Misslungener Brecht-Zweiteiler Dichter, Denker, Schwein

Brecht und #MeToo: Heinrich Breloers Zweiteiler sollte das große Porträt eines großen Intellektuellen werden - herausgekommen ist ein wackliges TV-Stück über einen eitlen Geck und ewiggeilen Dichterfürsten.

WDR/ Nik Konietzny

Als der Dichter starb, hat er sich testamentarisch ausbedungen, "dass keine Musik gespielt wird" zu seiner Grablegung und bitte nur ein nackter, allein mit seinem Namen beschrifteter Stein über seiner Grube wache. Beide Gefallen mochte der unerbittliche Lobsänger Heinrich Breloer dem Testamentsverfasser Bertolt Brecht nicht tun. Breloer ist im deutschen Fernsehgeschäft als Dokumentarspielregisseur hochgeachtet und präsentiert nun mit lautem Tamtam einen zweiteiligen "Brecht"-Film. Am Freitag läuft er bei Arte, am 27. März im Ersten, dazu erscheint bei Kiepenheuer & Witsch ein bebildeter Buchziegel mit dem Titel "Brecht - Roman seines Lebens" - Autor, natürlich, Heinrich Breloer.

Der Fernsehfilm ist großzügig vollgejauchzt und zugedudelt mit Geigen-, Klavier- und Klarinettenmusik, der Buch-Brocken ist beschriftet mit gut gemeinten, aber erzpeinlichen Mutmaßungen über einen Schriftsteller: "Vielleicht hat es Brecht nicht als Lüge gesehen, sondern als Erfindung seiner Person, wenn er Szenen seines Lebens umschreibt", liest man beispielsweise.

Ein Riesenmonument hat der Regisseur Breloer, geboren 1942, dem Dichter Brecht da errichtet. In 180 Minuten spielt zunächst der smarte Hänfling Tom Schilling den jungen Bertolt Brecht, im ersten Teil mit dem Titel "Die Liebe dauert oder dauert nicht". Im zweiten Teil namens "Das Einfache, das schwer zu machen ist" verleiht dann Burkhart Klaußner sein famoses Knautschgesicht zigarrenmalmend an die Rolle des älteren Brecht. Die Spielfilmszenen, in denen die beiden Darsteller auftreten, sind aber im Grunde nur Füllmaterial, ebenso wie die meist schwarzweißen Dokumentarbilder vorzugsweise vom Ersten und vom Zweiten Weltkrieg.

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Dokudrama von Breloer: YouToo, Brecht?

Der lohnende Kern des Breloer-Werks sind die hochinteressanten, herzbewegenden Interviews, die der Regisseur zum Teil schon in den Siebzigerjahren mit Weggefährten, Zeitgenossen und Geliebten Bertolt Brechts geführt hat.

Brechts Anbaggerversuche

Man sieht also Paula Banholzer, die erste große Liebe Brechts in Augsburg, als nicht mehr junge Frau mit Goldzahn begeistert schwärmen von dem ersten Kuss, den ihr der Dichter in den Auen des Flusses Lech abgerungen hat. Man betrachtet einen Augsburger Jugendfreund Brechts als älteren Herrn, wie er die Frechheit und den Charme seines junggenialischen Schulkameraden lobt. Vor allem aber darf man vielen Schauspielerinnen und Regieassistenten zugucken, wie sie von offenbar oft freudig erlittenen Brecht-Anbaggerversuchen, von Brecht-Probenerlebnissen, von Brechts politischer Verzagtheit, manchmal Feigheit in den DDR-Jahren erzählen.

Das Bild, das aus diesen Dokumentaraussagen entsteht, ist das eines ebenso rücksichtslosen wie gerissenen Egomanen, der munter Frauen verführt, Kinder zeugt, Künstlerfreunde manipuliert und Helferinnen ausnutzt, während er die eigene schriftstellerische Arbeit über alles stellt. Dass er ein großer Dichter sei, "das letzte deutsche Genie", hat Brecht angeblich in jungem Ungestüm gesagt, als er sich in Augsburg auf einem Denkmalsockel fotografieren ließ.

Wenn man in den vielen Brecht-Biografien, von denen die zweibändige, in den Achtzigerjahren noch in der DDR erschienene von Werner Mittenzwei bis heute die anschaulichste ist, von solchen Anekdoten liest, dann bleibt im besten Fall in der Schwebe, wie viel von Brechts demonstrativem Hochmut Pose war - wie viel von seiner hämischen Arroganz als Theaterkritiker, seinem unbekümmerten Drang zum Ruhm, seinem großkotzig abfälligen Gerede über Frauen vielleicht doch nur dem Verbergen der eigenen Gefühle diente, dem Schutz jener Sensibilität und Empathie, die sich beispielsweise in Brechts Gedichten oft hinreißend offenbart.

Brecht, der bänkelsingende Filou

In Breloers Spielszenen ist alles eindeutig. Der junge Brecht, den er Tom Schilling spielen lässt, ist ein dauerlächelnder und manchmal bänkelsingender Filou, dem alles Schroffe und Unverschämte fehlt. In Brechts frühem Stück "Mann ist Mann" heißt es: "Herr Bertolt Brecht beweist auch dann/ dass man mit einem Menschen beliebig viel machen kann/ Hier wird heute Abend ein Mensch wie ein Auto ummontiert."

Eine solche Montagearbeit betreibt auch Brechts Filmbiograf Breloer, indem er nach angeblich acht Jahren Recherche (mutmaßlich waren es sogar mehr) für den Schriftsteller Brecht und dessen Leben die allerbanalsten Illustrationsbilder erfindet.

Preisabfragezeitpunkt:
19.04.2019, 08:30 Uhr
Ohne Gewähr

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Heinrich Breloer
Brecht: Roman seines Lebens

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
528
Preis:
EUR 26,00

Wenn Breloer, zweifellos von leidenschaftlicher Liebe zum Dichter getrieben, eine Auseinandersetzung des jungen, vom Schulverweis bedrohten Brecht mit seinem Vater, der in Augsburg eine Papierfabrik leitet, vorführen will, dann wirft der Vater im Zorn bekritzelte Manuskriptseiten seines Sohnes in Luft. Wenn Brecht mit dem Theatermann und Autor Lion Feuchtwanger parliert, dann haben beide Faschingsschmuck auf dem Kopf, Feuchtwanger eifersüchtelt neben seiner Brecht-begeisterten Gattin und nennt den jungen Nebenbuhler einen "Menschenfresser". Ist Brecht mal im Schreibstress, dann himmelt ihn seine Co-Autorin Elisabeth Hauptmann (Leonie Benesch) mit rotglühenden Wangen an, und er selbst raunzt über seinen Verleger: "Der Kiepenheuer sitzt mir im Genick."

Glotzen Sie nicht so romantisch!

Ausgerechnet Brecht, der große Ausnüchterer der deutschen Literatur, wird in "Brecht" auf eine Weise zum ewig brünstigen Sentenzen-Schleuderer ummontiert, dass man unentwegt rufen möchte: Meister Breloer, glotzen Sie nicht so romantisch!

Breloer hat sich in früheren Filmen Männern wie Herbert Wehner ("Wehner - die unerzählte Geschichte", 1993) und Albert Speer senior ("Speer und er", 2004) gewidmet. Die Vermischung von Spielszenen und dokumentarischem Material ist das Metier, das ihn bekannt machte. Früher schien sein Blick darauf aus, eine Balance herzustellen zwischen dem Wirken und dem Privatleben der porträtierten Figuren. In "Brecht" verengt sich Breloers Sicht mehr und mehr auf den Erotomanen, den ewiggeilen Dichterfürsten. Wenn der Filmemacher die späten Jahre Brechts am Berliner Ensemble zeigt, dann sind die offenbar teils eigens fabrizierten Szenen aus Stücken wie "Mutter Courage" oder "Galileo Galilei" nur grotesk sterile Staffage. Das Interesse des Films scheint fast ausschließlich den Liebschaften zu gelten, mit denen Brecht seine Frau Helene Weigel, die von Adele Neuhäuser wirklich hinreißend gespielt wird, piesackt bis zur äußersten Verbitterung.

Vielleicht ist es zu viel verlangt von einer Fernsehbiografie, dass sie die Kunst des Dramatikers Brecht, seine Irrtümer, seine nicht bloß politische, sondern auch theaterideologische Rechthaberei einer kritischen Prüfung unterzieht. Aber wenigstens annähernd plausibel darstellen könnte man Brechts Arbeit, statt sich derart obsessiv mit seinen - klar: eitlen bis psychopathologischen - sexuellen Umtrieben zu beschäftigen.

Breloers "Brecht", vom im Skandal um den Ex-Fernsehspielchef Gebhard Henke einschlägig durchgeschüttelten WDR produziert, wirkt wie ein Produkt des MeToo-Zeitalters. Doch was genau erzählt dieser Film über Brechts heutigen Rang eines halb vergötterten, halb verachteten Jahrhundertautors? Erst Helene Weigel habe den Brecht richtig groß gemacht, sagt der Schauspieler Erwin Geschonneck hier einmal sinngemäß über die postmortale Denkmal- und Nachlasspflege der Dichterwitwe. Über die Verklärungsarbeit dieses Fernsehporträts mit Buchbegleitung kann man mit Fug und Erschöpfung sagen: Heinrich Breloer hat den Brecht recht klein gemacht.


"Brecht": Freitag, 22. März, 20.15 Uhr, Arte + Mittwoch, 27. März, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
desitka 21.03.2019
1.
Man kann sich des Eindrucks kaum erweheren, daß hier Autor Höbel einfach Schwierigkeiten damit hat, dasß Breloer Brecht von seinem mamorsockle genommen und als "Mensch" dargestellt hat. Brecht selbst hätte dafür vermutlich erheblich mehr Sympathie. Der verriß wird jedenfalls die Anzahl der Zuschauer nach oben treibe. Schon allein deshalb: Glückwunsch Herr Breloer! ich werds mir ansehen. Bisher stand Breloer für ausgezeichnete Unterhaltung mit historischem Wert.
doktor-nötigenfalls 21.03.2019
2.
Kann mich meinem Vorredner nur anschließen. Breloers Ansinnen war es sicherlich nicht, ein zerstrittenes Grüppchen von Brechtexperten zu bedienen. Es geht Breloer, wie beispielsweise schon in seiner Arbeit über die Manns, immer auch um ein Stück Unterhaltung. Und das ist ihm bisher ohne Ausnahme bestens gelungen. Also: Ein SPON-Veriss ist (wie übrigens auch beim letzten Münster-Tatort) das beste Indiz für einen gelungenen TV-Abend. Ich freu mich!
bosworth 21.03.2019
3.
Anschauen werde ich's mir, schon wegen Burkhart Klaußner und Adele Neuhauser. Und weil Herr Breloer am Sonntag im HR-Talk verlauten ließ, es ginge ihm um 'die Wahrheit' über Brecht. Das scheint mir ein reichlich vermessener Anspruch. Wenn überhaupt, dann kann es nur um die subjektive Wahrheit des Regisseurs gehen - und um die mit meiner Sicht auf den armen BB abzugleichen und wegen der Zeitzeugen - da dürften sich die Stunden vor der Glotze hoffentlich lohnen. Und falls nicht, dann lese ich halt endlich wieder mal Brechts hinreißend schöne frühe Gedichte. Alleine für 'Vom Schwimmen in Seen und Flüßen' darf der Bertolt ruhig auf einem Sockel stehen. Was interessieren mich da seine Weibergeschichten.
House_of_Sobryansky 21.03.2019
4. Gnadengesuch
Die Ödnis der Signature. Der Gegenstand ist ohne Bedeutung. Alles dreht sich um die sich bis in alle Ewigkeit repetierende Formel eines einstigen Erfolgs. Ein veritables Gnadengesuch am Hof der Öffentlich-Rechtlichen. Da bleibt man doch lieber gleich bei Doris Day.
Newspeak 21.03.2019
5. ....
Brecht ist der Grossdichter der Studienräte. Und die werden Breloers Film sicher gut finden. Es ist der Abglanz all dessen, was sie nicht sind, den sie lieben.
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