Bildungstalk bei "Anne Will" Schnatterliese gegen Standpauker

"Du musst unten Druck machen, damit oben was raus kommt": Mit solchen Phrasen wurden bei Anne Will Jugendliche mit Zahnpastatuben verglichen. Im ARD-Talk tauschten sich zu viele Wertkonservative über die drohende Verblödung der Kids aus. Zum Glück war auch Viva-Quasselstrippe Gülcan da.

Viva-Moderatorin Gülcan Kamps: Castingshows sind "Wahnsinn"
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Viva-Moderatorin Gülcan Kamps: Castingshows sind "Wahnsinn"

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Zwei wertkonservative Talkshow-Dauergäste, eine grünalternative Schulsenatorin, ein gewerkschaftlicher Dampfplauderer und eine berufsjugendliche TV-Moderatorin. Es war nicht schwer zu erraten, wer von Anne Wills Gästen welche Positionen vertreten würde. Zumal es um ein Thema ging, für das die Argumentationstechnik der gefühlten Empirie dereinst erfunden worden sein muss: die Jugend von heute. "Nicht ausbildungsfähig! Ist unsere Jugend zu doof?" lautete die Frage, angefüttert von einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer, die die "mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger" beklagt.

Da mochte keiner um eine Diagnose verlegen sein. Wolf Schneider, Jahrgang 1925, führte drei Jahrzehnte Erfahrung als Leiter der Henri-Nannen-Journalistenschule ins Feld: Grammatik, Interpunktion, Allgemeinbildung - früher sei das alles besser gewesen. Schneider weiß auch, woran es liegt: "Es regiert bei uns die Spaßpädagogik." Worin die besteht, darüber erfuhr man am gestrigen Abend nichts. Doch dass sie unsere Jugend verzärtelt, darin waren sich die Talkgäste weitgehend einig. Das sei doch "wie mit den Zahnpastatuben", erklärte Uwe Hück, Betriebsratschef bei Porsche: "Du musst unten Druck machen, damit oben was raus kommt." Andererseits: "Wenn du zwei faule Äpfel hast, sägste ja nicht gleich den Baum um." Was wohl heißen soll, dass man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten darf. Die Gastgeberin moderierte nicht besonders ehrgeizig, und so durften sich derlei Gemeinplätze ausbreiten. Schneider schwärmte davon, "wie viel Segen man mit Leistungsdruck ausüben kann".

Darauf Hück: "Ich will, dass man unsere Kinder liebt und ihnen sagt: Das Leben ist nicht weich, sondern hart." Und dass es in der Automobilindustrie "unterschiedliche Arten von Druck" gäbe: "Reifendruck und Öldruck". Ähnlich erkenntnisfördernd ging es weiter. "Wir alle hier sind für Leistung", hielt Hamburgs Schulsenatorin Christa Goetsch fest, die im Hauptberuf Lehrerin ist, ein bisschen Werbung für die schwarzgrüne Schulreform in der Hansestadt machen durfte und ansonsten in der Diskussion weitgehend abgemeldet war. Was hätte sie auch sagen sollen zu der steilen These von Ex-BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel: dass nämlich die schwindende Zahl an Lehrstellen-Anwärtern und die wachsende Bewerberzahl für Castingshows wie "Deutschland sucht den Superstar" etwas miteinander zu schaffen hätten. "Das ist katastrophal, was sich da abspielt", sorgte sich Henkel darüber, dass "eine große Anzahl Jugendlicher meint, das sei jetzt der neue, bequeme Weg zum Erfolg".

Der Gewerkschafter Hück assistierte: Deutschland werde "nicht Weltmeister im Export durch Casting, sondern dadurch, dass wir Produkte entwickeln und verkaufen". Offensichtlich ist ihm nicht klar, dass die Republik im Marktsegment der Castingshows seit jeher ein unaufholbares Handelsbilanzdefizit zu schultern hat.

So denkfaul ist die Jugend doch gar nicht

Nun schlug die Stunde von Gülcan Kamps, gemeinerweise wohl als lebendiger Beweis für das Erfolgsmodell "Generation Doof" eingeladen. Castingshows ein bequemer Weg? Von wegen, argumentierte die Viva-Quasselstrippe, vielmehr sei es doch "Wahnsinn", was Jugendliche in Castingshows alles so durchzustehen hätten. "Wer da ohne Fleiß, Ehrgeiz und Talent hingeht, der schafft das nicht." Womit man wieder bei den mangelnden Sekundärtugenden war, auf Neudeutsch "Soft Skills", die die sonntägliche TV-Plauderei leitmotivisch durchzogen. Schließlich sind es "Leistungsbereitschaft", "Belastbarkeit" und "Disziplin", die Deutschlands Unternehmen laut der DIHK-Umfrage an ihren Azubis am meisten vermissen. Die Jugend von heute halte "den Kunden die Tür nicht mehr auf", klagte Henkel. Andererseits seien Disziplin und Leistung - im Unterschied zu früher - keine Schimpfworte mehr, wusste Schneider aus eigener leidvoller Post-68er-Erfahrung zu vermelden. In Frankreich sprächen die Schüler ihre Lehrer noch mit "professeur" an, schwärmte Henkel. Da hatten sich zwei gefunden.

Fehlten noch die Handys und das Internet: Der Computer sei für die Chancen, Kinder auszubilden, ein schreckliches Ereignis, so Wolf Schneider. Vergebens der Einwand von Schulsenatorin Goetsch, moderne Schulbildung müsse doch die Jugendlichen "befähigen, mit den Medien als Handwerk umzugehen". Schneider, Meister der feinsinnigen Standpauke, blieb dabei: "Der Computer bietet eine ungeheure Chance sich zu informieren, aber genutzt wird er überwiegend für das Gegenteil - er frisst Zeit und Konzentration."

Und so blieb denn Gülcan Kamps in ihrer unbekümmerten Schnatterliesigkeit die einzige, die nicht ins allgemeine Lamento über die Bildungsferne junger Menschen einstimmen mochte. Die unmotivierten, denkfaulen Kids, die seien doch nur ein kleiner Ausschnitt: "Das wird größer gemacht, als es dann doch ist. Das sind vielleicht 25 Prozent, aber dann gibt's immer noch drei Viertel, bei denen läuft es super." Was sie vom Geschimpfe auf die neuen Medien hält, hatte sie ohnehin schon ganz zu Beginn der Sendung klargestellt: "Man kann sich auch im Internet ein Buch anlesen."



insgesamt 202 Beiträge
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Meckerliese 03.05.2010
1. 10 Minuten
Naseweishalber reingezappt. Nach 10 Minuten musste ich umschalten sonst hätte ich gekotzt..... Wie kann man solche Vollpfosten zu einer Sendung einladen? Fr. Will geh in den Ruhestand, taugst eh nichts.
gsm900, 03.05.2010
2. Druck machen Proschefahrer ja auc auf der Autobahn
Zitat von sysop"Du musst unten Druck machen, damit oben was raus kommt": Mit solchen Phrasen wurden bei Anne Will Jugendliche mit Zahnpastatuben verglichen. Im ARD-Talk tauschten sich zu viele Wertkonservative über die drohende Verblödung der Kids aus. Zum Glück war auch Viva-Quasselstrippe Gülcan da. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,692584,00.html
um die linke Spur frei zu bekommen.
eyjafjallajökull 03.05.2010
3. Lieber Sysop, Ich habs gesehen!
Zitat von sysop"Du musst unten Druck machen, damit oben was raus kommt": Mit solchen Phrasen wurden bei Anne Will Jugendliche mit Zahnpastatuben verglichen. Im ARD-Talk tauschten sich zu viele Wertkonservative über die drohende Verblödung der Kids aus. Zum Glück war auch Viva-Quasselstrippe Gülcan da. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,692584,00.html
Zitat Anne Will: "Herr Schneider, Sie sind Jahrgang 1928, also werden Sie dieses Jahr 85 Jahre alt" Gut in Ihrem SPON-Artikel wurde klargestellt, dass Herr Schneider Jahrgang 1925 ist.
Holledauer, 03.05.2010
4. Da haben wir wohl unterschiedliche Sednungen gesehen!
Die Schnatterliese war unerträglich, die Schulsenatorin hörte nicht zu und verbereitete im Wesentlichn grüne Allgemeinplätze, Anne Will plapperte wie üblich. Die Einzigen ernst zu nehmenden Teilnehmer waren die Herren Schneider und Henkels, sowie bedingt Herr Hück. Einer der Kameraleute war wohl verknallt in die Schnatterliese oder wurde dafür bezahlt, dass sie überproportional häufig den Bildschirm füllte.
Tyrone 03.05.2010
5. ?
Zitat von sysop"Du musst unten Druck machen, damit oben was raus kommt": Mit solchen Phrasen wurden bei Anne Will Jugendliche mit Zahnpastatuben verglichen. Im ARD-Talk tauschten sich zu viele Wertkonservative über die drohende Verblödung der Kids aus. Zum Glück war auch Viva-Quasselstrippe Gülcan da. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,692584,00.html
Oh Gott, als die "Quasselstrippe" dann von dem Beruf des Superstars erzählte, den die Kids schließlich lernen würden, hab ich abgeschaltet....
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