Block, Batic und Leitmayr Immer her mit den Fettnäpfchen

Ehrgeiz? Ist was für kleine Streber! Die in Würde zermürbte Bella Block und die in Ehren ergrauten Herren vom Münchner "Tatort" sind frei von allen jugendlichen Ambitionen, freut sich Christian Buß - dieses Wochenende ziehen sie besonders souverän ihre Runden durchs Krimi-TV.

BR

Bitte nicht drängeln auf den hinteren Plätzen, kommt jeder mal an die Reihe. Auf dem Hamburger Polizeirevier, auf dem ZDF-Ermittlerin Bella Block Dienst schob, bis sie sich frühpensionieren ließ, kommt es in der aktuellen Episode auf den engen Behördenfluren schon mal zu Rangeleien: Block-Nachfolger Huber spielt sich gerne auf, Blocks Ex-Assi Martensen will sich nicht unterbuttern lassen. Die Luft vibriert vor Ehrgeiz.

Gut möglich, dass sich die Stimmung bald bereinigt und die Ambitionen der Jungs in andere Kanäle gelenkt werden: Huber-Darsteller Jörg Hartmann wird zukünftig als "Tatort"-Ermittler ein eigenes Revier in Dortmund bekommen; von Martensen-Darsteller Devid Striesow ist zu hören, dass er das gerade freigewordene "Tatort"-Revier in Saarbrücken übernimmt. Ist ja vielleicht auch besser so: In der Fernsehkrimi-Stadt Hamburg ist bald sowieso kein Platz mehr für Kollegen, falls Til Schweiger hier tatsächlich irgendwann anstelle von Mehmet Kurtulus als "Tatort"-Ermittler sein Testosteron verspritzt.

Darstellerin Hannelore Hoger tangieren solche männlichen Revierkämpfe natürlich genauso wenig wie die von ihr verkörperte Bella Block die Rangeleien zwischen den hungrigen Burschen am Ex-Arbeitsplatz. Unlängst hat sie als Block offiziell ihren Dienst quittiert, Ehrgeiz ist dieser Polizistin fremd, essen tut sie auch nicht mehr richtig, trinken dafür umso mehr. Kurz, sie sucht schon lange nicht mehr das Verbrechen. Aber das Verbrechen sucht sie: Hoger spielt Block inzwischen als klassische Film-noir-Ermittlerfigur, die müde ihre Runden zieht und ganz gegen ihren Willen immer wieder in den fatalen Sog von Sehnsucht, Gier und Verzweiflung gezogen wird.

Blick von der Elbphilharmonie-Ruine

Der großartige Regisseur und Autor Stephan Wagner ("In Sachen Kaminski") hat der Heldin nun für die aktuelle Episode "Stich ins Herz" einen schönen Film-noir-Monolog geschrieben, den sie am Anfang zermürbt aus dem Off spricht, während sie in einer elegischen Zeitlupen-Sequenz an dem Tatort eines Mordes eintrifft. Großes Krimi-Kino, das sich über die Dauer der ganzen Episode zieht - auch weil jede einzelne Figur in ihrer tragischen Größe ernst genommen wird.

Es geht um einen Architekten (Sebastian Koch), der zwischen seinem Job auf der Baustelle der Elbphilharmonie, seiner Ehefrau (Anna Schudt) und der jungen Bedienung eines Fischimbisses (Annika Blendl) hin- und hergerissen ist. Die Kellnerin liegt irgendwann erstochen hinterm Tresen, bei den Untersuchungen des Verbrechens gerät der Zuschauer in ein Melodram, das die drei Menschen tiefenscharf vor grandioser Kulisse ausleuchtet. Die Leben, die hier gezeigt werden, sind von solch beängstigender Unfertigkeit und zweifelhafter Konstruktion wie die Elbphilharmonie, das berühmte Hamburger Millionengrab, wo der Mann arbeitet.

Irgendwann steht Bella Block auf der zugigen Ruine mit Elbblick, um sich den Architekten vorzuknöpfen, müde zwar, aber präzise und rigoros wie immer. Zu verlieren hat sie ja nichts mehr, die Zukunft gehört den anderen. Ihr gehört lediglich das Privileg, Wahrheiten auszusprechen.

Keine Angst vor Fettnäpfchen

Ähnlich geht es den beiden Münchner Ermittlern Batic und Leitmayr, deren Darsteller Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl mit zwei Dekaden sogar noch ein paar Jährchen TV-Dienst mehr auf dem Buckel haben als Block-Darstellerin Hannelore Hoger - und ein ähnlich abgeklärtes Verhältnis zum Job. Das ganze "Tatort"-Tohuwabohu der jüngsten Zeit lässt sie unbeeindruckt, dafür stürzen sich die Grauschöpfe unerschrocken in gesellschaftliche Problemzonen. Bei einem ihrer letzten Fälle wurde mit sardonischem Witz das Thema Alzheimer verhandelt, hier geht es ebenso sardonisch um ein Verbrechen im jüdischen Milieu.

In einer Synagoge liegt eine Leiche, der Verdacht fällt auf den Rabbiner (André Jung), einen orthodoxen Juden (Alexander Beyer) und dessen Frau (Annika Blendl, die zuvor in "Bella Block" zu sehen ist). Wie ermittelt man in einem Milieu, in dem überall gesellschaftspolitische Fettnäpfchen versteckt scheinen? Vielleicht so, wie es die beiden Münchner tun: immer drauflos, ohne Angst vor Fettflecken an der Hose. So wird der Krimi zu einer interessanten Abhandlung über falsche Pietät und an Gemeinheit grenzende politische Korrektheit. Allein, wie man sich in der Behörde bemüht, den richtigen Ton zu treffen, um die "jüdischen Mitbürger" oder "Menschen jüdischen Glaubens" bloß nicht zu düpieren. Als ob irgendjemand einen Katholiken "Menschen katholischen Glaubens" nennen würde.

Könnte Batic und Leitmayr nicht passieren. In "Ein ganz normaler Fall" (Regie: Thorsten C. Fischer, Buch: Daniel Wolf, Rochus Hahn), dem 60. Einsatz von Batic und Leitmayr, gibt es diese tolle Szene, in der der Polizeichef angesichts der politischen Dimension des Falls zu besonderem Feingefühl mahnt. Und was tut Leitmayr, dieser durch und durch bayerisch-katholische Bub? Richtet sein Gesicht ins Profil, rollt bedeutungsvoll die Augen und zeigt auf seine große Nase. Dann raunt er, dass seine Großmutter ja Rebecca geheißen habe - und schon atmet sein Dienstherr auf: Ah, sehr gut, sollen die Juden das doch unter sich ausmachen. So fühlt er sich an, der Antisemitismus in seiner allerhöflichsten Form.

Grandios, wie souverän die Münchner durch gesellschaftliche Problemzonen ihre Runden ziehen - mit robustem Humor und unverwüstlicher Chuzpe. Pech für den drängelnden Nachwuchs: Mit den nächsten 60 Folgen sollte es keine Probleme geben.


"Bella Block: Stich ins Herz", Samstag 20.15 Uhr, ZDF
"Tatort: Ein ganz normaler Fall", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
alexbln 26.11.2011
1. ..
auch wenn die münchner deutlich nachgelassen haben im vergleich zu früher, sind sie immer noch in den top3 der tatorte, im vergleich zu der eher mäßigen "jungen" konkurrenz kein wunder. der folgende tatort klingt gar nicht übel- werde ich wieder ma reinschauen.
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