"Borat 2" Reingelegt im Namen der Aufklärung

Am Freitag startet "Borat: Anschluss-Moviefilm" bei Amazon Prime. Vorab sorgt eine Szene mit dem Trump-Anwalt Rudy Giuliani für Aufsehen. Auch sonst ist der Film noch krasser als der erste Teil.
Borat und seine Tochter flüchten nach der Begegnung mit Rudolph Giuliani aus dem Hotel

Borat und seine Tochter flüchten nach der Begegnung mit Rudolph Giuliani aus dem Hotel

Foto: Amazon

Wir müssen spoilern - das wird sich nicht vermeiden lassen, wenn man über die Aufregung schreibt, die der zweite Spielfilm über den kasachischen Reporter Borat (gespielt von Sacha Baron Cohen) schon ausgelöst hat, bevor er ab Freitag bei dem Streamingdienst Amazon Prime Video zu sehen ist.

Denn bei der ganzen Aufregung geht es um eine Szene mit Donald Trumps persönlichem Anwalt Rudy Giuliani, ziemlich am Ende des Films. Und um diese Szene richtig einschätzen zu können, muss man schon ein bisschen was über "Borat: Anschluss-Moviefilm" wissen. Zumal die Aufregung um Giuliani auch eine Rolle spielt bei der Frage, ob der Film nun gelungen ist oder nicht.

Sacha Baron Cohen hat den Start von "Borat 2" ganz bewusst vor die Präsidentschaftswahl gesetzt. Zum einen weil viele Szenen im Kontext des Wahlkampfs stehen; im Falle einer Abwahl Trumps wären sie sogar obsolet. Zum anderen weil die Humormethode Cohens auch immer das Ziel politischer Aufklärung hat: die Konfrontation realer Personen mit krass überzeichneten Kunstfiguren, um so das Krasse der Realität zu verdeutlichen. Damit es auch wirklich der letzte Zuschauer merkt, wird die politische Message in diesem Film zum Schluss noch mal ganz explizit gemacht - mit zwei Schrifttafeln als Wahlaufruf: "NOW VOTE" steht auf der ersten, dann: "OR YOU WILL BE EXECUTE" (sic!). Geh wählen. Sonst wirst du hinrichten (sic!).

Sacha Baron Cohen als Borat: Funktioniert sein Humor noch?

Sacha Baron Cohen als Borat: Funktioniert sein Humor noch?

Foto: Amazon

Giuliani und die falsche 15-Jährige

Grundsätzlich geht es darum, dass Borat, der mit großem Eifer den Ruf Kasachstans in der Welt getrübt hat, der US-Führungsspitze zur Wiedergutmachung ein Geschenk übergeben soll - und zwar seine Tochter Tutar. Sie ist 15 Jahre alt, lebt nach kasachischer Sitte in einem Käfig und bewundert Melania Trump - denn die lebt immerhin in einem goldenen Käfig. Gespielt wird Tutar von der bulgarischen Schauspielerin Maria Bakalova, 24 Jahre alt.

Um Tutar für diese nationale Aufgabe vorzubereiten, wird sie dem vermeintlichen Geschmack der Männer im Umfeld des Pussygrabber-Präsidenten entsprechend geschult ("Sie mögen es, wenn Frauen schwach auftreten", erklärt eine Influencerin) und hergerichtet - im Bräunungsstudio und in der Beautyklinik.

Nach einigen Überlegungen und Umwegen fällt die Wahl auf den Trump-Vertrauten Giuliani als Empfänger des "Geschenks". Weil es aber nicht so einfach ist, einen derart viel beschäftigten Mann zu treffen, gibt sich Tutar als Reporterin des fiktiven rechten Alternativmediums "Patriots Report" aus und vereinbart einen Interviewtermin mit Giuliani.

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Das Interview findet im Wohnzimmer einer Hotelsuite statt. Eine falsche Reporterin, in der Erzählung des Films auch noch minderjährig, betont, wie nervös sie ist - im klassischen Spionageroman würde man von einer honey trap sprechen, einer Falle für Rudy Giuliani. Der reagiert zunächst eher großväterlich auf Tutars Schmeicheleien. Doch bald schon geht die Hand zum Hintern, sie tätschelt kurz sein Knie.

Dann ein Schnitt, in der nächsten Szene stehen beide, und Tutar sagt: "Sollen wir im Schlafzimmer etwas trinken?" Dort hilft Giuliani ihr, das Mikrofon abzunehmen, setzt sich aufs Bett und fragt nach ihrer Nummer und Adresse. Dann tätschelt er ihren unteren Rücken, während sie an seinem Mikrokabel herumnestelt. Dann noch ein Schnitt, sie hat das Mikro in der Hand, während Giulianis Hand in seine Hose fährt. Plötzlich betritt Cohen als Borat das Zimmer, in Damenunterwäsche, und ruft: "She 15, she too old for you". Ein Sicherheitsmann kommt dazu, Giuliani verlässt die Suite, Borat und Tutar rennen gemeinsam davon.

Natürlich konnte der 76-jährige Politiker Giuliani nicht wissen, dass die vermeintliche Reporterin eine Minderjährige darstellen sollte. Aber im Jahre 2020, so könnte man meinen, sollte man verstanden haben, was professionelles Verhalten ist und was nicht. Diese Episode fällt eher in letztere Kategorie.

Giuliani sieht das anders. Er verteidigte sich auf Twitter, er habe bloß sein Hemd in die Hose gesteckt. Weder vor, während, noch nach dem Interview habe er sich unangemessen verhalten.

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Doch zumindest der Komiker Stephen Colbert ist damit nicht einverstanden - er, Colbert, nehme jeden Abend sein Mikrofon ab und habe sich dazu noch nie auf ein Kingsize-Bett gelegt, sagte er der Website "Daily Beast".

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Durch Bloßstellung aufklären

Was den spielerischen Umgang mit Fiktion und Realität betrifft, zeigen die Reaktionen, dass sich Sacha Baron Cohen auf der Höhe der Zeit bewegt - zumindest auf #Varoufake-Niveau. Im Vorfeld hatte man da nicht ganz sicher sein können, seine TV-Serie "Who Is America?" war kritisiert worden, unter anderem wegen der immer unglaubwürdigeren Verkleidungen.

Fluch des Ruhms: Borat wird auf der Straße erkannt

Fluch des Ruhms: Borat wird auf der Straße erkannt

Foto: Amazon

Dafür gibt es im neuen Film nun eine plausible Erklärung: Borat wird auf der Straße erkannt, die Leute wollen ihm Küsschen und Highfives geben - so kommen keine authentischen Reaktionen der Gesprächspartner zustande. Also muss sich der als Borat verkleidete Cohen weiter verkleiden. Hat man Spaß an Verkleidungshumor, wird man an einigen Stellen laut auflachen - etwa wenn Borat mit Ku-Klux-Klan-Kapuze zur Republikaner-Veranstaltung geht. Zwischenrufe in Trump-Maske kommen dort übrigens nicht gut an.

Mit Trump-Maske bei der Pence-Rede

Mit Trump-Maske bei der Pence-Rede

Foto: Amazon

Diese eher klamaukigen Teile mischt Cohen bereits seit Ali-G-Zeiten mit bloßstellenden Gesprächen. Hier hat der Film einige große Momente, insbesondere wenn es um die Rolle der Frau in Teilen der US-Gesellschaft geht: Ein Abtreibungsgegner wird an den Rand des Wahnsinns geführt, weil er annehmen muss, dass Vater und Tochter fröhlich über ein Inzestbaby plaudern. Mehr Zwischentöne gibt es bei der Veranstaltung einer republikanischen Frauengruppe, als Tutar stolz von ihrer ersten Selbstbefriedigung erzählt.

Die Rahmenhandlung hat hingegen einige Déjà-vu-Aspekte und verbindet die einzelnen Konfrontation-Coups eher zäh. Kasachstan als Symbol für gesellschaftliche Unterentwicklung ist auserzählt, auch wenn es sich noch für einige hübsche Anspielungen auf Trollfarmen eignet.

Im Vergleich zum ersten Film von 2006 ist das Gesagte noch krasser, die Grenzen des Anstands haben sich sozusagen verschoben. Aber kann Macher Cohen ernsthaft annehmen, dass dieser Nachweis einen Menschen, der mit einer Wahl der Republikaner auch nur geliebäugelt hatte, umstimmen könnte? Selbst bei demokratischen Wählern dürfte er eher zur Erheiterung als zur Mobilisierung taugen - dem Wahlaufrufs mit Exekutionsdrohung zum Trotz.

"Borat: Anschluss-Moviefilm", ab 23.10. auf Amazon Prime Video

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