Becker vs. Pocher Klatschkopf und Ballaballa

Der Stumpfheitsfaktor? Erwartbar hoch. Boris Becker und Oliver Pocher haben ihren spektakulär pubertären Twitter-Zoff nun in der RTL-Sondersendung "Alle auf den Kleinen" ausgetragen und beendet, Pocher gewann. Der wahre Sieger: seine Noch-Ehefrau Alessandra.

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Im Grunde hätte man sich satte drei Stunden Fernsehen sparen können, schnurzelten sie am Ende doch nur auf dieses einzige Bild zusammen: Boris Becker und seine pinkfarbenen Fliegenklatschen-Schlappohren, diese bizarre Mischung aus Petr-Cech-Kopfschutz, Minnie-Maus-Schleifenputz und properem Backenhörnchen.

Man hätte genauso gut drei Stunden lang nur auf dieses jetzt schon ikonische Foto starren und über Aufstieg und Fall, Werden und Vergehen meditieren können. Oder darüber, wie man diesen Look noch rasch als Halloween-Kostüm improvisieren könnte. Die dazugehörige Sendung, das sogenannte "Duell des Jahres", geriet nur zum sperrigen Rahmen.

Die Sympathien: Schwer zu sagen, wem man bei diesem Duell weniger die Daumen hielt - Kleinkläffer Oliver Pocher oder Bräsigbrumme Boris Becker?

Als Becker von Ehefrau Lilly zum Auftakt der Show ins Studio geführt wurde, hatte das viel von einem mäßig motivierten Tanzbären, der in die Manege getrieben wird. Überhaupt schien es, als sei aus dem vermeintlichen Streit längst die Luft raus, die angeblichen Rivalen wirkten eher wie Komplizen.

Bereits am Dienstag war das Duell der beiden vor Publikum aufgezeichnet worden, umso erstaunlicher, dass vorab nichts über den Sieger durchgesickert war. Man habe "die üblichen Maßnahmen" getroffen, um das Publikum zum Stillschweigen zu drillen, teilte RTL schmallippig mit.

Mitunter wirkte es, als wollten die Macher Becker bevorteilen, indem die Spiele seinen Fähigkeiten entgegenkamen: So musste der passionierte Basketballspieler in einer Runde Körbe werfen oder mit Schläger und Tennisbällen Bilderrahmen abschießen, in einem anderen Spiel wurden dem Golfer und Pokerspieler Fragen aus diesen Bereichen gestellt - all das vergebens.

Die Spiele: Die zwölf Disziplinen des Duells waren nach dem homöopathischen Prinzip angelegt: Ähnliches soll Ähnliches heilen.

Um also wie vielfach beschworen im Wettkampf ihre Ehre zu verteidigen, mussten die Kombattanten nach dieser Logik erst mal das letzte bisschen Würde opfern. Mit verbundenen Augen mussten sie einen Stuhl finden (wobei Becker unter fragenden "Heiß, kalt?"-Rufen wie ein Greis im Kneipp-Watebecken herumtapste), sie wurden mit Tomaten beschossen und spielten mit besagtem Fliegenklatschenhut eine Art Tischtennis.

Becker zog gleich noch seine Frau Lilly in Mitleidenschaft: Sie trat für ihn bei den körperlich fordernden Spielen an, die er selbst wegen diverser leistungssportbedingter Blessuren nicht absolvieren konnte. So musste sie im Sumo-Fettkostüm herumtaumeln und sich im Ganzkörper-Schwammkostüm auf einem dreckverkrusteten Auto winden. Eine schlaue Entscheidung, denn Becker selbst war schon nach wenigen Spielen schwitzefleckig wie eine Schwarzbunte, während seine höchst energetische Ehefrau unter beständigen "Schatzi"-Rufen so etwas wie wahren Kampfgeist zeigte.

Der Stumpfheitsfaktor: Erwartbar hoch.

Auf welcher Ebene Oliver Pocher unterwegs ist, zeigte er vor allem in einem Ratespiel, bei dem Promis unter Vermeidung bestimmter Tabuworte umschrieben werden sollten. Pocher erklärte, sein Kumpel Giovanni Zarrella (ehemals Bro'Sis) riet, beiden genügte dabei stets ein Begriff: "Hässlich" - "Angela Merkel", "Zähne" - "Stefan Raab" - so gut verstanden sich die beiden, dass Becker beleidigt Schiebung vermutete.

Einzig Comedian Max Giermann, der bei einem Spiel Lieder pantomimisch darstellte, zeigte humoristische Feinsinnigkeiten - indem er etwa mit nach außen gedrehten Hosentaschen und Gluck-gluck-Bewegungen den Titel "Griechischer Wein" interpretierte. Boris Beckers Ratetipp indes: "Alkohol. Männer."

Die Symbolik: Zumindest Metaphernfexe kamen voll auf ihre Kosten.

"Das ist unsere wichtigste Regel: auf den Knien bleiben", gab der Schiedsrichter schon beim ersten Spiel (sinnloser Klotzverrückerei auf allen Vieren) zu Protokoll, eine überaus passende Parole für den restlichen Abend. Auch die weiteren Spiele waren überaus symbolträchtig: So musste sich Becker selbst abschießen, indem er Tennisbälle auf Fotos von sich schlagen musste. Oder mit Pocher um die Wette heiße Luft produzieren, indem sie in allerlei Trötinstrumente bliesen.

Im abschließenden Spiel "Turm des Schreckens" schließlich musste sich Becker durch eine Kulisse wuchten, die als Bühnenbild für eine psychedelische Traumszene im dringend zu inszenierenden "Boris Becker - das Musical" taugen würde: Erst muss er eine vollgestellte Besenkammer durchqueren, dann versperren Tennisnetze ihm den Weg, bis er am Ende im Dreck wühlen muss.

Der Satz des Abends? "Boris Becker ist im Torf angekommen." Sollte eigentlich einen Spielstand kommentieren, bei dem Becker in besagter Kammer voller Erdreich nach einem Ball graben muss. Taugt aber auch bestens als allgemeine Statusbeschreibung.

Der wahre Sieger? Dass am Ende des Abends Oliver Pocher gewann, ist vermutlich das unerheblichste Detail der Veranstaltung. Der Dezenz-Ehrenpokal zumindest geht an Alessandra Pocher. Um sie entbrannte seinerzeit der twitterianische Krieg der beiden Duellanten, weil Pocher seine Noch-Ehefrau durch einige Passagen in Beckers Autobiografie verunglimpft sah. Die Ex-Verlobte von Becker moderiert normalerweise die regulären Folgen von "Alle auf den Kleinen" - entschied sich aber, der gestrigen Sonderausgabe fernzubleiben. Eine einsame, kluge Geste an einem Abend voller rätselhafter Entscheidungen.



insgesamt 147 Beiträge
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Seite 1
uhrentoaster 26.10.2013
1. Prioritäten
Zitat von sysopDPADer Stumpfheitsfaktor? Erwartbar hoch. Boris Becker und Oliver Pocher haben ihren spektakulär pubertären Twitter-Zoff nun in der RTL-Sondersendung "Alle auf den Kleinen" ausgetragen und beendet, Pocher gewann. Der wahre Sieger: seine Noch-Ehefrau Alessandra. http://www.spiegel.de/kultur/tv/becker-vs-pocher-duell-bei-rtl-a-930084.html
Der wahre Sieger war der Zuschauer, die sich so etwas nicht anschaut.
nein!_oderdoch? 26.10.2013
2. Pr
Wer denkt eigentlich dass die beiden Stress hatten? Was war zuerst? Die Show, niedrige Einschaltquoten, niedriges Niveau, Dummheit??? So blöd wie das Gezwitscher der beiden war...jeder der die Sendung geschaut hat hat sich den dummenstempel selber auf die Stirn gedrückt oder gibts hier noch jmd der das wirklich für Unterhaltung hält?
hubertrudnick1 26.10.2013
3. Privatfernsehen
Zitat von sysopDPADer Stumpfheitsfaktor? Erwartbar hoch. Boris Becker und Oliver Pocher haben ihren spektakulär pubertären Twitter-Zoff nun in der RTL-Sondersendung "Alle auf den Kleinen" ausgetragen und beendet, Pocher gewann. Der wahre Sieger: seine Noch-Ehefrau Alessandra. http://www.spiegel.de/kultur/tv/becker-vs-pocher-duell-bei-rtl-a-930084.html
Hier zeigt sich die Überlegenheit der Privaten, die Sender missachten kann nur die einzige Möglichkeit sein.
juttakristina 26.10.2013
4. Gut,
dass ich das nicht gesehen habe... Frau Rützel, es heißt wenn schon "Turm des Schreckens". Precht hat wohl Recht mit seiner Angst um den Kasus Genitiv. Schrecken wäre zwar alternativ vorstellbar, dann aber bitte "Turm der Schrecken".
NochNeBesserwisserin 26.10.2013
5. Omg
ich habs nicht gesehen - ich fands schon schwierig den Artikel bis zum bitteren Ende zu lesen. Was ist bloss aus diesem Ideal, diesem Idol der 80er und 90er geworden. Er tut mir richtig leid.
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