Spritpreis-Debatte bei Jauch Abgewürgt im Gasometer

Wer trägt die Schuld an den rasant steigenden Spritpreisen? Bei Günther Jauchs Talkrunde sollte nach den Verantwortlichen gefahndet werden. Stattdessen gab es allerlei Redebeiträge zum Thema Autofahren. Einzige Erkenntnis: Die Benzin-Debatte ist zutiefst verlogen.
Günther Jauch: "Hatten Sie Verdauungsprobleme?"

Günther Jauch: "Hatten Sie Verdauungsprobleme?"

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Karl-Heinz Gehlsdorf ist der Super-GAU passiert. Der Taxifahrer aus Köln fährt an die Tankstelle. Bevor er seinen Wagen an den Zapfrüssel hängt, verschwindet er noch einmal schnell auf der Toilette. Als er zurückkehrt, ist der Spritpreis um 13 Cent in die Höhe geschossen.

So wie Gehlsdorf geht es derzeit vielen Menschen in Deutschland, deswegen sitzt er bei Günther Jauch im Publikum und soll mithelfen, Antworten zu finden. Antworten auf die Frage, die ganz Deutschland - Bürger, Politiker, Medien - seit Tagen, seit Wochen debattiert: Warum nur ist das Benzin so teuer? Und vor allem: Wer trägt die Schuld daran?

Schon der erste Gast lässt erahnen, dass es in Günther Jauchs Talkrunde nicht einfach wird mit der Suche. Die von Gehlsdorf berichtete Sprunghaftigkeit bei den Benzinpreisen ist eine ernste Angelegenheit, erst jüngst hatte der ADAC in einer Studie angemahnt, dass die Preispolitik der Mineralölkonzerne Verwirrung mit System sei, zu Lasten der Kunden.

Doch für Jauch ist Gehlsdorfs Geschichte vor allem ein Lacher. "Hatten Sie Verdauungsprobleme?", fragt er den Mann und setzt damit den Ton für den Rest der Sendung: Irgendwie ein bisschen über Benzin und Autos reden, aber dabei bloß nicht zu sehr in die Tiefe gehen.

Dabei ist im Berliner Gasometer jemand zu Gast, den man sich in dieser Sache richtig zur Brust nehmen könnte: Klaus Picard, Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbands. Es könnte ein richtig schönes "Alle gegen Einen" werden. Eine Runde, in der die Fetzen fliegen. Doch statt Explosionen gibt es nur Geblubber.

"Sie können das doch sicher erklären?"

Das liegt vor allem am Unvermögen der restlichen Gäste. Niki Lauda zum Beispiel ist geladen, um zu erklären, wie das Preisbindungsmodell für Benzin in Österreich funktioniert. Dabei gerät er aber umgehend ins Trudeln. "Sie können das doch sicher erklären?", fragt er Picard.

Der kann: In Österreich werden die Preise jeden Mittag für die nächsten 24 Stunden festgelegt und dürfen anschließend nur noch nach unten korrigiert werden. Genüsslich schickt Picard hinterher, dass die Preise deswegen meist eher hoch angesetzt werden. Auf die Frage Jauchs, ob dieses Modell in Österreich denn dazu geführt habe, dass der Sprit billiger würde, konnte Lauda dann nur kleinlaut verneinen. Es wirkt wie ein Punktsieg für den Mann von der Öllobby.

Der wird überhaupt nur ein einziges Mal wirklich angegriffen, und zwar von Bärbel Höhn, der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Grünen. Vorige Woche hatte sie mit ihrer Bundestagsfraktion eine Studie veröffentlicht, die festgestellt haben will, dass sich die Benzinpreise an den Tankstellen von den Kosten für die Rohölbeschaffung abgekoppelt haben - und die Mineralölkonzerne auf Kosten der Kunden einen dicken Reibach machen.

Picard gibt zwar zu, dass die Preiserhöhung an der Tankstelle tatsächlich nicht im Verhältnis zu der Entwicklung der Rohölpreise verlief. Aber der Gewinn lande nicht bei den Konzernen, sondern versickere in den defizitär arbeitenden Raffinerien. Da steht sie nun im Raum, die Frage des Abends. Wer zockt hier wen ab? Höhn und Picard beharken sich nach Strich und Faden, Brutto, Netto, was muss man eigentlich ansetzen, und weil sich das alles irgendwie kompliziert anhört, macht Patrick Döring, Generalsekretär der FDP, mit einem Zwischenruf zum Thema Preiserhöhung zu Ostern die einzige substantielle Debatte des Abends zunichte.

Man hätte sich gewünscht, dass Jauch kundig eingreift, anhand von eigenen Daten, eigener Recherche, eigenem Wissen entweder Höhn oder Picard als Lügner überführt und den Richterspruch fällt, aber stattdessen freut er sich über den Einwurf von Döring. Denn so kann er das Thema wechseln, es müssen noch einige Gäste zu Wort kommen. Auch wenn die zur Benzinpreisdebatte nichts Nennenswertes beitragen können.

Warnung vor der Öl-Droge

Ranga Yogeshwar, die Allzweckwaffe der ARD, zum Beispiel. Er darf erzählen, dass sein Auto bereits zwölf Jahre alt ist. Außerdem warnt er vor der Droge Öl, von der Deutschland abhängig ist - und wettet, dass die Bundesbürger ihre Autos öfter reinigen als ihren Kühlschrank. Das mag sein, nur was, bitte schön, hat das noch mit dem Benzinpreis zu tun?

Immerhin ist Yogeshwar für den einzigen, nun ja, Aufreger der Show verantwortlich. Euphorisch berichtet er von Forschungen, die belegen, dass die Beimischung von Backpulver den Benzinverbrauch während der Kaltstartphase um bis zu 15 Prozent senken würde. Rund zwei Minuten lässt er Jauch, der das für ausgemachten Unsinn hält, zappeln - dann sagt er "April, April".

Verwertbare Informationen kann an diesem Abend nur der Tankstellenpächter Achim Hirsch beisteuern. Zum Beispiel, warum es wenig Sinn macht, den Unmut über die Spritpreise an den Tankstellenpächtern auszulassen. Die bekommen pro verkauftem Liter Benzin nämlich nur einen Cent. Hirsch erwirtschaftete in seiner Zeit als Pächter einen Gewinn von 66.000 Euro pro Jahr mit Benzin - die Pacht für seine Tankstelle belief sich dabei auf 120.000 Euro pro Jahr.

Außerdem liefert er den einzig brauchbaren Tipp, wie man den extremen Preisschwankungen am besten begegnet: Nämlich indem man nicht den Tank leer fährt und dann die Zapfsäule ansteuert, sondern dann tankt, wenn man an einer günstigen Tankstelle vorbeikommt.

Aber ist das alles wirklich entscheidend, wenn es um den Benzinpreis geht? Nur selten nähert sich die irrlichternde Runde - wenn auch nur zufällig - der Bedeutung des Benzinpreises über das Osterhoch hinaus.

Sprit ist noch nicht teuer genug

Zum Beispiel, als Niki Lauda den Untergang beschwört, wenn die Preisentwicklung an Tankstellen so weitergehe und sein Loblied auf die amerikanischen Spritpreise singt. Und Bärbel Höhn dann entrüstet sagt, es würde bei so einem Spritspreis mit dem Mobilitätswandel nie klappen. Woraufhin Lauda eine Kehrtwende hinlegt, die seine Formel-1-Kollegen früher sicher beeindruckt hätte, und beipflichtet, es müsse sich etwas ändern. Neue Technologien, sagt er, sonst gehen wir unter.

In diesen Momenten scheint es, als seien sich im Stillen alle einig, dass die Frage nicht sein kann, ob das Benzin zu teuer ist. Bis auf Döring natürlich, der nicht nur die Pendlerpauschale erhöhen will, sondern darauf beharrt, dass Menschen, die auf das Auto angewiesen sind und bis zu 70.000 Kilometer im Jahr fahren, ein Recht auf ein großes, sicheres und komfortables Auto haben.

Doch genau das ist der Punkt. Denn so lange Spritspar-Modelle wie zum Beispiel der Lupo 3 L, der mit drei Litern Benzin auf hundert Kilometern auskommt, Ladenhüter bleiben (auch darüber wird in der Runde gesprochen), stattdessen aber große SUV mit durstigen Motoren der Renner sind, ist der Sprit noch nicht teuer genug. Das aber traute sich bei Jauch niemand zu sagen.

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