Zum Start von »Bild«-TV Springers Schwitz- und Schwatzbude wird Vollprogramm

Engagiertes Bürgerfernsehen oder populistische Meinungsschleuder? Der Fernsehkanal der »Bild«-Zeitung geht auf Sendung. Selbst in Deutschlands umkämpftem TV-Markt könnte er seine Nische finden.
Eine Analyse von Christian Buß

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Schon seit zwei Jahren plant der Springer-Konzern, seine Boulevardmarke zum regulären Fernsehsender auszubauen. Neben »Welt« und »N24 Doku« wird »Bild« der dritte vollwertige Kanal des Medienhauses sein, er ist unverschlüsselt über Satellit, Kabel oder IPTV/OTT empfangbar. Dass sich der Start bis kurz vor Herbstbeginn 2021 geschleppt hat, ist wahrscheinlich ein Glücksfall für Springer: Sowohl die aktuelle politische Lage als auch die Entwicklungen in der hiesigen Fernsehlandschaft können taktisch vom Konzern genutzt werden.

Die Umwälzungen auf dem deutschen TV-Markt sind gerade so massiv wie die bei Aufkommen des Privatfernsehens Mitte der Achtzigerjahre. RTL und ProSiebenSat.1 wollen seriöser werden  und bauen ihren Informationssektor aus; das Bundesverfassungsgericht winkte gerade die Erhöhung des viel debattierten Rundfunkbeitrags für ARD und ZDF durch, formulierte dabei aber deren Auftrag in Richtung erhöhte Sachlichkeit aus . Das ergibt für die »Bild«-Leute trotz eines möglichen Überangebots an politischer Berichterstattung eine Nische.

Denn die Privaten fremdeln zurzeit noch erheblich damit, ins Studio geladene Politikerinnen und Politiker wirklich kritisch anzugehen; zuletzt zeigte Jan Hofer bei seinem neuen Magazin »RTL Direkt« eine fast lähmende Ehrfurcht vor Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Und ARD und ZDF sind durch den Beschluss aus Karlsruhe noch mehr zur ausgleichenden gesellschaftlichen Moderation verpflichtet. Ideale Startbedingungen für den »Bild«-Sender.

Steile Thesen, bimmelnde Schlagzeilen

Schon das vorherige Bewegtbild-Angebot »Bild Live« kam als Schwitz- und Schwatzbude daher, in der prominente Köpfe der Marke wie Julian Reichelt oder Paul Ronzheimer steile Thesen zu simultan durch die Sendung bimmelnden »Bild«-Schlagzeilen transpirierten.

Ohne die Beißhemmungen der privaten Fernsehkonkurrenz und ohne das Gebot zum Ausgleich wie bei den Öffentlich-Rechtlichen könnten die »Bild«-Leute beherzt austeilen. Dass den Journalistinnen und Journalisten Ermahnungen aus der Chefetage des neuen Senders drohen, ist nicht anzunehmen. Die Chefs stehen ja selbst vor der Kamera.

Verantwortlich für »Bild«-TV ist Claus Strunz, der in den vergangenen 20 Jahren verschiedene Leitungsfunktionen bei Springer innehatte und zwischendurch auch immer wieder als Fernsehmanager- und -moderator in verschiedenen Programmen auftauchte. 2017 etwa moderierte er das Krawallmagazin »Akte« für Sat.1, bevor dem Sender eine Imagekorrektur in Richtung Seriosität verordnet wurde. Zeitgleich war Strunz, heute 54, im Fernsehen dadurch auffällig geworden, dass er als Gast in einem Maischberger-Talk zum Thema Rechtspopulismus eine süffige Analogie in die Diskussion einstreute: »Populismus ist das Viagra einer erschlafften Demokratie.«

Claus Strunz: 24/7 auf Sendung

Claus Strunz: 24/7 auf Sendung

Foto: Jörg Carstensen / picture alliance/dpa

Man ist also gewarnt, wenn Strunz und seine Mitstreiter zum Start ihres Senders am Sonntag zu einer Veranstaltung mit dem Titel »Kanzlernacht« einladen. Nein, eine weitere Kanzlerin nach Angela Merkel halten die »Bild«-Männer offensichtlich nicht für vorstellbar.

Offiziell startet ihr Sender sein Programm am Sonntagmorgen mit Fußballberichterstattung, doch richtig hochtourig dürfte es vor allem am Abend werden: Erst befragt Ronzheimer um 20.15 Uhr CDU-Kandidat Armin Laschet, um 21.45 Uhr Kai Weise dann SPD-Kandidat Olaf Scholz. Anschließend wird gemeinsam mit Chefredakteur Reichelt und Senderchef Strunz noch einmal debattiert, die Moderation übernimmt die Kollegin Patricia Platiel. Frauen stellen Fragen, Männer geben Antworten, so ist das »Bild«.

Für Strunz selbst ist der politische Schaukampf kein Neuland: Schon bei der Bundestagswahl 2017 hatte er eine extrem hemdsärmlige, leicht übergriffige Diskussionsrunde bei Sat.1 geleitet, bevor der Sender zwischenzeitlich gänzlich das Interesse an der Politik verlor.

Fast 70 neue Stellen

Steile Thesen dürfte es bei der »Kanzlernacht« von »Bild« reichlich geben. Trotzdem liegt wohl falsch, wer glaubt, dass die neue »Bild«-Plattform ausschließlich als testosteronbefeuerte Meinungsschleuder für Boulevard-Alphamännchen daherkommt, die wieder abgewickelt wird, sobald die Bundestagswahl entschieden ist.

Springers TV-Engagement ist nachhaltig. Schon 2019 kündigte der Konzern an, 100 Millionen Euro in den TV-Bereich investieren zu wollen. Und nach eigenen Angaben hat man für den TV-Ableger von »Bild« schon fast 70 neue Stellen geschaffen.

Durch den Fernsehkanal, auf dem von Montag bis Freitag von 9 bis 14 Uhr ein durchgehendes Liveprogramm laufen soll und abends zur Primetime getalkt wird, kann man dem »Bild«-Projekt neue Bedeutung zukommen lassen. Den Sinkflug der Printauflage, die bald unter die symbolisch bedeutsame Eine-Million-Marke fallen könnte, wird man wohl mit dem Fernsehengagement nicht stoppen. Aber es könnte helfen, die Taktzahl der Meinungsäußerungen unter der Marke »Bild« noch mal drastisch zu erhöhen – weil man die für den Vormittag produzierten Bewegtbild-Strecken im Anschluss noch handlich zerlegen und anderweitig ausspielen kann.

Nachmittags und abends lassen sie sich dann auf Pointe getrimmt via YouTube und Bild.de in den Meinungsbildungs- und Wertschöpfungskreislauf einpflegen. Und morgens erwarten Youtube-Nutzer und »Bild«-Fernsehzuschauer dann die zugespitzten Talk-Szenen vom Vorabend.

Auf diese Weise könnte Springer über Werbeeinnahmen Kasse auf allen Plattformen machen. Der Finanzinvestor KKR, der inzwischen 47,6 Prozent an dem Unternehmen hält, ist auf Gewinnsteigerung aus. Ihre Anteile bei der Konkurrenz von ProSieben haben die Investoren inzwischen weitgehend verkauft; möglicherweise auch deshalb, weil ihnen die Seriositätsoffensive des Senders zu soft erschien.

Trotz der getriebenen Gewinnerwartung muss das »Bild«-Fernsehen nicht zwangsweise im Aggro-Modus daherkommen. Mit einer starken Reportage über die vorrückenden Taliban, die Ronzheimer im Juni bei einer Reise durch Afghanistan aufgenommen hatte, zeigten die »Bild«-Macher, dass sie auch auf dem gehobenen Informationssektor punkten können.

Sprachrohr für die Abgehängten?

International gibt es viele neue privatwirtschaftliche Sender, die sich an Bevölkerungsgruppen wenden, die die Verantwortlichen von etablierten Nachrichtenquellen abgeschnitten sehen. Zuletzt ging der Anbieter GB News in Großbritannien mit der Agenda an den Start , die Menschen jenseits der Medien-Metropolregion London zu vertreten, die mit politischer Korrektheit und liberalen Eliten angeblich nichts am Hut haben. Eine offene Kampfansage an die BBC.

Auch Claus Strunz wies in verschiedenen Strategiegesprächen immer wieder darauf hin, dass man sich an die kleinen Leute wenden wolle, die bislang angeblich keine Heimat im herkömmlichen deutschen Fernsehen und schon gar nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen haben. »Heimat der Helden«  nennt er das Konzept. Die eingeführten Rubriken »Bild kämpft« und »Bild hilft« sollen deshalb ausgebaut werden. Man will nah bei den Bürgern sein.

Mit ähnlichen Slogans war im Juni auch GB News angetreten – bevor der Sender jüngst knallhart auf einen rechtsnationalen und rechtspopulistischen Kurs ging. Zuletzt sah man dort Videos des Brexit-Propagandisten Nigel Farage , in denen dieser aufgebracht im Ärmelkanal Schlauchboote mit Geflüchteten aufspürt. Es wird spannend, wohin die »Bild«-Zeitung mit ihrem Sender schippert.

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