Kritik an "Bauer sucht Frau" "Immer schön rein in die Exkremente"

Beim Finale von "Bauer sucht Frau" wird heute noch einmal auf dem Heuboden poussiert und beim Mistschippen geflirtet. Agrarökonom Roman Strasser ärgert das maßlos. Er sagt: RTL zieht die Landwirtschaft in den Dreck.

RTL/ Stefan Gregorowius

Ein Interview von


Zur Person
    Roman Strasser (28) ist auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Süddeutschland mit Schweinezucht und Ackerbau aufgewachsen und studierte Agrarwissenschaften und Agribusiness. Er arbeitet als Projektleiter auf einem landwirtschaftlichen Großbetrieb in Sachsen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Strasser, warum ärgern Sie sich über "Bauer sucht Frau"?

Strasser: Es regt mich einfach auf, wenn ich sehe, wie hier die Landwirtschaft in den Dreck gezogen wird. Eine einzige Sendung zerstört, was wir Landwirte mit Imagekampagnen mühsam aufgebaut haben. "Bauer sucht Frau" suggeriert ja, dass Landwirtschaft in Deutschland so aussieht, dass da ganz normale Durchschnittsbauern gezeigt werden, die eine Frau suchen. Dabei gibt RTL selbst zu, dass sie bei der Kandidatenauswahl vor allem Bewerber berücksichtigen, die, und das ist jetzt zitiert, "etwas aus dem Rahmen fallen".

SPIEGEL ONLINE: Was stört Sie an der Darstellung der Bauern?

Strasser: Alles wird ins Lächerliche gezogen, mit Kamerafahrten, die immer derb draufhalten, egal ob bei den Menschen oder den Tieren: Immer schön rein in die Exkremente. Das ist einfach herabwürdigend, auf einem Hof geht es um viel mehr als um stumpfe Arbeiten wie Mistschippen. Dazu kommt, dass durch viele der gescripteten Dialoge und Handlungen der Eindruck entsteht, Bauern respektive Landwirte seien sozial in irgendeiner Form zurückgeblieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich die "Bauer sucht Frau"-Landwirtschaft vom realistischen Alltag?

Strasser: In der Sendung werden nur die netten Sachen herausgegriffen: Man fährt mit dem Oldtimer-Traktor durch die Wiesen und macht dann ein Picknick oder füttert süße Kälbchen. Der überwiegende Teil der gezeigten Höfe sind in meinen Augen Nebenerwerbsbetriebe - ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Landwirte ihren Lebensunterhalt auf diesen Höfen erwirtschaften können.

SPIEGEL ONLINE: Welche Aspekte des Hoflebens fehlen Ihnen bei "Bauer sucht Frau"?

Strasser: Der Fortschritt, der natürlich auch in der Landwirtschaft Einzug gehalten hat, wird komplett ausgeblendet. Viele Anlagen sind längst computergesteuert. Wenn man eine Biogasanlage betreibt, muss man manchmal Chemiker, Mechaniker, Biologe, Elektriker und Klempner gleichzeitig sein. Traktoren sind längst fahrende Technikkunstwerke, voll-computerisiert, mit GPS-Steuerung, oft mit Klimaanlage. Auch die Tatsache, dass ein Großteil der landwirtschaftlichen Arbeit im Büro stattfindet, fehlt völlig.

SPIEGEL ONLINE: Das gibt dramaturgisch im TV nicht so viel her wie eine Schweinekastration.

Strasser: Natürlich will das keiner sehen, wenn einer im Büro hockt und seine Buchhaltung macht - aber es gehört eben auch dazu. Ein Landwirt ist ein Unternehmer. Und es gibt viele, die mit dem Tablet über den Hof laufen und so ihre Futtermittel, Ackerdüngungen und so weiter dokumentieren - das Tablet kommt mit in den Stall, auf den Traktor, ich mache das selbst auch.

SPIEGEL ONLINE: Ein Computer passt eben nicht in das RTL-Bauernklischee.

Strasser: Natürlich ist bei den gezeigten Klischees auch immer ein bisschen Wahrheit dran, aber die Inszenierung bei "Bauer sucht Frau" ist eben wahnsinnig überreizt. Mich ärgert, dass Bauern hier explizit diskriminiert werden, während andere Berufe in ihren jeweiligen Serien und TV-Formaten meist positiv dargestellt werden: Polizisten sind immer die Guten; selbst wenn sie mal einen Fehler machen, stehen sie am Ende als Geläuterte gut da. Ärzte sowieso, auch die Versicherungsleute, die bei "Stromberg" vorkommen, werden immer noch als witzig dargestellt.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie die ausländischen Versionen des Formats? Bei "Farmer Wants a Wife" werden in den USA und in Australien ganz andere Bauerntypen gezeigt: Moderne, muskulöse, Pin-up-würdige Jungs.

Strasser: Ja, die Versionen kenne ich - in diesen Ländern haben die Farmer aber von vornherein ein ganz anderes Image und einen anderen Stand in der Gesellschaft. Die Menschen sehen es so: Der Farmer arbeitet für uns, er ernährt uns. In Deutschland hat der Beruf des Landwirts in der allgemeinen Wertschätzung dagegen massiv gelitten.

SPIEGEL ONLINE: Könnte da eine modernisierte "Bauer sucht Frau"-Version helfen?

Strasser: Warum sollte RTL sein Konzept ändern? Der Sender hat pro Folge zwischen sechs und acht Millionen Zuschauer, das sind massive Werbeeinnahmen. Eine Änderung könnte da einen hohen Verlust bedeuten - als Ökonom kann ich den Machern ihr Verhalten nicht vorwerfen.

SPIEGEL ONLINE: Ist "Bauer sucht Frau" ein Thema, über das sich auch Ihre Landwirt-Kollegen aufregen?

Strasser: Es gibt auch Menschen mit landwirtschaftlichem Hintergrund, die sich extra treffen, um die Sendung gemeinsam anzuschauen. Ich kann nicht verstehen, dass sie ihre eigene Verhöhnung noch selbst unterstützen. Sehr viele Landwirte teilen aber meine Meinung: Ich habe eine ausführliche Kritik auf die Facebook-Seite von RTL gepostet, die inzwischen über 2200 Mal geteilt und 15.000 Mal gelikt wurde. Und ich habe über hundert Nachrichten von Leuten aus der Landwirtschaft bekommen, die sich bedankt haben, weil sie sich auch von der Sendung verletzt fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Nun zeichnet "Bauer sucht Frau" ein wenig schmeichelhaftes Bild vom Landleben - es gibt aber auch das gegenteilige Bilderbuch-Klischee vom idyllischen Bauerndasein. Vielleicht möchten die Menschen die Realität gar nicht kennen?

Strasser: Das stimmt absolut. Die Menschen wollen, wenn sie ihr Schnitzel essen, nicht an den großen, industrialisierten Stall denken. Sie stellen sich, wenn sie an die Herkunft ihrer Nahrung denken, lieber einen Landwirt vor, der mit seinem Trecker herumfährt und auf der Weide die Kühe krault, und unten kommt dann die Milch raus. In Wahrheit haben die meisten großen Milchviehställe längst Roboter. Kleine Betriebe haben mit den sinkenden Preisen schwer zu kämpfen, vielen bleibt nur noch der Weg, sich zu vergrößern, um günstiger produzieren zu können.

SPIEGEL ONLINE: Und wie steht es mit dem Klischee, dass Landwirte sich bei Beziehungen schwertun? Vordergründig will "Bauer sucht Frau" ja bei der Partnersuche helfen.

Strasser: Viele der Landwirte, die da gezeigt werden, würden das alleine wohl wirklich nicht hinbekommen. Das liegt aber nicht an ihrem Beruf, sondern an ihrer Persönlichkeit. Sie sind eben den sozialen Umgang mit anderen Menschen, vor allem mit Frauen, nicht gewohnt - das gibt es aber in allen Berufen, das ist kein explizites Problem der Landwirtschaft. Ein Landwirt findet auch ohne Hilfe eine Frau, wenn er etwas dafür tut - und zum Beispiel dafür das Internet nutzt. Und die Frau muss heute auf dem Hof ja nicht mehr unbedingt als Arbeitskraft eingeplant werden, die sofort im blauen Overall in den Stall geschickt wird - sie kann natürlich auch einen anderen Beruf ausüben, wenn der ihr Freude macht.


"Bauer sucht Frau", Montag, 21.15 Uhr, RTL



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
politik-nein-danke 07.12.2015
1. Imagekampagne...wenn ich das schon lese...
Mit anderen Worten machen die Landwirte nichts anderes als etwas darstellen was es nicht gibt.
windpillow 07.12.2015
2. Bauer sucht Kartoffel
Es ist eine -von vorn bis hinten- bis ins kleinste Detail durchgeplante und arrangierte TV- Show, die nichts dem Zufall überläßt, sondern nur einen Zweck hat, nämlich Frau Bause ins rechte Licht zu rücken für evtl. größere "TV-Aufgaben."
Atheist_Crusader 07.12.2015
3.
Naja, wer solche gescripteten Sendungen für ein Abbild der Realität hält, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen. Und dass die Auswahl der Kandidaten so ausfällt, darf auch nicht überraschen. Normalere Kandidaten müssen sich nicht nur nicht bei RTL zum Idioten machen lassen um eine Partnerin zu finden - sie sind auch sehr viel langweiliger anzuschauen. Auf der Autobahn guckt ja auch keiner auf die Landschaft, wenn es stattdessen einen Unfall zu sehen gibt.
elizar 07.12.2015
4.
Zitat von Atheist_CrusaderNaja, wer solche gescripteten Sendungen für ein Abbild der Realität hält, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen. Und dass die Auswahl der Kandidaten so ausfällt, darf auch nicht überraschen. Normalere Kandidaten müssen sich nicht nur nicht bei RTL zum Idioten machen lassen um eine Partnerin zu finden - sie sind auch sehr viel langweiliger anzuschauen. Auf der Autobahn guckt ja auch keiner auf die Landschaft, wenn es stattdessen einen Unfall zu sehen gibt.
Und um das alles noch zu toppen sind die Bauern ja oft gar keine. Meine Freundin kennt jemand, der wurde gefragt, ob er dort mitmachen könnte. Als er daraufin meinte, es habe von Landwirtschaft keine Ahnung, ist Halbweise und nen Bauerhof hat er auch nicht, meinte RTL nur: "Kein Problem, das stellen wir dir." Der Gefragte ist Chemielaborant und war noch nie auf dem Bauernhof. Wer jetzt noch glaubt, an der Sendung ist auch nur irgendwas echt, den kann man nicht mehr helfen ...
ge1234 07.12.2015
5. Hmmm...
... was genau ist jetzt sein Problem? Dass der Beruf des Bauern nicht so attraktiv und angesehen ist wie der eines Polizisten oder Herzchirurgen? Oder dass sich keiner für Bauern interessiert, obwohl die doch eigentlich so toll sind? Zum Trost: Bekanntlich schlägt nichts einen Astronauten! Btw: "Das gibt dramaturgisch im TV nicht so viel her wie eine Schweinekastration" ist mal wieder ein echter Rützel. Klasse, vielen Dank dafür!
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