Björn Höcke im MDR-Sommerinterview Ein einziges Ausweichmanöver

Der MDR empfing den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke zum Sommerinterview, bekam jedoch kaum Antworten auf kritische Fragen. Der Rechtsextreme duckte sich weg - und sagte damit viel über sich und seine Partei.
Eine TV-Kritik von Arno Frank
MDR-Interviewpartner Björn Höcke (AfD)

MDR-Interviewpartner Björn Höcke (AfD)

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MDR Thüringen

Los geht’s gleich in der ersten Sekunde, da hat zwar der Stream, aber noch nicht das "Sommerinterview" des MDR offiziell angefangen. Moderator Lars Sänger weist Björn Höcke im Landesfunkhaus den Weg: "Ich muss Sie Corona-bedingt außenrum bitten …", und der Thüringer AfD-Chef versetzt launig: "Inshallah, würde Bodo Ramelow sagen".

Politisch und publizistisch ist zu Recht umstritten, ob mit Rechtsextremen überhaupt diskutiert, geschwiege denn Interviews geführt werden müssen. Fragen ignoriert der Faschist und nutzt jede Gelegenheit, reichweitenwirksam seine Schlagworte unters Volk zu bringen - so schlägt er das Medium mit seinen eigenen Waffen. Forderungen allerdings, der AfD "keine Minute" an Sendezeit zu gewähren, sind leichter gestellt als erfüllt.

Dergleichen wird in einem Rechtsstaat rechtlich geregelt und der Rundfunkstaatsvertrag verpflichtet ARD und ZDF zur Wahrung "von Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung". Wer also in schöner Tradition die Fraktionschefs der jeweiligen Landtage vor die Kamera holen will, kann gerade die im Osten sehr starke AfD-Fraktion von diesem Forum nicht ausschließen. 

Der RBB hat erst kürzlich seine Lehren aus einem desaströsen "Gespräch am See" mit Andreas Kalbitz gezogen und die Reihe mit Sommerinterviews als "altmodisch" komplett eingestellt. Und Peter Frey, ZDF-Chefredakteur, will einen Björn Höcke in keiner seiner Talkshows mehr sehen. So lässt sich das Dilemma umschiffen. Man streicht die Segel oder nimmt eine andere Route.

Schlimmes zu befürchten

Ein MDR hingegen, der 2018 noch ernsthaft und unter Ausschluss der Betroffenen darüber diskutieren lassen wollte, ob man das rassistische N-Wort noch verwenden dürfe (eine Frage, die der Sender mit der vollen Ausschreibung des Begriffs in einer Ankündigung für sich freilich schon beantwortet hatte, bevor die Sendung dann doch noch gekippt wurde), der gleiche MDR, dessen Vertreterin am Wahlsonntag in Sachsen 2019 von einer möglichen "bürgerlichen Koalition" aus CDU und AfD gesprochen hatte, dieser MDR wollte nun den Stier bei den Hörnern packen – und trotz Protesten auch aus den eigenen Reihen von seinem Gespräch mit Björn Hocke nicht lassen.

Die Frage des Höcke-Interviews war also keine nach dem Ob, sondern nach dem Wie.

Die Dramaturgie des Gesprächs lässt die redaktionelle Vorbereitung erahnen. Moderator Lars Sänger fliegt zunächst tief ein, nennt Höcke einen "Mann, der bundesweit polarisiert", und schmeichelt ihm mit Fragen nach seinen bundespolitischen Ambitionen – um sogleich die Kurve zum rechtsextremen Flügel zu bekommen: "Warum entziehen Sie sich Ihrer Verantwortung auch Ihren Anhängern gegenüber?"

Interviewer Lars Sänger im Gespräch mit Björn Höcke

Interviewer Lars Sänger im Gespräch mit Björn Höcke

Foto: MDR Thüringen

Höcke umschreibt den "Geist" des inzwischen aufgelösten Flügels als einen des "solidarischen Patriotismus", das Schlagwort ist ihm wichtig, aber Sänger lässt nicht locker. Wie man sich die Auflösung des Flügels denn "praktisch vorstellen" müsse? Ach, meint Höcke, diesen Flügel "gab es ja formal nie".

Sänger hakt nach. Habe man aufgehört, sich zu treffen? Oder wie? Höcke sagt noch einmal "noch einmal", das wird er häufiger tun, gerade so, als habe er das alles doch schon sattsam erklärt, und deklariert den rechtsradikalen Flügel flugs zu einer lustigen Feiergemeinschaft um, in der man "auch mal fröhlich zusammen ist, ungezwungen zusammen ist".

Warum hat die AfD bei der Wahl zum Ministerpräsidenten im dritten Wahlgang ihren eigenen Kandidaten ins Rennen geschickt, um dann doch für den FDP-Mann Kemmerich zu stimmen? Das habe er, sagt Sänger, noch immer nicht verstanden. Wieder weicht Höcke aus und sagt, "Taktik gehört zur Politik dazu", er habe die Chance auf ein "bürgerliches Bündnis" gesehen.

Sänger wiederholt den alten Fehler nicht, sagt: "Die anderen Parteien sehen das nicht als bürgerliches Bündnis", worauf Höcke diese anderen Parteien bezichtigt, sich dem linken "Mainstream" angeschlossen zu haben. Je mehr Sänger beharrt, nun auf der moralischen Qualität dieser wahltaktischen Finte, umso mehr geht Höcke die Kreide aus, die er für dieses Gespräch gefressen hat.

Charakterliche Züge, so der Moderator, seien Höcke doch angeblich so wichtig. War das Manöver denn moralisch in Ordnung? Worauf Höcke den seiner Meinung nach "eigentlichen Skandal" thematisieren möchte, "die Gottkanzlerin" habe eine demokratische Wahl rückabwickeln lassen.

"Und trotzdem noch mal meine Frage!"

Keine Antwort gab es von Höcke auch auf die Frage, wie lange seine Partei ihn angesichts der zahlreichen Ausschlussverfahren gegen "Flügel"-Freunde wohl noch werde halten können. Höcke spricht über Finanzpolitik und Energiepolitik. Sänger wiederholt die Frage ("Und trotzdem noch mal meine Frage!"). Höcke redet über Asylpolitik. Sänger beharrt und erklärt, inzwischen nenne sogar die AfD den Verfassungsschutz als Quelle. Höcke nennt den Verfassungsschutz eine "Skandalbehörde".

So geht das über Minuten, und Höcke entglitscht wie ein Stück Seife in der Wanne, wirkt dabei aber immer weniger entspannt als zu Anfang des Gesprächs. Bisweilen reden beide Männer gleichzeitig, Höcke aufgeregt über ein "vor die Hunde" gehendes Land, während Sänger unbeeindruckt erklärt: "Es geht um eine ganz andere Frage, Herr Höcke", und es sei "völlig verrückt", Medien immer "Framing" zu unterstellen, während er selbst fortwährend seine eigenen Sprachbilder ins Spiel brächte: "Sie benennen Punkte, die keine Rolle spielen."

Auf seine ursprüngliche Frage, wiederholt gestellt ("Ich möchte von Ihnen eine Antwort haben auf die Frage: Was glauben Sie, wie lange diese Partei Sie noch ertragen wird, wenn sie sich weiter so verhält wie in den letzten zwei Wochen?") wird der Moderator keine Antwort bekommen. Was für einen aufmerksamen Zuschauer eigentlich schon Antwort genug ist. Zusammen mit dem Lächeln, das Höcke stets bei heiklen Fragen aufsetzt.

Mehrfach bringt Höcke, Stichwort "Framing", die bei der AfD sehr beliebte Idee von Volksentscheiden ins Spiel, um den Einfluss der Parteien zu schwächen. Sänger korrigiert auch hier sanft, aber bestimmt: "Die Überwindung des Parlamentarismus ist eine Frage, die, glaube ich, nicht alle so sehen, wie Sie das sehen!"

Keine Distanzierung von der NPD

Auch die Pandemie sieht Höcke als beendet an ("Corona ist vorbei. Und es wird auch nicht wiederkommen!") und findet die Demonstrationen der "Querdenker" einfach prima, denn diese Menschen nähmen nur ihre "bürgerlichen Grundrechte" wahr.

Dass, wer etwa an diesem Wochenende in Berlin mitmarschiert, dies in Gesellschaft und nach Aufforderung durch "eindeutig dem rechten Lager" zuzuordnenden Organisationen tue, ficht Höcke nicht an. Dreimal fragt Sänger nach. Dreimal lässt Höcke das Angebot verstreichen, sich von der NPD zu distanzieren. Das sei eben die "maximale Offenheit" der Straße. Sänger nimmt das ausdrücklich "zur Kenntnis".

Es folgt ein kurzer Durchhänger, bei dem Höcke verschiedene Zuschauerfragen zur Rente, zur Pflege, zum Klimawandel auf die übliche Weise unwidersprochen beantworten kann – bevor Sänger ihn am Ende doch noch auf "Landolf Ladig" anspricht, das Pseudonym, unter dem Höcke mutmaßlich in NPD-Publikationen seines Freundes Thorsten Heise publiziert haben soll.

Höcke verwahrt sich lächelnd gegen "typische Trollfragen" und nennt sie "systematisches Mobbing", bevor er wieder auf die "millionenfache Masseneinwanderung" zu sprechen kommen möchte. Sänger begründet seine Frage, vergleichbare Aktivitäten seien doch einem Herrn Kalbitz "jetzt auf die Füße gefallen".

Warum gehe er, Höcke, nicht einfach rüber zu ihm, Heise, und erkundige sich danach, wer sich hinter "Landolf Ladig" verbirgt? Höcke strahlt übers ganze Gesicht und bittet, das doch nächstes Jahr noch einmal gefragt zu werden, "falls ich dann wieder hier sitze".

Nach knapp vierzig Minuten ist der Spuk vorbei, das prinzipielle Dilemma bleibt.

Wenn Rechtsextreme viel sprechen dürfen, werden zwangsläufig einige ihrer Aussagen unwidersprochen bleiben. Aber das tun sie in ihren dunklen Echokammern, den angestammten Kanälen der "sozialen" Netzwerken, erst recht. Was das Öffentlich-Rechtliche in diesem Rahmen leisten kann, hat der MDR diesmal geleistet.

Und wenn sich jemand blamiert hat, war es nicht Lars Sänger. Natürlich ist ein Björn Höcke im Interview nicht zu "entzaubern". Was vielleicht daran liegt, dass ihn schlicht kein Zauber umgibt.