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25. Oktober 2019, 17:37 Uhr

Letzte Staffel "BoJack Horseman"

Galoppierende Sinnsuche

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Sind wir nicht alle ein Fall für den Abdecker? Identifizieren kann man sich jedenfalls wunderbar mit dem traurigen Trickfilm-Klepper "BoJack Horseman", der zum Serienfinale in eine Entzugsklinik eincheckt.

Ein Tier kann einem näher sein als der liebste Mensch - das kann einem jeder bestätigen, der Tiere kennt und Menschen kennt. Dass man sich allerdings auch einem schwermütigen, versoffenen, komplett abgehalfterten Pferd tief verbunden fühlen kann, einem gezeichneten obendrein, kam dann doch überraschend, als Netflix 2014 die erste Staffel von "BoJack Horseman" veröffentlichte.

BoJack ist, wie sein Nachname schon sagt, ein Pferd, das ein Menschen-, oder besser gesagt: Männerleben führt. Früher mal gefeierter Hauptdarsteller seiner eigenen, kitschigen Sitcom namens "Horsin' Around", dann abgestürzt und abgeschrieben. Die finale, sechste Staffel, deren acht Folgen seit Freitag auf Netflix verfügbar sind, startet dann auch in einer Entzugsklinik, in der BoJack final sein Leben wieder auf die Reihe bringen will. Ein letztes Mal erzählt er Geschichten über einsame Pferde und einsame Menschen, die nie allein und doch völlig verlassen sind. Seine Einsamkeit schnürt ihm die Luft am gröbsten ab, wenn er gerade auf der lebhaftesten Party ist. Weil die Menschen und menschenähnlichen Tiere (die seine Welt gleichberechtigt bevölkern) zwar mit ihm sprechen, aber niemals zuhören.

Ulkige Niedlichgags und allerdunkelste Gefühlsabgründe

BoJack ist ein trojanischer Klepper: Sein manchmal läppisches, manchmal tiefernstes Lebensleid erzählt einem viel Grausames und Wahres über einen selbst, das eigene berufliche Gestrampel, die Beziehungen zu den Menschen um einen herum. Vielleicht fällt es paradoxerweise leichter, sich in BoJacks Kummer wiederzufinden, gerade weil er kein Mensch, sondern ein Pferd ist - ein schlauer Verfremdungseffekt, der die Spiegelung eigener Erfahrungen immer noch auf einer spielerischen, leichter erträglichen Ebene hält.

"BoJack Horseman" ist eine extrem smarte Serie, die wie eine hochempathische Fabel funktioniert, die locker zwischen ulkigen Niedlichgags (einem Wolfspaar, das ein Lämmchen adoptiert, und einer Katze, die "The Great Catsby" liest) und allerdunkelsten Gefühlsabgründen hin- und hertrabt. Immer geht es dabei um nicht weniger als die Frage, was Glücklichsein bedeutet, warum dieser Zustand so verdammt schwierig zu erreichen ist und warum wir ihn uns meist durch eigene Blödigkeit vermasseln.

Denn BoJack hatte zwar eine schlimme, traumatische Kindheit, doch die Serie lässt ihn nicht einfach mit diesem entschuldigenden Freifahrtschein davonkommen. Vielleicht ist das (neben all den vielen Tieren und der Tatsache, dass hier an der Rezeption einer Entzugsklinik eben einfach mal ein selfiesüchtiges Murmeltier arbeitet) das Tollste an dieser Serie: BoJack ist, trotz grundsätzlich gutem Herzen, ein klassischer, düster dauerbrütender Antiheld, zwar kein einsamer Wolf, aber ein verlassenes Pferd - dessen oft klassisch toxische Handlungen aber nicht verklärt und bewundernd wegerzählt werden, wie es mit kratzig gestrickten Serientypen so oft passiert.

"BoJack, hör einfach auf", sagt stattdessen sein ehemaliger Mitbewohner Todd zu ihm: Alles , was bei ihm falsch liefe, läge nämlich nicht am Alkohol, den Drogen oder den mistigen Sachen, die ihm im Laufe seiner Karriere oder als Kind passiert seien: "Es liegt an dir, klar? Das bist alles du." Das Serienkonstrukt ist nicht BoJacks Komplize, sondern es piesackt ihn, wo es nötig ist.

Und lieferte mit seiner fünften Staffel einen differenzierten, unerwarteten Beitrag zu #MeToo-Thematik: BoJacks Karriere macht da gerade wieder einen zögerlichen Knick nach oben. Er spielt die titelgebende Hauptrolle "Philbert", einen brutalen, machomäßigen Klischee-Detektiv, rutscht dabei zurück in die Alkohol- und Tablettensucht, würgt am Ende gar seine Co-Darstellerin und Freundin Gina - und wird von einer hengstgläubigen Branche trotzdem bejubelt, weil er so überaus männlich mit seinen Dämonen rangelt.

Das Leidbudget ist gerecht verteilt

"Niemand wird dich zur Verantwortung ziehen", sagt ihm die Autorin Diane (die zwischenzeitlich mal den schönen Job einer Promitweets-Ghostwriterin inne hat): "Du musst Verantwortung für dich selbst übernehmen." Um diese Haupthandlung baut die fünfte Staffel Exkursfolgen, die sich auf die weiblichen Figuren im BoJack-Kosmos konzentrieren und ihre Geschichten erzählen, vor allem ihre jeweils ganz eigene Suche nach der eigenen Identität. Zusammengenommen haben sie im Staffelverlauf mindestens so viel Gewicht wie die hengstzentristische "Philbert"-Erzählung.

Es ist ein weiteres Verdienst dieser Serie, dass sie ihr Leidbudget gerecht verteilt. Auch der ewig schwanzwackelnde Mr Peanutbutter, ein penetrant properer, ewig gut gelaunter Labrador, tut sich schwer damit, eine dauerhafte Beziehung zu führen. Auch die Frohen sind unglücklich, das ist vielleicht die zweittröstlichste Erkenntnis von "BoJack Horseman".

Die tröstlichste Nachricht bekommt BoJack am Ende der zweiten Staffel, als er gerade mit brennender Lunge versucht, Joggen zu gehen. Erschöpft klappt er auf dem Rasen zusammen, als sich ein vorbeitrabender Pavian mit gottähnlichem Rauschebart über ihn beugt. "Es wird leichter", sagt er, "jeden Tag wird es ein bisschen leichter. Aber du musst es jeden Tag tun, das ist das Schwierige daran." "Okay", sagt BoJack, und "okay", denkt man sich selbst.

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