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ARD-Kommissarin Boni: Zwischen Delirium und Meditation

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Melika Foroutan in "Begierde" Gier nach Suff und Sex

Psycho-Politessen beim ZDF, Krimi-Schwemme in der ARD: Keine Lust mehr auf TV-Polizisten? Verständlich. Dieser Frau sollten Sie aber eine Chance geben - als Alki-Cop in "Begierde" ist Melika Foroutan eine kleine Sensation.

Die Frau ist nicht anspruchsvoll. Bier, Rotwein, Wodka, Louise Boni schüttet alles in sich hinein. Im Bett ist sie wählerischer, da müssen die Männer ein bisschen jünger sein. Und wenn der Lover dann am Morgen auf Kuscheln und Frühstück macht, dann lächelt sie abgeklärt: Diese Jugend glaubt noch an die Liebe.

Die Aachener Kommissarin glaubt indes an gar nichts. Und dieses metaphysische Vakuum füllt sie eben mit ihrer Gier nach Suff und Sex. Sie könnte also nicht deplazierter wirken als in einem Zen-Kloster, in dem die Mönche lehren, dass die Gier Ursprung alles Leidens ist. Und doch muss Boni eben unter Buddhisten ermitteln.

In einem Waldstück ist es zu einer grausamen Bluttat gekommen, die Spur führt in das Kloster, von wo aus eine Hilfsorganisation asiatische Kinder an europäische Eltern vermittelt. Der Verdacht: Die Mädchen und Jungen werden an Pädophile weitergereicht.

Kaputte Kommissarin, kaputte Welt. Jetzt auch noch in Aachen, dem bislang letzten blinden Fleck auf der Fernsehkrimilandkarte. Wenn die Leserinnen und Leser an dieser Stelle erschöpft abwinken, dann können wir das natürlich verstehen.

Im ZDF sind gerade wieder eine Reihe neuer trübseliger Polizistinnen an den Start gegangen. Doch die gramgebückten Helen Dorns und Winnie Hellers im Zweiten wirken wie in einer Krimi-Manufaktur produziert, was modern wirken soll, ist einfach nur kalt: die Psycho-Politesse als Fließbandarbeit. Was ist eigentlich los beim ZDF und seinem Samstag? Andererseits: Die ARD und ihr Donnerstag sind auch nicht unproblematisch. Neben dem "Tatort"-Sonntag hat man hier gleich eine zweite Primetime eingerichtet, die man komplett mit Krimis bespielt.

Zwischen Delirium und Meditation

Klar, der Krimi ist das Vehikel, in dem sich am wirksamsten und geschmeidigsten gesellschaftliche Stoffe transportieren lassen. Aber muss wirklich jeder Ort in Deutschland, von Hiddensee bis Augsburg, zum Hort des Verbrechens stilisiert werden? Und das nähere europäische Ausland wird von der ARD nun auch noch in den deutschen Fernsehkrimi eingemeindet. Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht bald lernt, auch andere Genres souverän zu spielen, wird es an seinen selbstproduzierten Leichen irgendwann ersticken.

Doch die Übersättigung mit kaputten Kommissarinnen und Provinz-Krimis sollte einen nicht davon abbringen, den Aachener Alkoholikerinnen-Thriller "Begierde" anzuschauen. Regisseurin Brigitte Maria Bertele hat zuvor in dem Grimme-gekrönten Drama "Grenzgang" nach Stephan Thome subtil die hessische Provinz als erotisches Experimentierfeld ausgelotet; bei der Mördersuche zwischen Delirium und Meditation taucht sie nun die Wälder um Aachen in surreales Licht. Drehbuchautorin Hannah Hollinger hat die Boni-Vorlage von Oliver Bottini mit kargen, klugen Dialogen ausgestattet; oft reichen fünf Worte, und die gesamte soziale Misere um die Ermittlerin ist benannt.

Die Sensation aber ist Hauptdarstellerin Melika Foroutan. Man hat sich ja immer gefragt, warum die immer nur kleine Rollen in guten Krimis spielen darf (etwa dem Lars-Becker-Thriller "Unter Feinden") oder große in schlechten. Jetzt, mit Ende 30, kann die gebürtige Iranerin endlich ihr ganzes Können ausspielen.

Es wirkt, als wolle ihre Goth-Kommissarin Boni mit dem Wodka die Wahrheit wegspülen, obwohl diese dann nur immer stärker an die Oberfläche drängt. Familie, Führerschein, Dienstausweis - sukzessive löst sich beim Kampftrinken ihre Identität auf. Durch die schwarzen Kajal-Höhlen ihres Gesichts scheinen wir in die Augen eines Phantoms zu schauen.

Und doch: Es gelingt Foroutan glaubhaft darzustellen, wie diese Untote die Lebenden besser als andere versteht. Oder wie sie im Rausch lakonisch die eigene Fehlbarkeit auf den Punkt bringt, ohne sich von dieser befreien zu können. Ein Abgrund, ein Abgrund an Weisheit! Diese komplexe Figurenzeichnung fügt sich in die doppelbödige Story über die Gier, das Überwinden der Gier und die Wiederkehr der Gier im Buddhisten-Milieu.

Am Ende geht die Kommissarin selbst ins Zen-Kloster; der Dreh eines zweiten Boni-Krimis ist schon anberaumt. Hoffentlich hört sie nicht mit dem Saufen auf.


"Begierde - Mord im Zeichen des Zen", Donnerstag, 20.15 Uhr, ARD

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