"Bauer sucht Frau"-Kolumne Der Gleichmut der Hühner

Welche Dame darf beim Bauern in die Badewanne? Was passiert nachts auf dem Scheunenboden? In unserer "Bauer sucht Frau"-Kolumne ordnen wir die aktuellen Ereignisse für Sie ein. Diesmal: Die Paare scheiden tränenreich oder genießen das gemeinsame Glück - zurück bleibt ein Gefühl der Leere.

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Nein, auch in der letzten Folge mochte einem nicht feierlich zumute werden. Es war nicht traurig, nicht lustig, nichts. Offene Stränge wurden hastig zuende erzählt, erfolgreiche Verkupplungen noch einmal breit zelebriert. Wer will, der kann heute schon der einschlägigen Boulevardpresse entnehmen, ob's auch wirklich etwas geworden ist.

RTL jedenfalls hat seinen Job erledigt und die Seifenblase bis zur letzten Minute in der Luft gehalten, wo sie so leer herumschwebte wie Inka Bause - das Unheimlichste an der Moderatorin ist, dass sie mit dem gefrorenem Lächeln im Gesicht und der einbalsamierten Herzlichkeit in der Stimme tatsächlich den Eindruck erweckt, den dünnen Dreck zu glauben, den sie da in immergleichen Alliterationen präsentiert.

"Bauer sucht Frau" zeigt das falsche Leben im falschen Leben, auf dem richtigen Sender. Das Format würde aber auch dann keinen "Reiz" entwickeln, wäre es "still" oder "respektvoll" inszeniert und würden die Macher "ganz genau hinschauen" - es würde sich einfach in Luft auflösen. Und weil sich aus dem Nichts kein Resümee ziehen lässt, folgen ersatzweise ein paar hilflose Eindrücke aus der letzten Folge …

Da macht nämlich der Kuhbauer Horst seiner Stenokontoristin Babette nach erfolgreicher Sauerampfersammlung das, was er für ein Kompliment hält: Er lockt die Angebetete in den Stall zum Kälbchen, das Babette auf den Namen ihrer besten Freundin taufen durften, und erklärt zwischen Luftballons in Herzform: "Ich schenke dir Mimi, sie braucht dich. Und ich brauche dich als Nähmaschinchen". Wofür er eine Frau braucht, die fortwährend präzise kleine Stiche setzt, weiß kein Mensch. Babette auch nicht, ist aber vorsichtshalber sehr gerührt.

Der "fröhliche Friese" Gerold und die "patente Bayerin" Petra müssen sich einstweilen trennen. Petra verschenkt ein Kleeblatt mit vier Blättern. Seine gerührte Reaktion, sich auf der Wiese umschauend: "Die meisten haben ja nur drei, ne?" Dann wartet das Taxi, und Gerold vergießt angeblich "bittere", tatsächlich wohl aber einfach nur echte Tränen.

Auch bei Gerhard und Monique neigt sich die "Hofwoche" dem Ende zu. Gerhard weiß, dass die Altenpflegerin sich vor Kühen fürchtet. Seine Methode, ihr Herz zu gewinnen, besteht darin, sie möglichst oft mit den Kühen zu konfrontieren. Melken lernen beispielsweise. Das Geräusch des bedrohlich wedelnden und durchaus kotverkrusteten Kuhschwanzes wird mit dem lustigen Wisch- und Zischgeräusch unterlegt, dass man von Prügeleien in billigen Gangsterfilmen kennt. Zum Abschied hat Monique "heimlich" eine Schwarzwälder Kirschtorte gebacken und eigens blauen Nagellack aufgetragen. Taxi, Tränen.

Zu Schweinebauer Uwe ist tatsächlich die Versicherungsangestellte Iris zurückgekehrt. Für die Wochenendbeziehung muss ein größeres Bett her. Und da liegen sie dann händchenhaltend und wippend und schaukelnd. Trockenübungen auf dem Wasserbett. Es folgt der kompexe Aufbau der Schlafstätte. Schlauch dran, fertig. Später gibt es Sekt im Bett: "Am liebsten hätte ich, dass du für immer hier einziehst", sagt Uwe, und Iris sagt: "Das möchte ich auch". Uff. Auch wir wollen's hoffen, weil so ein Wasserbett nicht billig ist.

Philip und Veit backen zusammen einen Kuchen. Rührend, weil Veits Mutter und Großmutter sich zum Kaffee angekündigt haben. Der Kuchen gerät eher kümmerlich, mit bunten Herzchen drauf, was Veit zu der seltsamen Bemerkung hinreißt: "Wie schwul sieht das denn aus?" Nachdem schließlich die ziemlich coole Oma aus dem Volvo gestiegen und von ihrem Enkel mit den Worten "Hallo, meine Oma!" begrüßt worden ist, spendet sie Worte der Weisheit: "Denkt mal, wo ihr schwul seid, früher hättet ihr euch verstecken müssen". Philip schenkt Veit ein Schweinchen und "was Kleines für die Schweinchen, kann man so und so sehen", und dann gibt's Ringe. Für die beiden verliebten Schweinchen, wenn man es so sehen will.

Das war's. Was bleibt von dieser Staffel, wenn man den Ton abstellt? Resopal, Eternit, Eichenfurnier. Der Gleichmut der Hühner, Hunde, Pferde, Schweine und Kühe. Gefärbte Haare und angeklebte Fingernägel hier, Hornhaut und Nikotinflecken dort. Traktormodelle verschiedener Marken, Farben und Generationen. Im halbhohen Gras dahinrostende Pflüge. Einbauschränke und Tiefkühltruhen. Schmeißfliegen, die sich nie irren, starten und landen auf vergilbten Tapeten. Zum Frühstück auf pflegeleichten Wachstuchtischdecken eingeschweißte Wurst und neonfarbene Marmelade; zum Mittagessen aufgetautes Wild oder angebrannte Fertigpizza; zum Abendessen irgendwas, das man aus den Werbepausen kennt.

Dazwischen Flachmänner und Blaumänner, verwaiste Bushaltestellen unter bewölktem Himmel. Duftbäume an Rückspiegeln robuster Automobile. Anbauten, Umbauten, Maschendraht, Moos auf Dächern und kiesbestreute Auffahrten. Immer wieder der gleiche Regenbogen. Und eine Traurigkeit, so rätselhaft und unergründlich wie unter dem Wellblech die Sickergrube.

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
amidelis 20.12.2011
1. and the winner is -
schreib mehr Arno Frank. Klasse Text...thumbs up
Sapientia 20.12.2011
2. Rudolf Augstein, holen Sie uns hier raus!
Zitat von sysopWelche Dame darf beim Bauern in die Badewanne? Was passiert nachts auf dem Scheunenboden? In unserer "Bauer sucht Frau"-Kolumne ordnen wir die aktuellen Ereignisse für Sie ein. Diesmal:*Die Paare scheiden tränenreich oder genießen das gemeinsame Glück - zurück bleibt ein Gefühl der Leere. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,804705,00.html
Der qualitative Sinkflug Ihrer Redaktionen zu unaufhaltsam.
rückwärtseinparkerin 20.12.2011
3.
Zitat von sysopWelche Dame darf beim Bauern in die Badewanne? Was passiert nachts auf dem Scheunenboden? In unserer "Bauer sucht Frau"-Kolumne ordnen wir die aktuellen Ereignisse für Sie ein. Diesmal:*Die Paare scheiden tränenreich oder genießen das gemeinsame Glück - zurück bleibt ein Gefühl der Leere. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,804705,00.html
Schön geschrieben!
caecilia_metella 20.12.2011
4. Es ist unheimlich aufregend,
die geheimsten Wünsche eines Bauern zu erkennen. Welche Frau darf was. Wer um alles in der Welt sollte das denn nun noch wissen. Ja, Hühner vielleicht.
BlakesWort 20.12.2011
5.
Zitat von SapientiaDer qualitative Sinkflug Ihrer Redaktionen zu unaufhaltsam.
Hauptsache die Kommentare reissen es raus... Schön geschriebene Kolumne und eine wirklich gute Überschrift. Nun ist er wieder aus, der "Illusionenstadl". Ein paar haben sich gefunden, die anderen getrennt. Aber solange sich auch nur zwei einsame Herzen gefunden haben, war die Sendung nicht komplett bescheuert.
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