RTL-Realityshow "Beate & Irene" "I have a questsch!"

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In der neuen Realityshow "Beate & Irene" verschickt RTL Mutter und Tochter nach Indien. Angesichts der Unbedarftheit der Protagonistinnen entpuppt sich auch dieses Format als typische Vorführshow. Für Misanthropen zu empfehlen!

Die klugen Kurzhaarträgerinnen, die wissbegierigen Weltenbummler und soliden Sandalenträgerinnen - nett und harmlos-plüschig klingen diese alliterationsverliebten Beschreibungen, mit der Moderatorin Vera Int-Veen aus dem Off die beiden Protagonistinnen von "Beate & Irene - Das hat die Welt noch nicht gesehen!" bedenkt.

Beate und Irene, Tochter und Mutter, sind in diesem neuen Format für RTL unterwegs in fremden Ländern, zuerst in Indien - und die feine Formulierkunst aus dem Dutzi-Dutzi-Land kann keine fünf Minuten darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei der perfiden Pomeranzenverschiffung um muntere Menschenverachtung handelt. Was freilich abzusehen war, weil schließlich Beate mitwirkt. Sie ist seit nunmehr sieben Jahren erfolglose Dauerkandidatin bei der Schwerstvermittelbaren-Verramschung "Schwiegertochter gesucht", die nach demselben grundlegend groben Strickmuster funktioniert wie nun "Beate & Irene": Plumpes Vorführen skurriler Menschen unter dem viel zu kleinen fleckigen Deckmäntelchen der praktischen Lebenshilfe.

Weil die heimische Sofagarnitur, die Maggi-Kochkunst und die Hundeshirts von Beate nach einigen "Schwiegertochter"-Staffeln allmählich schon gut durchgenudelt sind, wird ihre ungelenke Weltfremdheit nun in einem neuen TV-Format nach Ganzweitfortistan verlegt, um neue Belustigungstopoi zu erschließen. Vordergründig sei die Reise natürlich allein dazu angetan, den Horizont von Mutter und Tochter zu erweitern, um damit ihre Chancen bei der Partnersuche nachhaltig zu verbessern, erklärt der Sender auf seiner Webseite: "Vielleicht ist die häusliche Bayerin einfach zu festgefahren in ihren Vorstellungen und Ansprüchen? Womöglich ist es an der Zeit, sich von Altbekanntem zu lösen und neue Erfahrungen zu sammeln?"

Kopflose Kontaktversuche mit Indern

Was praktisch in erster Linie bedeutet, dass man Beate bei kopflos radebrechenden Kontaktversuchen mit diversen Indern beobachtet: "Sorry, wie heißt Kleid?", "Excuse me, wo is this her?", "Have you this in weisch?", "I have a questsch!", "We want dahin!". Es ist peinvoll, dabei zuzusehen, zumal Beate und Irene die meiste Zeit dem schlichttouristischen Irrglauben aufsitzen, man müsse nur gaaanz langsam und sehr laut deutsch sprechen, und jeder Mensch auf der ganzen Welt verstehe sogleich, was man von ihm möchte.

Der Austausch mit den Einheimischen ist nötig, weil Beate und Irene ein Buch mit Aufgaben bekommen haben, die sie während ihres Aufenthalts in Mumbai lösen müssen. Ein eigentlich unnötiger dramaturgischer Kniff, weil die beiden schon mit alltäglichen Reisebelangen heillos überfordert sind. Bereits Taxisuche und -fahrt verängstigen beide schwer, "Sind Sie ein Einheimischer?", fragt die Mutter den indischen Taxifahrer und ist beleidigt, als er sie nicht versteht. Auch Aufzugfahrten geraten zu schwerstüberwindlichen Hürden, und beim Geldwechseln kann Irene nur schnaufend und mit leerem Blick zusehen. "Ein Euro sind sieben Pesetas", erklärt sie anschließend den indischen Wechselkurs: "Man kommt ganz durcheinander, mitten janze Jeld!" Liegt aber vielleicht auch am "Jäcklett", wie Beate erklärt.

Um ihre Aufgabenliste abzuarbeiten, walzen beide in grober kultureller Aneignung einmal quer durch die lokalen Sitten und Gebräuche. Sie lassen sich in einen Sari wickeln und versuchen herauszufinden, welches Tier den Indern heilig ist - wobei die Frage "Heiliges Tier? I-ah?" an beliebige Passanten wenig hilfreich ist. Sie besuchen eine fortschrittliche indische Familie und bedauern sie für ihre vermeintliche Rückständigkeit - weil statt eines Elektroofens ein Gasherd in der Küche steht. "Wascht eure Wäsche auf traditionelle indische Weise", liest Beate schließlich die letzte Aufgabe vor. "Hä?", antwortet Irene, und dann sieht man Beate, die sich mit tiefem Ausschnitt noch tiefer in das Wäschewaschbassin bückt. Die Kamera zoomt. Und natürlich hält sie drauf, wenn Irene mühevoll ihre Leggings wieder über den Spannbauch zuppelt.

Wie RTL so ungefähr die Zielgruppe dieser fremd- und eigenscham-intensiven Sendung einschätzt, zeigt das obligatorische Gewinnspiel in den Werbeblöcken, bei dem man gar auf eine der üblichen Scheinfragen (nach dem Muster "Was bekommt man beim Bäcker? A: Brötchen, B: Schallplatten") verzichtet - es genügt, beim Anrufen sehr schlicht ein vorgegebenes Kennwort zu sagen. Für Menschen, die generell etwas zur Misanthropie neigen, hat "Beate & Irene" allerdings durchaus einen beruhigenden Nebeneffekt: Egal, wie schwarzgallig sie sich manchmal auch fühlen mögen - es gibt immer noch TV-Schaffende, die viel, viel zynischer sind als sie.

"Beate & Irene - Das hat die Welt noch nicht gesehen!", sonntags, 19.05 Uhr, RTL

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.



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77 Leserkommentare
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cededa 29.06.2015
druck_im_topf 29.06.2015
cirus27 29.06.2015
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ambio 29.06.2015
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