»Bob Ross: Glückliche Unfälle, Betrug und Gier« bei Netflix Das Schockierendste an dieser Doku ist der Titel. Zum Glück

Schlaflosen Bettenwälzern ist er immer noch die beste Einschlafhilfe. Nun droht eine neue Doku, das Schmunzel-Image von Fernsehmaler Bob Ross zu entzaubern. Gott sei Dank klappt das nicht.
Bob Ross: Flockig frisierter Idyllenmaler

Bob Ross: Flockig frisierter Idyllenmaler

Foto: COURTESY OF NETFLIX / Netflix

Wenn die Schlaflosen nachts schon keinen Besuch von Schäfchen bekommen, dann wenigstens von flauschigen Wolken auf Leinwand. Bob Ross, passend flockig frisierter Idyllenmaler, ist mit seinem seit Jahren nachts auf ARD-Alpha weggesendeten Anleitungsformat »The Joy of Painting« ein verlässlicher Verbündeter nächtlicher Herumwälzer: Mit herrlich einlullender Mousse-Stimme erklärt er parallel zu seiner Malerei die verschiedenen Pinsel- und Schabetechniken, mit denen man scheinbar mühelos selbst Bäume und Bergpanoramen fabrizieren könnte.

Echtes Trost-TV

Und ist dabei niemals streng wie der gemeine, weil frustrierte Kunstlehrer, der einen schon rüffelte, wenn man versehentlich mit der Wasserfarbe ein bisschen über die vorgezeichnete Bleistiftlinie patzte, sondern redet sich und seinem Publikum gütig und großzügig jeden Malfehler als Chance auf ein weiteres hübsches Gebüsch schön: Gar nicht schlimm also, diese »happy accidents«.

Kurzum, »The Joy of Painting« ist echtes Trost-TV, und Ross’ Werke (über 30.000 Träumerle-Landschaften hat er gemalt) entziehen sich als echte Cosy-Kunst jeder kitschkritischen Beschau. Weswegen man schon beim Titel der Netflix-Doku über das Leben und Wirken diese augenscheinlich doch so netten Mannes Angst bekommt, man bekäme gleich auch noch diese naive Illusion genommen, wie das ja im Leben so üblich ist. »Bob Ross: Glückliche Unfälle, Betrug und Gier« klingt schließlich kein bisschen idyllisch. Ist aber glücklicherweise auch reichlich aufgebauscht.

An Ross’ Softimage wird nicht gerüttelt, als schockierendstes Detail erfährt man lediglich, dass er abseits der Pinsel gern mit seiner Corvette herumsauste und sich dabei nicht viel um Tempolimits scherte. Der maximal aufgepulpte Doku-Titel, der laut Ankündigung »das düstere Geheimnis von Bob Ross« lüften will, bezieht sich nämlich vor allem darauf, wie ihm und seinem Nachlass von gierig gezeichneten Geschäftspartnern übel mitgespielt wurde.

Hat mehr als 30.000 Träumerle-Landschaften gemalt: Bob Ross

Hat mehr als 30.000 Träumerle-Landschaften gemalt: Bob Ross

Foto: COURTESY OF NETFLIX / Netflix

Zunächst allerdings wird, unterlegt mit Rührmusik, Ross’ Leben erzählt. Dass er seine Landschaftsinspirationen aus seinen Jahren in Alaska zog, wo er als junger Soldat stationiert war, wie er seine Frauen kennenlernte, dass er seinen Sohn Steve früh in seine TV-Sendung miteinbezog, dass seine Trademark-Kugelfrisur ebenfalls ein Kunstwerk ist, nämlich eine voluminöse Dauerwelle. Und wie seine TV-Malkurse, von denen er über 400 Folgen drehte, so erfolgreich wurden, dass er ab 1982 zusammen mit seinen Geschäftspartnern Annette und Walter Kowalski eigene Farben, Pinsel, Videos und Bücher verkaufte.

Verletzte Eichhörnchenbabys und raffgieriges Businesspartnerpaar

Über weite Strecken tupft die Doku Ross’ Andenken als weicher Schmunzelmaler noch mehr pastellene Farben auf: Hier der absolute Idealist, der verletzte Eichhörnchenbabys gesund pflegt und mit der Kommerzialisierung seiner Kunst einfach nur möglichst viele Menschen dazu ermuntern wollte, sich selbst durchs Malen von Trübsinn und Alltagsgraus zu heilen – und auf der anderen Seite sein raffgieriges Businesspartnerpaar, das ihm seinen eigenen Namen stehlen wollte, um damit noch mehr Reibach zu machen. Bis auf sein Sterbebett hätten ihn die Kowalskis verfolgt, heißt es im Film. Anfang der Neunzigerjahre erkrankte Bob Ross an Lymphdrüsenkrebs, dem er 1995 im Alter von 52 Jahren erlag. Möglicherweise hatten die Dämpfe der Lösungsmittel, denen er bei seiner Arbeit ständig ausgesetzt war, zu seiner Erkrankung geführt.

Die Kowalskis hätten ihn auch in seinen letzten Wochen mit teils schurkinösen Methoden noch bedrängt, ihnen die Lizenzrechte an seinem Namen zu überschreiben, erzählen die wenigen Zeitzeugen, die auch die Aussicht auf eine Klage des Paars nicht davon abhielt, in der Doku zu sprechen; den größten Teil übernimmt dabei Ross’ Sohn Steve, der das Werk seines Vaters bis heute fortführt.

Steve Ross führt das Werk seines Vaters bis heute fort

Steve Ross führt das Werk seines Vaters bis heute fort

Foto: NETFLIX / Netflix

Eigentlich wollte das Schauspiel- und Produktionspaar Melissa McCarthy und Ben Falcone, beide glühende Ross-Fans, eine klassische Biografie-Verfilmung drehen, bis sie auf diese legalen Querelen stießen und den Schwerpunkt ihrer Doku entsprechend verschoben.

Illuster erscheinende Szene der Tele-Maler

Interessanter als die juristischen Details, die erklären, warum die Kowalskis (die sich in der Doku nicht äußern wollten) heute immer noch Millioneneinnahmen mit dem Verhökern von Ross-Shirts, -Tassen und anderen Memorabilien erzielen, und warum Steve Ross 2017 erfolglos gegen ihr Unternehmen Bob Ross Inc. klagte, ist eine in der Doku leider nur angerissene Szenerie: Die sehr illuster erscheinende Szene der Tele-Maler nämlich, die zusammen mit Ross das Feld bespielten.

Ein Jahrzehnt vor »The Joy of Painting« gab es im US-Fernsehen nämlich schon »The Magic of Oil Painting«, in der sich der deutsche, nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA emigrierte Maler William Alexander mit Rumpelakzent und deutlich grobschlächtiger als Ross durch seine Werke manövrierte – Ross belegte zu Beginn seiner Karriere Kurse bei ihm. Die Eheleute Gary und Kathwren Jenkins zeigten in ihren Sendungen, wie man florale Motive auf die Leinwand bringt und besetzten so ihre Nische neben Ross, mit dem sie kollegial zusammenarbeiteten.

Auch ihnen soll Annette Kowalski übel mitgespielt haben, heißt es schließlich in der Doku – indem sie die Jenkins-Techniken für ein eigenes Buch über die Kunst der Blumenmalerei kopierte.

»Bob Ross: Glückliche Unfälle, Betrug und Gier«, bei Netflix

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