Umstrittener Report aus Nordkorea BBC gerät wegen Undercover-Recherche in die Kritik

Dem BBC-Reporter John Sweeney ist es gelungen, mitten in der Nordkorea-Krise vor Ort eine Reportage zu filmen. Die Frage ist nur, ob das eine Leistung ist oder ein Skandal: Der Coup gelang, weil Sweeney eine Studentengruppe einer Top-Uni anwarb - als Tarnung für sein Filmteam.
BBC-Reporter John Sweeney: In Erklärungsnot nach Undercover-Einsatz

BBC-Reporter John Sweeney: In Erklärungsnot nach Undercover-Einsatz

Das BBC-Programm Panorama ist das traditionsreichste aktuelle TV-Magazin der Welt. Seit 1953 ist es das Flaggschiff der BBC, wenn es um investigativ recherchierte Beiträge geht. Am Montag soll die Reportage "North Korea Undercover" gesendet werden. Eine Dokumentation über ein Land, das BBC-Reporter John Sweeney als "mad, bad and sad" empfand - als "verrückt, böse und traurig".

In bester Panorama-Tradition war es Sweeney gelungen, sich in ein Land einzuschleichen, aus dem kaum jemand berichten darf. Im Bruch mit Panorama-Traditionen tat er das allerdings mit äußerst fragwürdigen Methoden: Er tarnte sich und sein Team, indem er eine Gruppe von Studenten, die er mit einem Trick anwarb, quasi als menschliche Schilde einsetzte. Jetzt tobt die Debatte darüber, ob die BBC den Beitrag überhaupt ausstrahlen sollte. Die bekannte Wirtschaftsuniversität London School of Economics  (LSE) hatte von der BBC einen Verzicht auf die Ausstrahlung und eine formelle Entschuldigung verlangt.

Vom 23. bis zum 30. März 2013 hatte eine Studentengruppe der LSE Nordkorea bereist. Die staatlichen Behörden genehmigten und unterstützten die Reise. Staatlich bestellte Führer begleiteten die Studenten zu ausgesuchten Sehenswürdigkeiten, die nicht nur besichtigt, sondern auch fotografiert und gefilmt werden durften.

Die Universität sieht sich missbraucht - und ihr Renommee gefährdet

Der Haken daran: Die Studentengruppe wie die Reise selbst waren keineswegs von der renommierten LSE organisiert worden, sondern von der BBC - als Tarnung für ein Filmteam.

Die Frau des Investigativreporters John Sweeney, selbst bis 1980 Studentin an der LSE, hatte über die Mitteilungen des Grimshaw International Relations Club , eines studentischen Vereins an der LSE, die Möglichkeit einer Reise nach Nordkorea beworben. Es kamen genug Teilnehmer zusammen, Sweeney verstärkte die Gruppe durch sich, seine Frau und einen BBC-Kollegen. Die Studenten, versicherte Sweeney nun öffentlich in einem BBC-Interview , in dem er auf die Vorwürfe antwortete, habe er durchaus darüber informieren lassen, dass "ein Reporter" unter ihnen sein würde. Das war aber wohl nur die halbe Wahrheit.

Genau das erregt nun sowohl die Leitung der London School of Economics, als auch das Gros der britischen Medien. Nach vergeblichen Versuchen, Einfluss auf die Veröffentlichung des Filmmaterials zu nehmen, hatte sich die renommierte Wirtschaftsschule an die Öffentlichkeit gewandt. Auch der Grimshaw Club distanzierte sich öffentlich von der Reise. Die Universität befürchtet persönliche Nachteile für die Studenten, die mitgereist waren. Sie seien "absichtlich irregeführt" und in "ernste Gefahr" gebracht worden.

Sweeney bestreitet das eine, nicht jedoch das andere. Er will seine Mitreisenden gewarnt haben, dass mit Verhaftungen, Repressalien und eventuell künftigen Einreiseverboten zu rechnen gewesen wäre, wenn man die Reporter entdeckt hätte. "Jeder von denen hätte uns verraten können", sagte er im BBC-Interview, aber das hätten sie nicht getan: ein Beweis ihres Einverständnisses?

Keineswegs, argumentiert die Universität. Ein Mitreisender versichert, er selbst sei davon ausgegangen, dass eben nur eine Person als Journalist mitreise, der dann nachher eine "Geschichte schreiben" wolle. Zu keinem Zeitpunkt sei erwähnt worden, dass es um eine filmische Dokumentation ging.

Das behauptet auch die Universität. "Zu keinem Zeitpunkt vor der Reise wurde den Studenten klar gemacht, dass ein dreiköpfiges Team der BBC geplant hatte, die Reisegruppe als Tarnung für eine große Dokumentation zu nutzen, die im Panorama-Programm gesendet werden sollte. BBC-Angestellte haben zugegeben, dass die Studenten absichtlich darüber in die Irre geführt wurden, dass die BBC involviert war."

So war das wohl, gibt auch Sweeney zu: Es sei "zum Schutz" der Studenten geschehen. Es sei für den Fall einer Entdeckung besser für diese gewesen, so wenig wie möglich zu wissen. Bei einem Treffen mit LSE-Vertretern am 9. April erklärten Vertreter der BBC, man habe vor der Reise eine eigene Risikoabschätzung vorgenommen, die "auf höchstem Niveau" abgesegnet worden sei, wie der offene Brief der LSE-Leitung die BBC-Vertreter zitiert.

Was darf investigativer Journalismus?

Für die Universität ist all das aus mehreren Gründen nicht akzeptabel: "Nach Meinung der LSE wurde den Studenten nicht genügend Information zur Verfügung gestellt, um eine informierte Zustimmung voraussetzen zu können, aber genug Information, um sie ernsthaft in Gefahr zu bringen."

Darüber hinaus gefährdeten Sweeneys Methoden die Glaubwürdigkeit der LSE selbst. Der Reporter hatte sich und sein Team als LSE-Studenten und Doktoranden ausgegeben. Als seine eigene hatte er die Büroadresse eines wirklichen akademischen Angestellten der LSE angegeben. Die Nordkoreaner hätten ihn während der Reise als "Professor" angesprochen und behandelt, Sweeney habe diesen Eindruck bestärkt.

John Sweeney behauptet, die Universität lege den "Studenten Worte in den Mund", "die Mehrheit von ihnen unterstützt diese Dokumentation".

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