Berliner Jubiläums-"Tatort" Tschuldigung, wo geht's hier zum Miljö?

Proll-Kiez und Weltstadtflair: In den guten Folgen des Berliner "Tatorts" kommt beides vor. Jetzt feiern Dominic Raacke und Boris Aljinovic zehn Jahre gemeinsames Ermitteln. Christian Buß freut sich über eine Geburtstagsfolge, die lustvoll Berlin-Klischees verbrät.

rbb

Die Berliner Box-Bude ist auch nicht mehr das, was sie mal war. "Wer boxt hier denn so in diesem Milieu?", fragt der Kommissar den Coach. "Hier ist nicht Milieu", sagt der, "hier ist alles." Also: Ärzte und Assis, alter West-Berliner Geldadel und echter Wedding-Kiez. Der Tote, dessen Mörder nun gefasst werden soll, hatte zum Beispiel einen türkischen Türsteher als Sparringspartner.

Und was hält dieser Mesut vom Tod des Sportkameraden? "Dass Anwalt krass tot ist... Habe ich vor zwei Tagen noch gegen ihn gefightet!" Überlegen lächelnd fragt der Kommissar: "Und über was haben Sie so gesprochen, nach dem Kampf?" Antwort: "Philosophie. Sinn des Lebens und so. Weissu, die meisten Schwachmaten denken, dass Boxen eins, zwei auf die Fresse hauen is. Aber Boxen is Kunst." Ein Alibi hat der Türke auch: Er hat zur Tatzeit an der Tür gestanden. Im Berghain. "Ist bester Club der Welt!"

Miljö und Weltstadt, in den besseren Episoden des Berliner "Tatorts" geht beides. Zehn Jahre und 24 Folgen ermitteln sich die beiden unterschiedlichen Kommissare, der Aufreißer Till Ritter (Dominic Raacke) und der Spießer Felix Stark (Boris Aljinovic), schon durch Neu-Regierungssitz und Altberliner Kneipen, durch Yuppie-Höllen und Problem-Kieze. Klingt nach Berlin-Klischee? Ja, aber was ist Berlin denn anderes als ein großes Klischee?

Glücklicherweise lässt Autor und Regisseur Heiko Schier die Stereotypen, Selbstlügen und Mythen der Stadt so aufeinanderprallen, dass es eine hübsche ironische Gemengelage ergibt. Alles drin: das Berghain als bester Club der Gegenwart genauso wie der Dschungel, jene legendäre West-Berliner Disco, wo in den späten siebziger Jahren schon David Bowie und Iggy Pop gefeiert haben.

Menschenrechte für Schweine?

An diesen Dschungel denkt hier seufzend Kommissar Ritter zurück, der in seinen obligatorischen Cowboystiefeln und mit seinen ewigen Augenringen immer noch ein wenig so aussieht, als käme er gerade aus der Party-Hölle getorkelt.

Der neue Fall führt in die Zeit zurück, als in Berlin noch die Mauer stand. Auf einem Schrottplatz nahe dem Mauerpark in Wedding - dem einzigen Ort Berlins, auf dem es noch urig wuchert wie zu Zeiten der Teilung und auf den es Spekulanten abgesehen haben - wird die Leiche eines Anwalts gefunden. Der war vor vielen Jahren in einen Entführungsfall involviert, bei dem ein Baby verschwunden ist. Zuletzt setzte sich der Jurist für aus der Haft entlassene Sexualstraftäter ein, verteidigte sie gegen Bürgerwehren, die die alte, vom Bundesverfassungsgericht einkassierte Sicherungsverwahrung wiederhaben wollen.

Einmal besuchen die beiden Polizisten die Mutter eines ermordeten Jungen, die sie mit müdem Blick fragt, ob die Freiheit der Mörder gerecht sei: "Seit wann gelten Menschenrechte für Schweine?" Ein anderes Mal besuchen sie einen Straftäter, an den Beinen Fußfessel, vor der Tür skandierende Demonstranten. "Ist das Freiheit?", fragt der Ex-Knacki die beiden Ermittler bitter. Dann erzählt er, wie er mit dem toten Anwalt bei dessen letztem Besuch lecker Pflaumenkuchen gegessen hat.

Erstaunlich, wie viel aktuelle Debatte die Macher in ihren "Tatort" kriegen, ohne den beiläufigen Tonfall zu verspielen. Am Ende wendet sich die Geschichte schließlich in ein verschlungenes Melodram, in dessen Zentrum die undurchsichtige Charity-Unternehmerin Ina Kilian (Rebecca Immanuel aus "Edel & Starck" ohne jedes drollige Augenrollen) steht. Auch hier ist der Film ambitioniert, ohne seine Leichtigkeit zu verspielen.

"Mauerpark" ist ein erzählerisch wendiger Krimi aus dem sich stetig verändernden Berlin, der nicht alle Rätsel der Stadt zu lösen versucht. Noch mal ein Dialog aus der Boxbude: "Warum geht 'n gut situierter Anwalt in so eine Höhle?", fragt der Kommissar. Als Antwort gibt es vom Trainer ein Achselzucken und eine Gegenfrage: "Ich verstehe auch nicht, warum Männer Latte Macchiato trinken."


"Tatort: Mauerpark", Sonntag 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Montcerf 21.10.2011
1. Könnte es sein ...
Könnte es sein, dass Christian Buß und ich tatsächlich mal bei einem Sonntagabendkrimi einer Meinung sind. Die Beschreibung klingt jedenfalls fast so, als ob mir dieser Tatort gefallen könnte, im Gegensatz zu den von Herrn Buß immer so hoch gelobten Hamburger, oder neuerdings (beim Polizeiruf) Münchner Kunst-Versuchen.
Resident.Rhodan, 21.10.2011
2. Auf Thema antworten
Naja, ich muss zugeben, dass er mit seiner Meinung zum Stuttgarter Tatort am letzten Sonntag Recht hatte. Meine Frau und ich kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus ob der Unmengen von Clichés, die dort aufgefahren wurden. Mal sehen, wie es diesen Sonntag wird...
Ute Wohlrab 21.10.2011
3. ...
Zitat von Resident.RhodanNaja, ich muss zugeben, dass er mit seiner Meinung zum Stuttgarter Tatort am letzten Sonntag Recht hatte. Meine Frau und ich kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus ob der Unmengen von Clichés, die dort aufgefahren wurden. Mal sehen, wie es diesen Sonntag wird...
Mein Vater war hier in Estland und wir sahen uns den Stuttgarter Tatort staunend an. Der einzige, der noch ein bißchen schwäbelte war der Totensezierer - die anderen alle importiert? Und dann die gesichtslosen Aufnahmen einer Stadt, die durchaus ein Wahrzeichen hätte (und sei es der Fernsehturm oder der Rest des noch stehenden Bahnhofs...)... Ich freue mich schon mal auf Sonntag. Endlich kann ich aus Estland nämlich auch Tatort gucken! Juhu!
gemamundi 22.10.2011
4. Ironie übersehen..??
Zitat von Resident.RhodanNaja, ich muss zugeben, dass er mit seiner Meinung zum Stuttgarter Tatort am letzten Sonntag Recht hatte. Meine Frau und ich kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus ob der Unmengen von Clichés, die dort aufgefahren wurden. Mal sehen, wie es diesen Sonntag wird...
Vielleicht die Ironie übersehen und überhört.. ?? ;-)) Der Schauspieler Jürgen Hartmann,der den Arzt und schwäbelnden SEZIERER im Stuttgarter Tatort gibt, hat vor einiger Zeit auch - par example - am Darmstädter Staatsheater geglänzt,wenn er denn " hessisch"" schwätzte... - eben vielseitig wie die anderen guten Schauspieler dieser Reihe eben. Und - habe nur einige wenige Jahre in Baden-Württemberg gelebt - Stuttgart mit einem Wahrzeichen,das echten Wiedererkennungswert über die Ländle-Grenzen hinaus hat ..?? Schwer vorstellbar. Das schaffen die schöneren Städte dort eher - Freiburg eben oder Tübingen - mit oder ohne Hölderlin-Türmchen....
Terrorkater 24.10.2011
5. Schnell durchschaubar
Oje, da waren wir enttäuscht. Als treue Tatort-Zuschauer haben meine Freundin und ich lange Erfahrung mit dem Aufbau der Tatorte. Und leider sind wir schwer zu überraschen. Auch dieses Mal: Um exakt 21.06 Uhr erklärte mir meine Freundin die komplette Auflösung der Geschichte. Und um 21.12 Uhr stimmte ich ihr zu. Danach war dei einzige Spannung, ob wir richtig lagen. Auf den ersten Blick war die Geschichte verzwickt, bei einigem (wenigem) Nachdenken war die Geschichte altbekannt und durchschaubar. War trotzdem ein schöner Abend...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.