Brenders "Spitzel"-Vorwürfe Ausbruch eines Gepiesackten

Mit seinem Vorwurf, es gebe ein ZDF-internes "Spitzelsystem", hat Nikolaus Brender nicht nur seinen Intendanten empört. Nun schreien alle: Skandal! Dabei sind nicht die Worte des scheidenden Chefredakteurs skandalös, sondern die Zustände beim ZDF.
ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender: Er weiß selbst, dass er zum Diplomat nicht taugt.

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender: Er weiß selbst, dass er zum Diplomat nicht taugt.

Foto: A3750 Andreas Gebert/ dpa

Er hat lange geschwiegen, er war lange loyal. Doch jetzt ist es aus dem von der Politik lange gepiesackten ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender herausgebrochen, und er hat öffentlich gesagt, wie er manche Journalisten in seinem Sender und vor allem die strippenziehende Parteipolitiker im Hintergrund wirklich sieht: Als Spione und Einflüsterer die einen, als machtversessene Anstaltsherrscher die anderen.

Und er erntet Empörung. Von seinem Intendanten, von manchem Kommentator und - natürlich - von der CDU. Dabei geht es gar nicht um den Inhalt der Vorwürfe, sondern deren Form. Ein Mitglied des ZDF-Fernsehrats findet Brenders Vergleich mit Stasi-Spitzeln untragbar. Die Kritik sei maßlos, erregt sich Intendant Markus Schächter, von dem man in früheren medienpolitischen Auseinandersetzungen selten derartige Leidenschaft erlebt hat. Und ein Unionsmann droht gleich unverhohlen, die Pensionszahlungen Brenders zu kürzen. Das alles zeigt am Ende nur, wie sehr Politiker die öffentlich-rechtlichen Sender als ihre Beute betrachten, über die sie frei verfügen können.

Wie die Reflexe sitzen! Wer an das kleine, schmutzige Geheimnis des ZDF rührt, den ungeheuerlichen Einfluss der Politik und der Parteien, wird abgestraft. So schlimm wie die DDR, so klingt es bei manchen durch, sei das ZDF nun auch wieder nicht. Ja, was für ein Glück!

Brender hat ausdrücklich die große Mehrheit der Journalisten beim Sender von seiner bitteren Kritik ausgenommen. Aber statt sich mit den Vorwürfen in der Sache auseinanderzusetzen, wird am Stil herumgemäkelt. Geradezu höhnisch kommt nun der Intendant selbst um die Ecke: Brender habe ja selbst zehn Jahre Zeit gehabt, die von ihm beklagten Missstände abzustellen, sagt er. Ausgerechnet der Ober-Diplomat auf dem Mainzer Lerchenberg fordert mehr Mut. Schächter hat erst jüngst dafür gesorgt, dass das ZDF-Landesstudio in Düsseldorf mit einer Leiterin besetzt wurde, die als Merkel-Porträtistin und für ihre guten Drähte ins Kanzleramt bekannt ist. Und er hat schon vor der entscheidenden Sitzung seines unionsdominierten Verwaltungsrats zur Brender-Abwahl öffentlich gesagt, dass er gegen den Übergriff der Politik nicht klagen werde.

Der Skandal ist nicht Brenders Ausbruch, sondern was die Attackierten nun daraus machen. Der Skandal sind die Zustände beim ZDF. Das Proporzdenken, das Freund-Feind-Schema, die offenbar von manchen immer noch als karriereförderlich angesehene Nähe zur Politik. Und die Reflexe, mit denen versucht wird, eine nun wieder aufflammende Debatte im Keim zu ersticken, weil da ein von der Politik an den Rand der Demütigung gedrängter Chefredakteur in der Wortwahl bis ans Äußerste ging.

Brender weiß selbst, dass er zum Diplomat nicht taugt. Er ist sperrig, eigensinnig, schwierig. Genau das, was den Unionsleuten um Hessens Ministerpräsidenten Roland Koch so wenig gefiel, dass sie ihn loswerden wollten. Aber er ist nicht der Täter, er ist der Kronzeuge.

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