Kolonialismus-Bezüge BBC lässt "Rule, Britannia!" bei "Last Night of the Proms" nur instrumental erklingen

Zum Abschluss der "Last Night of the Proms"-Konzerte gehört in England das Absingen patriotischer Gassenhauer. Die Tradition geriet durch die Black-Lives-Matter-Proteste in die Kritik. Jetzt gibt es nur eine Orchesterversion.
"Last Night of the Proms" (Archivbild)

"Last Night of the Proms" (Archivbild)

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Rob Ball / Redferns / Getty Images

Am Ende geht die ehrwürdige Royal Albert Hall regelmäßig in einem Meer von Union-Jack-Fähnchen unter: Zum Finale der "Last Night of the Proms" gibt sich das Publikum patriotisch und stimmt selig den Gassenhauer "Rule, Britannia!" an, als befinde es sich in einem Fußballstadion. Kritik wird an der Tradition schon lange geübt - bald könnte mit ihr Schluss sein.

Angesichts der Black-Lives-Matter-Proteste und erbitterter Debatten über die koloniale Vergangenheit Großbritanniens überlegt die BBC laut britischen Medien, das Lied bei der traditionellen Abschlussveranstaltung ihrer Klassik-Konzertreihe künftig nicht mehr spielen zu lassen. Die neuen Corona-Regelungen könnten den Anlass dazu bieten.

Die "Sunday Times" berichtet, die diesjährige Dirigentin der "Last Night", die Finnin Dalia Stasevska, sei eine große Unterstützerin von Black Lives Matter. Sie halte ein Konzert ohne Publikum und mit kleinerem Orchester für die perfekte Gelegenheit für eine Änderung des Programms.

Inzwischen ist klar: "Rule, Britannia!" und das ebenfalls umstrittene "Land of Hope and Glory" werden in diesem Jahr doch gespielt. Allerdings werden die beiden Lieder nur in Orchesterversionen zu hören sein, teilte der Sender BBC als Veranstalter am Montagabend mit.

Sehnsucht nach imperialer Größe

Der einflussreiche Musikkritiker Richard Morrison schrieb schon vor einem Monat in einer Kolumne für die BBC, nun sei der perfekte Zeitpunkt, "diesen peinlichen, anachronistischen Mischmasch nationalistischer Lieder, der die 'Last Night of the Proms' beschließt, loszuwerden."

Dazu gehören traditionell neben dem von 1740 stammenden Stück "Rule, Britannia!" auch die Titel "And did those feet in ancient times" und "Land of Hope and Glory". Besonderen Anstoß erregt "Rule, Britannia!" unter anderem wegen der Textzeile: "Herrsche, Britannia! Britannia beherrsche die Wellen; Briten werden niemals Sklaven sein."

Vielen Briten ist die Sehnsucht nach imperialer Größe, mit der Konservative das Lied heute anstimmen, schon lange peinlich. Ganz im Gegensatz zu nationalistischen Politikern wie Nigel Farage, der prompt vorschlug, statt des Liedes doch die Dirigentin loszuwerden.

Auch die konservative Regierung unter Boris Johnson will keine Änderungen: Gerade erst ließ sich Kulturminister Oliver Dowden mit den Worten vernehmen, er halte den Abschluss der "Proms" für ein "Highlight". Via Twitter ließ er wissen: "Selbstbewusste Nationen, die nach vorn schauen, löschen ihre Vergangenheit nicht aus; sie fügen ihr etwas hinzu."

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Die Diskussion hält im Kern schon seit Jahren an. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war "Rule, Britannia!" schon einmal aus dem Programm geflogen. Der amerikanische Dirigent Leonard Slatkin ließ das patriotische Finale von 2002 bis 2007 deutlich kürzen und das Lied nur noch anspielen. Seit 2008 war es aber wieder in der vollständigen Version im Programm.

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