Bin-Laden-Talk bei "Anne Will" Angstvolles Zucken vor dem Räuspern

Ticken "die Amerikaner" ganz anders als "wir Europäer"? Die US-Jubelfeiern nach dem Tod Osama Bin Ladens wurden bei "Anne Will" noch einmal aufgearbeitet - allerdings ohne die Menschen, um die es ging. Dafür schwang sich eine Ex-Bundesministerin zur Chef-Räusperin auf.

Herta Däubler-Gmelin (l.), Richard David Precht, Anne Will: Europäerin vom Mars
NDR

Herta Däubler-Gmelin (l.), Richard David Precht, Anne Will: Europäerin vom Mars

Von Oskar Piegsa


"Amerikaner sind vom Mars, Europäer von der Venus", formulierte einst Robert Kagan. Man müsse aufhören zu glauben, dass Amerikaner und Europäer eine gemeinsame Weltanschauung verbinde - sie lebten nicht einmal in derselben Welt. Diese Thesen stammen aus dem dünnen Büchlein "Of Paradise and Power", das Kagan im Januar 2003 veröffentlichte. Amerika trommelte damals gerade für Unterstützung beim bevorstehenden Einmarsch in den Irak, und Frankreich und Deutschland gehörten zu jenen Staaten, die sich zierten. Schlimmer noch: In Deutschland hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Ablehnung eines Einmarschs zum Wahlkampfthema gemacht und seine Justizministerin Herta Däubler-Gmelin gesagt, US-Präsident George W. Bush versuche mit dem Irak-Krieg von innenpolitischen Problemen abzulenken, was man "aus unserer Geschichte seit Adolf Nazi" kenne.

Die Idee von der unüberbrückbaren Kluft mag vor diesem Hintergrund plausibel geklungen haben, aber sie war schon damals falsch. Nicht alle Europäer waren von der Venus: Däubler-Gmelin verlor wegen ihrer Äußerungen die Aussicht auf eine zweite Amtszeit, und die Oppositionsführerin Angela Merkel suchte sogar das Gespräch mit Bush. Und nicht alle Amerikaner waren vom Mars: Im Senat des Staates Illinois saß ein Juradozent namens Barack Obama, der den Irakkrieg kritisierte. Ein kleines blondes Mädchen besuchte währenddessen die Middle School und bekam von all dem wohl wenig mit.

Knapp acht Jahre später sind die Karten neu gemischt: Der Juradozent ist inzwischen amerikanischer Präsident, die Oppositionsführerin deutsche Bundeskanzlerin und die Neokonservativen, zu denen man gemeinhin Robert Kagan zählt, scheinen abgemeldet zu sein. Seine Idee ist aber noch nicht überwunden - und als Beleg dafür muss ausgerechnet das blonde Middle-School-Mädchen von damals herhalten.

In der Sendung von Anne Will war sie eine von einer Handvoll Amerikaner, die per Videoeinspieler vorgeführt wurden, um zu zeigen, dass "die Amerikaner" angeblich eben doch ganz anders ticken als "wir Europäer", dass sie unkultivierter, primitiver und brutaler sind. Sie hatte Angehörige bei den Terroranschlägen des 11. September verloren, sagte das Mädchen in die Kamera. Im Videoeinspieler war sie als eine von denen zu sehen, die den Tod Osama Bin Ladens auf offener Straße feierten, in Autokorsos fuhren und "USA! USA!", brüllten. Momentaufnahmen, die zum Zeitpunkt ihrer Ausstrahlung bereits mehrere Tage alt waren.

"Bin Ladens Liquidierung - darf man sich darüber freuen?", fragte der Titel der Sendung. Von "Hollywood" hatte Anne Will in ihrer Anmoderation gesprochen, von "Wild-West-Manier" und "Killerkommandos" - und damit den Rahmen der Diskussion abgesteckt, in der der Journalist Ulrich Kienzle bald fragte, ob Amerikaner und Europäer noch dieselben Werte teilten.

Dabei herrschte zunächst scheinbare Eintracht auf dem Podium. Rechts saßen der frühere US-Botschafter John Kornblum und der Historiker Michael Wolffsohn, beide geladen als Amerika-Versteher, links der Bestsellerautor Richard David Precht, Ulrich Kienzle und Herta Däubler-Gmelin, an diesem Abend die Amerika-Kritiker. Freuen wollten sie sich alle nicht über die Tötung Osama Bin Ladens. Man einigte sich stattdessen auf die Sprachregelung, "erleichtert" zu sein. Damit war die Frage der Sendung schnell beantwortet - und das war bedauerlich.

"Die Amerikaner" im Video, "wir Europäer" im Studio

Es wäre doch interessant gewesen, von der jungen Amerikanerin zu erfahren, was es bedeutet, als Kind durch einen Terroranschlag politisiert zu werden, bei dem man Freunde und Familienmitglieder verliert; wie es ist, mit der Angst vor einem Terroristen aufzuwachsen, der die Angehörigen seiner Opfer in Videobotschaften verhöhnt, während in anderen Ländern weiter gemordet wird. Es hätte sich gelohnt, dann darüber nachzudenken, ob es nicht doch nachvollziehbar ist, wenn die Erleichterung, dass dieser Mann gestoppt ist, sich für einige Stunden in rauschhafter Begeisterung Bahn bricht.

Danach hätte man sie fragen können, ob sie heute, gut eine Woche später, anders denkt. Ob die Tötung rechtens und moralisch war. Ob man Osama Bin Laden nicht besser vor ein Gericht hätte stellen sollen. Schließlich, so argumentierte Herta Däubler-Gmelin, hätte man dann erstens mehr über seine Verbrechen gelernt und zweitens anderen vorgelebt, wie ein Rechtsstaat funktioniert.

Aber die junge Amerikanerin blieb auf der anderen Seite des Atlantiks, im Schatten der Hollywood-Lettern, im Wilden Westen. John Kornblum eilte zur Verteidigung seiner feiernden Mitbürger und sagte, würde er in Amerika leben, wäre er womöglich auch auf die spontanen Straßenfeste gegangen - aber sprechen konnte auch er nicht für sie.

Stattdessen wurde also über "die Amerikaner" aus dem Videoeinspieler und "uns Europäer" im Studio gesprochen und bald auch über ganz andere Fragen als die psychologischen Hintergründe der Freude und ihre moralische Dimension. Etwa über die Ursachen des internationalen Terrorismus, über Demokratieförderung in der arabischen Welt, über Deutschlands Enthaltung beim Libyen-Einsatz und über die menschliche Natur, oder genauer: über die Möglichkeit, sie mit den Mitteln der Geologie zu vermessen.

Fast schien es an diesem Abend, als verliefe ein Graben des Unverständnisses zwischen Amerikanern und Europäern und zwischen den Amerika-Kritikern und den Amerika-Verstehern im Studio, so tief und unüberbrückbar, wie es sich einst Robert Kagan ausgemalt hatte. Neben dem Ausschluss derjenigen, über die gesprochen wurde, lag das auch an der ungebrochenen Kampfeslust der Herta Däubler-Gmelin. Sie übernahm schnell die Führung der Anklage. "Ich glaube, es ist ein bisschen komplexer", fuhr sie schroff John Kornblum an, "jetzt seien Sie doch ein bisschen intellektuell ehrlicher" den Professoren Michael Wolffsohn. Am Ende der Sendung zuckte Kornblum schon aufgescheucht mit den Augen, als Däubler-Gmelin sich nur laut räusperte.

Was die Diskussionskultur angeht, ist diese Europäerin vom Mars.



insgesamt 293 Beiträge
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Seite 1
iBert 09.05.2011
1. Fastfood
Die Amerikaner stehen eben eher auf Fastfood für's Gerechtigkeitsempfinden, Fastfood heisst schliesslich Schnellgericht. http://www.sehnsuchtsort.de/?p=3352
jetztwirdsgut 09.05.2011
2. Gmelin...
Nicht ganz das Thema, aber wie man sich mit so einer Familiengeschichte so weit aus dem Fenster lehnen kann... Wäre eh mal interessant zu hinterfragen was dieser wunderbare kleine Ort Tübingen noch so an fragwürdigen Persönlichkeiten hervorgebracht hat. Da kriegt man das kalte Grausen...
stevie76 09.05.2011
3. ..
schön war, als am ende dieser prof. im einspieler bücher aus seinem regal fischte und sagte, die tötung war völkerrechtswidrig und kienzle dazu sagte, der herr professor führe an seinem schreibtisch ja auch keinen krieg. schade war, dass precht nicht kienzles einwand beantwortete, ob er (precht) dann nicht konsequenter weise die beteiligten navy seals vor gericht stellen würde.
dasky 09.05.2011
4. Hyphenated identities
Zitat von sysopTicken "die Amerikaner" ganz anders als "wir Europäer"? Die US-Jubelfeiern nach dem Tod Osama Bin Ladens wurden bei "Anne Will" noch einmal aufgearbeitet - allerdings ohne die Menschen, um die es ging. Dafür schwang sich eine Ex-Bundesministerin zur Chef-Räusperin auf. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,761370,00.html
Bei Frau Däubler - Gmelin liegt das alles vielleicht einfach nur an der Bindestrich - Identität. (http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=4471917&postcount=662)
moritzdog, 09.05.2011
5. Ein
Zitat von sysopTicken "die Amerikaner" ganz anders als "wir Europäer"? Die US-Jubelfeiern nach dem Tod Osama Bin Ladens wurden bei "Anne Will" noch einmal aufgearbeitet - allerdings ohne die Menschen, um die es ging. Dafür schwang sich eine Ex-Bundesministerin zur Chef-Räusperin auf. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,761370,00.html
weitere Mal von der Sendung enttäuscht. Fazit: Im Westen nichts Neues.
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