"Bonusfamilie" bei ARD und Netflix Auf der Zusammenwachsbaustelle

"Die Leute in den Rettungsbooten der 'Titanic' haben sich auch wie eine Familie gefühlt": Eine ARD-Serie dröselt das Prinzip Patchwork auf. In lakonischen Momenten stark, oft aber zu konstruiert.

Oliver Vaccaro/ ARD

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In diese Familie stolpert man genauso wie ihre teils höchst unfreiwillig zusammengepuzzelten Mitglieder: In der ersten Folge muss man erst einmal zusammenklamüsern, wer zu wem gehört. Und wer zu wem gehörte, denn "Bonusfamilie" erzählt von der Zusammenwachs-Baustelle einer Zweitversuchsfamilie und ihren verlassenen Satelliten, die sie immer noch umkreisen. Lisa und Patrick heißt das meistens glückliche Neupaar, Katja und Martin die freigesetzten Ex-Partner, und zwischen diesen Parteien pendeln die Kinder William, Eddy und Bianca, die wochenweise mal hier, mal dort leben.

Die Produktionsfirma good friends hat für "Bonusfamilie" ein schwedisches Serienformat für das Erste adaptiert, das auch auf Netflix zu sehen ist. Der Titel versucht ein positiveres Alternativkonstrukt zum immer etwas mit stückeligem Flickwerk assoziierten Patchwork-Begriff, klingt dafür dann aber leider doch zu sehr nach regelmäßigen Zahnarztbesuchen. "Wir müssen es einfach hinkriegen. Gebacken kriegen, dass wir eine Familie werden", sagt Lisa (Inez Bjorg David), aber trotz tapferer Mantraaufsagerei weiß sie selbst nicht so genau, wie das praktisch genau funktionieren kann.

Wie schließt man den einen in die Arme, ohne den anderen wegzuschieben, das ist eine der zentralen Fragen - oder, wie Lisas Partner Patrick (Lucas Prisor) möppert, als sie für ihren Sohn Eddy den traditionellen Geburtstagskuchen backt: "Wird in eurem Geheimklub auch mal Platz sein für mich?" Es gibt hier keine Bösen, alle bemühen sich, aber das reicht eben nicht immer. Oder, wie Katja (Anna Schäfer) sagt: "Ich bin sicher, die Leute in den Rettungsbooten der Titanic haben sich auch wie eine Familie gefühlt." In solchen lakonischen Momenten ist "Bonusfamilie" am stärksten.

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Die ARD-"Bonusfamilie": Absehbare Wenn-Dann-Haftigkeit

Bildhaft und mit vielen Improvisiations-Metaphern werden die gemeinsamen Zusammenwachsschmerzen erzählt: Mal quetscht Lisa ein zu großes Pausenbrot in eine zu kleine Dose, dann lobt Patrick ihren selbstgebauten, äußerst schiefen Tisch: "Na und, dann ist er eben ein bisschen schräg, aber er funktioniert ja trotzdem." Die erzählten Konflikte sind dabei nicht neu - den überraschend existierenden Freund der Teenie-Tochter entdeckte ein verdutztes Elternteil schon in "Ich heirate eine Familie" morgens im Badezimmer -, aber Seriensippen müssen auch nicht origineller sein als echte Familien.

Trotzdem ist nicht alles gut an der Serie. Es gibt viele kleine Momente, in denen "Bonusfamilie" im Heute andocken will, mit Witzeleien über Streaming und Dating-Apps zum Beispiel - Authentizitätsbemühungen, die wieder zunichtegemacht werden, wenn Katjas Chef, mit dem sie eine Affäre hat, ernsthaft fragt: "Wie wär's denn mit ein bisschen Matratzensport nachher?"

Sehr plakativ angelegt

Die Dramaturgie der Serie wirkt in ihrer gesetzmäßig absehbaren Wenn-Dann-Haftigkeit oft ältlich abgestanden: Wenn hier ungebeten eine Schlange als Haustier verschenkt wird, vor der sich ein Familienmitglied sehr fürchtet, kann man verlässlich darauf warten, dass die Schlange als Nächstes aus ihrem Käfig ausbüxen wird. Und wenn ein positiver Schwangerschaftstest schnell in einer Kosmetiktasche versteckt wird, ist völlig klar, dass ihn da bald eine unbefugte Person herausnesteln wird. Mitunter spiegeln sich die Handlungsstränge ein bisschen zu gewollt: Martin hat keinen Sex, weil seine Frau weg ist, Lisa hat keinen Sex, weil ihr Kind da ist.

Besonders konstruiert wirken die Dualismen im etwas groben Gebälk des Personengefüges: Eddy und William sind denkbar ungleiche Neubrüder, einer raubauzig und laut, der andere schniegelig und leise, was sehr plakativ angelegt ist, aber vorsichtshalber trotzdem noch mal mit den entsprechenden klischeehaften popkulturellen Accessoires betont wird: Eddy wünscht sich ein Ballerspiel, William ein magnetisches Schach-Reiseset zum Geburtstag.

Katja, Patricks Ex-Frau, ist wohlhabend, geht mit ihrem Sohn William Sushi Essen und weiß, wie man Philosophennamen richtig betont. Martin, Lisas Ex-Mann, muss mit dem Geld knapsen. Weil ihm die nicht bezahlte Rechnung für das schlimmste anzunehmende "Lisa"-Schulterblatttattoo den Schufa-Eintrag versaut hat, wohnt er im Dachboden seiner Mutter, und er sagt "Schoppenhauer". Das sind leider künstlich konstruierte Klüfte, die es doch gar nicht bräuchte, weil eine Familienneuverpuzzelung auch mit weniger drastischem Gemüts- und Gehaltsgefälle zwischen den Beteiligten eine emotional ausreichend komplexe Sache wäre.


Alle sechs Folgen von "Bonusfamilie" sind schon in der ARD-Mediathek verfügbar, im Ersten laufen sie ab dem 20.11. in drei Doppelfolgen, jeweils ab 20.15 Uhr.

insgesamt 4 Beiträge
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t...9 18.11.2019
1. Bonusfamilie
Ohne die deutsche Adaption gesehen zu haben, wage ich zu behaupten, dass das schwedische Original um Längen besser ist.
Postwachstumsökonom 18.11.2019
2. schwedisches Original
Ich, m 36, habe das schwedische Original durchgesuchtet und kann die 4 staffeln nur jedem empfehlen, (Netflix, Bonusfamilien). Es war ganz großartig, spannend und alltagsnah.Das gepaart mit dem skandinavischen Scharm und Kulisse war einfach nur Klasse, genauso wie die dänische Serie Rita. Irgendwie ist es schwachsinnig das Ganze nochmal deutsch zu machen.
funkhero 18.11.2019
3. Oh Gott
Klingt das scheisse. Ich möchte meine gema wieder wegen so einem scheiss. Mal ehrlich, ich Zahl die gerne für Nachrichten und Satire - aber sehr sehr ungern für Lanz, pilcher und so einen scheiss
peho65 20.11.2019
4. Allein schon deshalb nicht, ...
... weil die ARD die Werbung für diesen Quark mehrfach in den laufenden Tatort einblendete. Ein nerviges NoGo!
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