"Beckmanns Sportschule" Wie viele Idiotien soll diese Welt noch aushalten?

Reinhold Beckmann: "Thomas, du fragst dich wahrscheinlich, was wir hier machen." Thomas Berthold: "Das frag ich mich wirklich." Ja, liebe ARD, das fragen wir uns alle.

Moderator Reinhold Beckmann
WDR

Moderator Reinhold Beckmann

Von Jürgen Roth


So was habe ich noch nicht gesehen. Wer auch immer sich in welcher ARD-Redaktion, in welchem ARD-Gremium, in welchem ARD-Thinktank das Format "Beckmanns Sportschule" aus den rüstigen Rippen geleiert und gekurbelt hat - er oder sie sei zu beglückwünschen und umgehend zu befördern. Und Reinhold Beckmann sei von der Hamburger Akademie für Sprachlosigkeit und Nichtmehrganzdichtung der goldbestäubte Lorbeerkranz am silbernen Brokatband über die Rübe gestülpt.

Mittwochabend kam ich innerhalb weniger Tage zum dritten Mal in den Genuss, "Beckmanns Sportschule" zu begutachten. Die, wie es nach den ersten eindrücklichen Kritiken im Netz zu Beginn vermeintlich selbstreflexiv hieß, "schlechteste Fußballsendung aller Zeiten". Denn das meinte ja in Wirklichkeit: "Ihr könnt uns mal. Wir ziehen den Stiefel weiter durch."

Weshalb nun in einer Umkleidekabine - selbstverständlich voller "Männerduft" (Beckmann) - Franciszek Smuda, Gerald Asamoah und Jens Nowotny zusammenhockten und "die letzten Geheimnisse" (Beckmann) hervorkitzelten: Haben uns die Ungarn überrascht? Sind die Isländer nicht erstaunlich? Hat sich Payets Leben nach zwei Treffern "schlagartig verändert"? Wird der Ball auch morgen rund sein? Über Frankreich die Sonne wieder aufgehen? Über Polen eine Gewitterfront hinwegziehen? Und fragen wir danach nicht am besten einen orakelnden Denis Scheck (Obacht, Literatur! Kultur!), der offenbar alles mitmacht?

Narzisstisches Herumnulpen

Sicher, das gesegnete Fußballfernsehen hat uns vor geraumer Zeit bereits mit der gebenedeiten Sendung "Schnauze Simon" beschenkt, in der der unbegreifliche, wohlverdient weithin ungelittene WDR-Sportchef Steffen Simon in einer nur noch pathologisch zu nennenden Weise narzisstisch herumnulpt. Aber jetzt: "Beckmanns Sportschule".

Der pseudocineastisch in Szene gesetzte Vorspann suggeriert ächzend Handlung, Dramatik, Bedeutung. Die Landschaft allerdings ist sehr schön. Tim Wiese, ein, so wird kolportiert, baldiger Worldwidewrestler, spielt in Löcherjeans den "Fachmann für Gebäudeabsicherung" (Beckmann). Also einen Türsteher, der im koketten Prollslang Unternullgesumse vor sich hin brabbelt.

Den "Herbergsvater" in der angeblich legendären Sportschule Malente in Schleswig-Holstein, in der sich bis in die Neunziger halt ein paar ausgewählte Fußballer auf Turniere vorbereiteten, darf oder muss der bedauernswerte Uwe Seeler mimen.

Wie kann man einen fast achtzigjährigen Mann, der meiner Vermutung nach eine unbescholtene, gute Seele ist, so einsetzen? Wie geschmack- und taktlos muss man sein, um diesen fabelhaften ehemaligen Fußballer zur Karikatur eines alten Menschen, der nichts (mehr) zu sagen hat, zu degradieren? Sind im Fernsehen nur noch schäbige Misanthropen zugange?

Es gibt nichts zu bereden

Etwas derart lustlos und gänzlich ideenfrei Zusammengestopseltes habe ich noch nicht gesehen. Ein "köstlicher" (Thomas Berthold) anekdotischer Schnack jagt den anderen, ein Kabarettist namens Wolfgang Trepper ruhrpöttelt sich am zerebralen Krückstock durch trantütig gehäkelte Witzeleien. Der Fußballsatirehausmeister Tom Theunissen produziert konfus geschnittene, abgründig nichtige Einspieler ("Malente ruht erbarmungslos in sich selbst", "Mittwoch in der Meistermachermetropole Malente").

Der peinliche, das Laienschauspiel im läppisch-jovialen Zwinkerzwinkertonfall krönende Plauderoheim Reinhold Beckmann tapert mit seinen Gästen durch Gänge und Treppenhäuser, und irgendwann krault Horst Hrubesch auf der Couch im "Bernsteinzimmer des deutschen Fußballs" den zehnjährigen (ja, das erfahren wir) Hund des Moderators, der gestern ausgiebig übers pittoreske Gelände strolchen durfte. Das haben sie sich beim Sat.1-Frühstücksfernsehen abgeguckt, allwo jahrelang ein Mops herumhoppelte. Hier, in dieser "etwas wahnsinnigen Männer-WG" ist nichts mehr zu retten.

Es gibt nichts zu bereden, es gibt gar nichts, das "Nullmedium" (Hans-Magnus Enzensberger) Fernsehen kommt zu sich, und daher ist "Beckmanns Sportschule" eine ehrliche Veranstaltung. Die Minuten schleppen sich dahin, als hätten sie Beton im Schuh. Jeder Satz läuft ins Leere, die Sprache schmilzt im Fonduetopf. Selbstironie, derer sich alle an diesem telemedialen Armageddon Beteiligten zu befleißigen suchen, ist keine, sobald sie sich als solche zu erkennen gibt. Sogar der einst muntere Alttrainer Hans Meyer wirkt so verkrampft und bemüht, wie der ganze bebilderte Klumpatsch daherkommt.

Trotzdem habe ich etwas gelernt. "'72 [sic!] Mexiko mit der Hitzeschlacht gegen Italien" (Christoph Daum), das war schon was. "Essen hat immer 'ne große Rolle gespielt" (Meyer), gut zu wissen, im Nachhinein. "Lifekinetik" (Daum) ist heutzutage voll wichtig, "Muskelgeschichten kannst du so schwer greifen" (Nowotny). Und "am Ende gehts halt darum, dieses Spiel positiv zu gestalten, man muss einfach den Erfolg haben, um einfach gut zu sein", wie der wohltuend minderfröhliche Horst Hrubesch meinte.

Was allerdings dieser vom ehemaligen St.-Pauli-Profi Nico Patschinski dargestellte, nunmehr aus Einfallslosigkeit zusammen mit dem Haargel-Ungeheuer Wiese vor eine Videospielkonsole platzierte "EM-Bestatter" soll - das fragen Sie bitte jemand anderen. Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht. Oder, mit Verlaub: Wie viele "charakterlose Tragödien" (Aristoteles), wie viele Idiotien soll diese Welt noch aushalten?

Zur Person
  • Jürgen Roth, geboren 1968, lebt als Schriftsteller und freier Publizist in Frankfurt/Main. Er observiert den Medienfußball seit zwanzig Jahren und hat über Fußball mehr als zehn Bücher geschrieben, u. a. "Rätsel Fußball", "Ballhunger" und "Nur noch Fußball!" Zusammen mit Ror Wolf hat er 2006 das Hörspiel "Das langsame Erschlaffen der Kräfte" (BR) realisiert.


insgesamt 189 Beiträge
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Seite 1
lemmy 16.06.2016
1. Wer bin ich, und wenn ja: wie viele ?
Ja, was soll man noch sagen ? "Hildegard, bitte sagen Sie jetzt nichts." ?? Ich fand diese Darbietung auch unterirdisch, aber ich befürchte, die Reihe der "Idioten" ist unendlich. Wobei ich da eher von "Hilflosen" sprechen möchte, weil man vor dem ein oder anderen Protagonisten doch noch so etwas wie Respekt verspürt, trotz allem ;-)
jensen12345 16.06.2016
2. Typisch
deutscher einseitiger Nörgel-Journalismus dieser Artikel. Ich mag das Format. Mal was ganz Anderes. Ich mag den Humor - und wie sich Tim Wiese, Beckmann, U. Seeler und Co. selbst was auf die Schippe nehmen und sich nicht so ernst nehmen. Ich fühlte mich von den drei Sendungen gut unterhalten. Und auch fachlich, wenns um Fußball geht, hat diese Sendung sicherlich um ein Vielfaches mehr Substanz als all die schlechten Sendungen, die man bei sport1 seit Jahren (- auch mitunter immer wieder mit Thomas Berholt) ertragen muss.
karl-wanninger 16.06.2016
3.
Na wenigstens weiß man nun aus eigener Ansicht, dass sich die Sportschule Malente den "Charme" der Sechziger Jahre bewahren konnte.
thederl 16.06.2016
4. War doch klar....
dass solch eine Sendung ein Schuss in den Ofen wird. Dafür garantiert schon der Name Beckmann. Alles, was der fabriziert und daherredet, ist doch schon lange unerträglich. Nur die ARD-Verantwortlichen haben's immer noch nicht bemerkt.
gekreuzigt 16.06.2016
5. Daumen hoch!
Note 1 mit Sternchen für diese wirklich mal gelungene Kritik.
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