Düsterer Bodensee-"Tatort" Der letzte Quickie

So lieben Polizisten: Kommissarin Blum legt ihrem Kerl lieber gleich Handschellen an, Perlmann verguckt sich in eine todkranke Verdächtige. Im letzten "Tatort" vor der Sommerpause scheint die Sonne höchstens fünf Minuten auf die Menschen, dann wird das Leben wieder kalt und grau.

ARD

Von


Nichts ist fragiler als das Lächeln eines Polizisten. Meist wird es dem Zuschauer nur präsentiert, um es abrupt sterben zu lassen. Die "Tatorte" der letzten Wochen fingen alle recht optimistisch an - bevor sie sich in private Höllentouren für die Ermittler verwandelten. Scheidung, Mord, Kindstod: Im Stuttgarter Revier kam dem Kommissar die Frau noch relativ zivilisiert abhanden, im Bremer wurde der Lebensgefährte dagegen brutal aus der Handlung entfernt, und beim Leipziger Ermittlerpaar rissen alte Wunden auf.

Im aktuellen "Tatort" aus Konstanz erlebt nun Perlmann (Sebastian Bezzel) einen stürmischen zweiten Frühling. Verdient hat es der Mann, kaum ein anderer Sidekick ist im "Tatort"-Land so schnell über der Arbeit ergraut. In nur neun Jahren verwandelte er sich vom jungen Schnösel-Cop zum zerknautschten Handlanger. Sein kurzes Liebesglück ist redlich verdient.

Los geht der Bodensee-"Tatort" aber mit einem geradezu nihilistischen Monolog zu den Themen Geburt, Arbeit, Tod. Perlmann sitzt im Auto, er soll mit Klara Blum (Eva Mattes) eine Festnahme durch ein Spezialkommando lenken. Um ihn herum spähen und schleichen die Spezialkräfte, er aber referiert müde über die letzte Postsendung seiner Rentenanstalt, in der ihm sein Leben minutiös bis ins Jahr 2038 vorhergesagt wird. Abweichung? Unwahrscheinlich. Schließlich knallt es, Perlmann steigt gelangweilt aus dem Wagen. Nichts reißt diesen Typen aus seinem Trott.

Sex im Arthouse-Kino

Bis die Liebe einschlägt. Bei der Untersuchung zu einem Mordfall trifft Perlmann auf die Medizinstudentin Mina Henning (Natalia Rudziewicz), die in einer Fußgängerzone Knochenmarkspender für Leukämiepatienten sucht und mit ihrem drolligen Augenaufschlag viele Willige akquiriert. So auch Perlmann.

Es folgt ein schnelles Date, ein unerwarteter Kuss und ein überraschender Quickie in den hinteren Reihen eines Arthouse-Kinos. Doch der Akt ist schon vorbei, noch bevor er begonnen hat: Mina blutet aus der Nase, auch sie hat Leukämie, die Ärzte geben ihr nicht mehr lang. Dann gerät sie auch noch unter Mordverdacht.

Die Todgeweihte ist das melodramatische Zentrum dieses ansonsten recht nüchternen Krebs-"Tatorts", in dem unterschiedliche Patienten ihrem Schicksal ein Schnippchen schlagen wollen, während andere damit ihr Geld zu verdienen suchen. Die Spur zu dem Mord an einem schwerkranken Familienvater führt direkt zu einem Schweizer Pharma-Konzern, der eine Patientenstudie in Auftrag gegeben hat; an dem Multi hängen die Hoffnungen vieler Kranker.

Verzweifelte Väter, die alles auf die Studie setzen, und zu allem bereite Witwen, die ihre Kinder durchzubringen versuchen: Regisseur Elmar Fischer (hat auch die furiose todesschwangere Bloch-Episode "Der Fremde" mit Vadim Glowna inszeniert) und Drehbuchautor Stefan Dähnert (schrieb den zweiteiligen Lindholm-"Tatort" des letzten Jahres) beobachten den Überlebenskampf mit sicherem Gespür für die Zwangsgemeinschaften, die sich aus solchen Extremsituationen ergeben.

Und während Perlmann - zu allem bereit, aber nicht alles zu verstehen fähig - mit seiner Fünf-Minuten-Liebe in den Abgrund schaut, muss sich Kollegin Blum mit einem Schweizer Kollegen (Roland Koch) rumschlagen, der ebenfalls an dem Mordfall dran ist. Als der Kollege sie abhängen will, kettet sie sich einfach an ihn an. Ein Kniff, der die beiden einander auch emotional näher bringt.

Glück? Hier ist es eine Sache, die nur wenige Minuten dauert, und auch nur in Handschellen zu erleben ist. Mit dieser traurigen Erkenntnis entlässt dieser etwas bessere Bodensee-Krimi den Zuschauer in die große Pause. Kein Sommer im "Tatort".


"Tatort: Letzte Tage", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Bis Mitte August werden keine neuen "Tatort"-Folgen gezeigt.

insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Klarsicht 21.06.2013
1. Vor jedem Tatort ...
sollte jeweils das Bild sowie die Aktuelle Adresse des Drehbuchautors gezeigt werden , damit sich die GEZ Zahler auch persönlich bedanken können .
Nebhrid 21.06.2013
2. Wozu
Sommerpause? Die Abmachung war, wir müssen alle zahlen, und Ihr macht einfach Sommerpause?
espressodupio 22.06.2013
3. ??? ...
Was hat denn der Tatort mit den GEZ-Gebühren zu tun? Bitte nicht diese leidigen, zum Beitrag nichts sagenden Reflexreaktionen. Hier geht es um Kultur und nicht um Politik. Zu ersterem kann ich erst was sagen, wenn ich den Film gesehen habe; zu letzterem: Man gibt für sinnloseres mehr Geld aus. Viel Spaß beim Tatort.
renier101 22.06.2013
4. @Klarsicht
So stellt sich Kleinhänschen die Entstehung eines Films vor: ein Drehbuchautor schreibt ein Buch liefert es ab, alle klatschen in die Hände und es wird verfilmt. - In der Realität: jeder, aber auch jeder gibt seinen Senf zum Buch dazu. Der Redakteur, der/die Abteilungsleiter/Programmchefs, Der produzent, der Regisseur sowieso, die Schauspieler erst recht ("ich muss mir die Sätze zurechtlegen"), nicht zu vergessen, die jeweiligen Lebenspartner der Beteiligten, mit denen man sich über das Buch beim Abendbrot austauscht ("das ist so ein Quark, dieses Buch"). der Drehbuchautor nimmt mit eingefrorenem Lächeln die "Verbesserungsvorschläge" (Subtext: "Mach das so, sonst schreibt die nächste Fassung ein anderer") an und wird im Laufe der Entwicklungsarbeit immer stummer. Denn der Drehbuchautor braucht das Geld und die credits. - Prinzipiell gilt: zwei Drehbuchautoren im Abspann bedeutet -einer wurde abserviert (wenn es sich nicht gerade um ein Schreiberteam handelte); drei Autorennamen, einer davon der Regisseur, bedeutet - es haben sich menschliche Dramen abgespielt,
spon-facebook-10000571770 23.06.2013
5. In Geo schwach
Fiktiv: Es gibt keine Fähre von Romanshorn nach Konstanz, da beide Städte auf der linken Uferseite sind, wohl aber eine ins gegenüberliegende Friedrichshafen (Zeppelin).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.