"Bauer sucht Frau" Ferkeltätscheln für den Flauschfaktor

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Zum zehnten Mal schickt sich RTL an, bei "Bauer sucht Frau" schwervermittelbare Landwirte zu verkuppeln. Und setzt dabei auf den penetranten Flausch putziger Jungtiere.

Sebastian hätschelt Häslein, Harm krault Kälbchen, Armin liebkost Lämmchen. Markus herzt seinen Hund, Gunther schnäbelt mit Schweinchen, Katrin puschelt den Pudel. Puh! Mehr Tierbetastung war nie bei "Bauer sucht Frau", jenem alliterationsfreudigsten aller TV-Formate, in denen bereits in neun Staffeln "agile Ackerbauern" und "sensible Schweinezüchter" mit bindungswiligen Schollenaspirantinnen und -aspiranten vergesellschaftet wurden.

Zur Auftaktfolge, in der das zu vermittelnde Personal der zehnten Staffel vorgestellt wurde, hielt man sich mit den obligatorischen Wortspielen noch verdächtig zurück - dafür wurde jedem Bauern in seinem Vorstellungsvideo ein flankierendes Putzigtier zugesellt, das der liebeslechzende Landwirt (Verzeihung, neun Staffeln Stabreim!) dann in seinen Pranken drehen konnte.

So beschmusen sie in den kurzen Clips ihre Hunde, lassen sich von Feuchtnasen anstupsen und wühlen in weichem Fell. Rührende Momente, die regieseitig wohl die teilweise immer noch bestürzenden Wohnverhältnisse und eher ungelenken verbalen Zärtlichkeitsversuche der Bauern ausgleichen sollen: "Ich wünsche mir eine schöne Frau, die mich lieben kann", sagt Harm aus Friesland: " Lieben und geliebt werden, so ungefähr." Weinbauer Günther aus Südtirol wird ungut explizit, will eine Frau, die ihn "sexuell reizen" soll. Schnell ein paar samtfellige Zicklein ins Bild!

Und wenn Jens aus Sachsen schon unbedingt von seinem unschmusigen Hobby "Erdgeschichte" und der umfangreichen Steinsammlung erzählen will, muss er zum Ausgleich eben auch noch seinen Hahn bekuscheln, der möglicherweise tatsächlich "Sesam" heißt.

Dass fellige und fedrige Wesen einem Menschen als Accessoires zugesellt werden, um Seiten an ihm zu zeigen, die sonst unsichtbar wären - das kennt man aus der Kunst. Dort hat das Tier als Symbol Tradition, etwa auf Herrscherporträts: Sitzt der König souverän auf seinem Pferd, steht das Tier stets auch stellvertretend für sein Amt und sein Volk, das er so sicher und bestimmt zu lenken weiß wie sein Reittier - das Tier als Stellvertreter und Platzhalter.

Denn wer so sanft mit zutraulichem Hausvieh umgeht wie die RTL-Bauern, signalisiert damit bei aller offenkundigen sozialen Kantigkeit seine softe Seite: Liebe Interessentin, so wohlig könnte es auch dir ergehen.

Hübsche Idee, nur leider wurde der pentrante Flauschbezug in diesem Fall mit dem Holzhammer eingeklopft. Und ohnehin hinkt der Symbolwert bei weiterer Betrachtung ja leider doch ganz beträchtlich. Wenn Mittelfranke Gunther glaubhaft versichert, zu seinen Mastschweinen einen "ultraguten Draht" zu haben, winkt bei aller rührenden Ferkeltätschelei am Ende eben doch der Schinken. Die Liebe zwischen Bauer und Tier, sie ist leider nur sehr selten für die Ewigkeit.

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.



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citi2010 10.06.2014
BlakesWort 10.06.2014
mangeder 10.06.2014
analyse 10.06.2014
rodelaax 10.06.2014
PeterLublewski 10.06.2014
oranier 10.06.2014
fiftysomething 10.06.2014
WolArn 10.06.2014
Traudhild 10.06.2014
Marienkäfer 10.06.2014
mareike.rechst 11.06.2014

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