest, wo beim gemütlichen Teil nach getaner Verpaarung plötzlich Mutter Beimer aus der Kulisse bricht. So denkt man zu Hause jedenfalls kurz, der Blick schon etwas schwummrig, doch dann ist es nur der äußerlich etwas veränderte Howard Carpendale, der das mit der Singlevorstellung bei der Kuppelveranstaltung irgendwie falsch verstanden hat und vorgibt, ein Lied zu singen.

Was nimmt man mit von diesem Staffelauftakt? Erstens: Das Scheunenfest ist die neue Baumarkteröffnung. Zweitens: Ein neues Lieblingssprichwort. "Du warst mir sofort ein Dorn im Auge", schmeichelte einer der Bauern seiner Auserwählten, und das ist doch eine sehr schöne verkürzte Darstellung der kommenden Ereignisse. Man kennt das doch: Erst sticht einem wer ins Auge, und dann ins Herz. Das muss diese Bauernschläue sein, von der man gelegentlich hört.



insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
toll_er 13.10.2015
1. Irre
dass das auch nur einer überhaupt anschaut. Einfach irre. Und niemand geht auf die Barrikaden. Der Bauer an sich wird hier bis aufs Blut diskriminiert. Wo sind die Bauernverbände? Wahrscheinlich lecken die gerade ihre Wunden wegen der selbst herbeigewünschten Auflösung der Milchquote. Vielleicht will dieses Sendung aber gerade auf dieses Problem aufmerksam machen. Euter werden ja genug ins Bild gewuchtet. Und wo bleibt der feministische Aufschrei? Die Frau als an den Bauern zu bringende Dumm-Dumm-Ware? Tja. Deutschland braucht das wohl. Armes Deutschland. :)
dr.wssk 13.10.2015
2. Wunderschön diese Sendung,
wem es nicht passt, der kann sich gern Tag für Tag mit aktuell politischen Themen berieseln lassen.
bretone 13.10.2015
3. Jedem Volk ...
... sein RTL! Den Deutschen das schlimmste!
thorthe37 13.10.2015
4. Also Frau Rützel,
jetzt habe ich mein gesamtes Frühstück über'n Tisch geprustet. Alles Ihre Schuld ;) Danke dafür!
RudiRastlos2 13.10.2015
5.
Wer Spaß an "Bauer sucht Frau" hat, schaut vermutlich auch mit Begeisterung "Berlin - Tag & Nacht" oder "Köln - 50667". Gescriptede Geschmacks-Diarrhoe.. Nein wirllich, mich würde wirklich interessieren wie groß der Overlap der Zuschauergruppen ist.
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