TV-Serie »Beforeigners« Wir und die Wikinger

Wikinger faszinieren – aber würden Sie auch einen als Nachbarn haben wollen? Die Serie »Beforeigners« erzählt, was geschieht, wenn Krieger und moderne Menschen aufeinandertreffen. Witzig und spannend.
König Olav (Tobias Santelmann): Früher Herrscher, heute Fahrschüler

König Olav (Tobias Santelmann): Früher Herrscher, heute Fahrschüler

Foto:

Lars Olav Dybvig / HBO Nordic / ARD

»Beforeigners« beweist, dass die simplen Kniffe der Realitätsverschiebung immer noch die reizvollsten sind: Die HBO-Produktion, deren zweite Staffel jetzt auch in der ARD-Mediathek steht, erzählt von einem Europa, in dem Migranten landen. Aber keine aus Kriegs- und Krisengebieten, sondern Zeiteinwanderer; Wikinger, Steinzeitmenschen, steife Anzugträger aus dem 19. Jahrhundert.

In Norwegens Hauptstadt Oslo tauchen sie seit einigen Jahren immer wieder nachts im Hafenbecken auf. Kaum einer weiß bislang, was genau hinter diesen Zeitlöchern steckt, aber die Menschen sind nun mal da und müssen irgendwie integriert werden.

Ermittler Haaland (Mitte) und Alfhildr (rechts) mit einer Kollegin: »Ich bin eine Kämpferin, keine Denkerin«

Ermittler Haaland (Mitte) und Alfhildr (rechts) mit einer Kollegin: »Ich bin eine Kämpferin, keine Denkerin«

Foto: Lars Olav Dybvig / HBO Nordic / ARD

Dieses Miteinanderleben erzählt »Beforeigners« als Mischung aus Culture-Clash-Komödie und Krimi – was die Serie für ein jüngeres Publikum, das hohe kreative Ansprüche an serielles Erzählen stellt, genauso attraktiv macht wie für ihre Eltern, die gerne Skandinavienkrimis gucken.

Im Zentrum der Handlung stehen ein depressiver Kriminalkommissar aus der Jetztzeit (Nicolai Cleve Broch) und eine Wikingerin (fulminant breitbeinig: Krista Kosonen) als Vorzeige-Ermittlerin; sie besitzt einen »multitemporalen Hintergrund«, wie es der Chef der Abteilung beflissen nennt, in Wahrheit aber eine dunkle Vergangenheit.

Der Kommissar, der am modernen Leben fast zerbricht und von seiner Frau ausgerechnet für einen Mann aus dem 19. Jahrhundert verlassen wurde, erklärt der Kriegerin, warum Männer heute nicht jede Frau vergewaltigen. Sie prügelt sich im Boxklub und säuft sich durch die Nächte: »Ich bin eine Kämpferin, keine Denkerin.« Als sie sich irgendwann nebenbei Moos in Hose stopft, weil sie Geld sparen will und außerdem nicht mit modernen Hygieneprodukten aufgewachsen ist, schenkt er ihr eine Packung Binden. Gemeinsam ermitteln sie in Mordfällen.

Zeitungsjunge in »Beforeigners«: Mischung aus Culture-Clash-Komödie und Krimi

Zeitungsjunge in »Beforeigners«: Mischung aus Culture-Clash-Komödie und Krimi

Foto: Lars Olav Dybvig / HBO Nordic / ARD

Diskurse um Flüchtlingspolitik und Rassismus nutzt »Beforeigners« klug als Folie – natürlich ist es eine elegante Pointe, dass ausgerechnet die in Skandinavien oft als »wahre Nordmänner« verklärten Wikinger jetzt die Grenzen der Toleranz austesten –, bricht sie aber vor allem herunter auf die Kollision von Lebensweisen.

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Elegant streuen die Macher nebenbei immer wieder Straßenszenen aus Oslo ein, Parolen wie »Beforeigners go home« finden sich an Hauswänden, Kutschen, Zeitungsjungen und fellbekleidete Männer, die in Bäumen sitzen, gehören zum Stadtbild. In den Interaktionen zeigt sich der Kulturclash dann voll: Man muss heute eben damit umgehen, dass der neue Nachbar von unten ein netter Ur-Norweger ist, der eine Ziege in der Wohnung schlachtet.

Die andere Seite der Toleranzfrage schleicht sich ein

Da ist auch die neureiche Influencerin, die ihr Leben mit ihrem Freund streamt, nur ist der eben ein Steinzeitmensch, der am liebsten nackt herumläuft und seine frisch gefangenen Kaninchen am liebsten roh isst. Und es gibt den früheren Wikingeranführer, der heute als Teil des neuen Service-Prekariats Supermarktbestellungen mit dem Rad ausfährt (dabei trägt er natürlich Helm). Auch sein ehemaliger Feind ist im Heute gelandet: Der König, der einst Nordeuropa christianisieren wollte, muss jetzt Fahrstunden nehmen (»Olav Haraldsson gewährt keinem Vorfahrt!«).

Die erste Staffel von »Beforeigners« setzte einen fast durchweg leichten Ton, die zweite ist nun düsterer und kippt gen Ende in Zeitreisen-Arrangements, die an die deutsche Erfolgsserie »Dark« erinnern. Lohnenswert ist sie aber ebenfalls. Als Zuschauerin bekommt man das Gefühl, dass hier eine gesellschaftliche Ordnung nur gerade eben so noch mit Sicherheitsnadeln zusammengehalten wird, alle gehen ihren Jobs und Privatangelegenheiten nach – und merken nicht, dass doch etwas anders ist.

Dabei hat sich die andere, weniger witzige Seite der Toleranzfrage längst eingeschlichen: Menschen verteidigen eben auch, wie sie leben – oder glauben zumindest, das zu müssen. Während eine Serie von Morden an Frauen Oslo erschüttert und sich das Ermittlerduo fragt, ob Jack the Ripper zeitmigriert ist, predigen radikale Christen aus dem Jahr 1000 nun im Netz, verbieten ihren schwangeren Freundinnen die Abtreibung und scharen Anhänger um sich. Das verheißt nichts Gutes.

Beide Staffeln von »Beforeigners« sind in der ARD-Mediathek  abrufbar.

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