Die Globalisierungs-TV-Kritik Brot und Schwüle

Im britischen Trash-Format "Bromans" kämpfen zeitgenössische Muskelknaben als Gladiatoren im alten Rom. Das ist bestürzend stumpf, ziemlich nackt - und tiefsinniger, als man denkt.

CPT Holdings/ Sony Pictures Television/ Matt Frost

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Sie halten das Dschungelcamp für die effizienteste Wiederverwertungsanlage verbrauchter Promis? Sie sehen im "Bachelor" die brutalste Massenbrautschau aller Zeiten? Sie lehnen "Germany's Next Topmodel" als gruselige Mädchendrillanstalt ab? Dann wappnen Sie sich: Es kommt noch schlimmer, anderswo laufen noch wildere Formate. In unserer Rubrik Die Globalisierungs-TV-Kritik berichtet SPIEGEL-ONLINE-Expertin Anja Rützel ab jetzt regelmäßig von den schönsten und den schrecklichsten Auswüchsen auf dem internationalen Fernsehmarkt.

Es gibt zwei Sicherheitsschleusen, das ist nett, damit niemand versehentlich in diesen klaffenden Abgrund des Schunds taumelt. Der Name ist die erste Warnung: "Bromans", mit der Wortspiel-Heißklebepistole aus "Bro" und "Romans" zusammenschlawinert - so viel Chuzpe muss man erst einmal verkraften. Der zweite Eignungstest ist eine Konversation zwischen zwei Teilnehmern, die sich früh in der ersten Folge ereignet. Eines der acht teilnehmenden Paare rapportiert seine Kenntnisse über die wichtigsten Player im antiken Rom.

Sie: I know Caesar.

Er (unsicher): Caesar Salad?

Sie: No, just Caesar.

Wer danach trotzdem dranbleibt, hat es wirklich so gewollt. Gerade ging in Großbritannien die erste Staffel von "Bromans", einem Werk der Dschungelcamp-Produzenten ITV, zu Ende. In acht Folgen wurden die Kandidaten und Kandidatinnen dabei als Gladiatoren (und Gladiatoren-Freundinnen) in die gar nicht mal so schäbigen Kulissen des kaiserzeitlichen Roms gesteckt: "Modern geezers in the time of Caesar", nennt es das Format. Eine klassische Fish-out-of-water-Ausgangsposition also, deren Drastik gleich beim Einmarsch der Kandidaten demonstriert wird.

"Dulce et decorum est pro patria mori", grüßt sie der Spielleiter im Statthaltergewand (herrlich nonchalant gespielt von Comedian Tom Bell), blanke Stumpfheit glotzt zurück.

Leicht dümmlich schaut man an dieser Stelle freilich selbst, eine Erklärung, wie die Anfangszwanziger-Knaben denn dort hingekommen sein mögen oder, könnte man ja mal fragen: Was das Ganze soll, bekommt man nicht. Der kreative Hauptgeist bei "Bromans" ist eine Warum?-Warum-denn-nicht!-Willkürlichkeit, die man sonst nur aus dem Vollsuff kennt.

Das ist überraschend wohltuend, eine echte Erleichterung, dass die Macher hier nicht mühsam pädagogische Absichten vortäuschen und so tun, als wollte den Zuschauern tatsächlich etwas über das Leben im alten Rom beibringen. Recht so. Das Ärgerlichste beim Nacktdating-Format "Adam sucht Eva" waren am Ende ja nicht die auf Dauer doch eher redundanten Schrumpelgenitalien, sondern die schwurbelige Einlassung, man wolle den Kandidatinnen durch den Verzicht auf Klamotten nur dabei assistieren, einander wirklich unvoreingenommen kennenzulernen. Kapitalismuskritik auf nicht mal ansatzweise angefrorenem Eis.

Latein? Kommt wahrscheinlich von den Römern

Zweiter Pluspunkt von "Bromans" ist das Ensemble: Durchweg wundervolle Prolls, wie sie vielleicht wirklich in derart ikonischer Ausprägung nur Großbritannien produzieren kann. Die Männer im Cast: alles echte Lads, mit schwankendem Spaß am Denken.

Dino zum Beispiel, der aussieht wie eine He-Man-Montage aus dem Photoshop-Fortgeschrittenenkurs, denkt nicht so gern. "Viele Sachen kommen von den Römern", sagt er: "Die Zahlen! Und Latein, wahrscheinlich, auch." Und Richard hätte längst einen Aluhut auf, hätte es im alten Rom schon Alufolie gegeben. Die Römer hätten geglaubt, die Erde sei flach, berichtet er. "Ich glaube das auch. Sie ist flach. Die Piloten machen mit bei der Verschwörung."

Alle diese Prachtburschen müssen in acht Folgen gegeneinander kämpfen, meistens schwere Gegenstände tragen oder hinter sich her ziehen oder quasi-nackt miteinander ringen, um es ins Finale, zu den "Emperor's Games" zu schaffen, dem großen Turnier von den Augen des bis dahin im Geheimen regierenden Kaisers. Am Ende jeder Folge dürfen die Kandidaten einen der beiden schwächsten von ihnen abwählen. Zuerst einmal müssen sie sich aber komplett ausziehen, denn echte Gladiatoren (oder, besser, Ladiators, wie die Sendung fast heißen sollte) fingen ja oft als arme Sklaven an.

Es liegt an den Freundinnen der Bromans, nun um Kleidung für ihre Männer zu kämpfen. Hier liegt das Hauptärgernis des Formats: Die Frauen sind reine Accessoires, "Bromans" ist ein Kampf der Jungs, unterstützt von ihren Freundinnen, wie ständig betont wird.

Frauen sind hier nur "assisting" or "helping", obwohl sie ebenso hart gegeneinander kämpfen müssen wie die Männer: Sie ringen in knappen Bikinis, müssen komplette Kaninchen ausnehmen und Lammköpfe spalten und schwere Eimer voller Kohlen herumwuchten. Und eben dafür sorgen, dass ihre Männer nicht weiter nackt im Kolosseum herumstehen. Den meisten erbeuten ihre Freundinnen kurze Lederlappen-Röckchen, zwei Unglückliche müssen in handflächengroßen Lederbeutelchen-Konstruktionen mit komplett freigelegten Hinterpartien weiterspielen, Nicht-Hosen, die frappant an Suspensorien aus dem Sortiment von Svenjoyment erinnern.

Ein Bedeutungs-Osterei ist dann doch versteckt

Bei aller offensichtlichen Simpelheit des Formats liegt hier ein verstecktes Bedeutungs-Osterei versteckt: "Bromans" ist ein herrliches Schauspiel über den gewaltiger Clash männlicher Identitäten. Die Teilnehmer geben sich nimmermüde als testosteronstrotzende Top Dogs, in enervierender Wettkampfhuberei betreiben sie ständigen Schwanzvergleich - im Finale dann schließlich auch buchstäblich, als die Freundinnen Gipsabgüsse der jeweiligen Penisse anfertigen müssen.

Bei all dem tragen sie aber die meiste Zeit nur knappste Höschen aus Goldlamé, und ringen eingeölt miteinander, nicht vor gelegentlichen Ritzengriffen zurückschreckend. Plakativ heterosexuelles Gepränge knallt auf campy-schwule Ästhetik, gerne auch in Zeitlupe gefilmt, mit ausgiebigen Kamerafahrten durch mühsam goldüberspannte Arschspalten, angeleitet vom irgendwo unter einem Muskelhaufen verschütteten Gladiatorentrainer "Doctore", der dicken Kajalstrich und das Prunkgeschirr eines Kaltbluts aufträgt.

Ein paar hübsche ironische Metaspenkel noch obenauf: David McIntosh, der den Doctore gibt, ist im wahren Leben tatsächlich ein Ex-Gladiator, er nahm an der Neunziger Gameshow "Gladiators" teil. Als Stimme aus dem Off engagierte man einen Mann, der passender nicht heißen könnte: Roman Kemp - der Vorname erklärt sich von selbst, der Nachname klingt sicher nur zufällig wie "camp", jenes ästhetische Prinzip des Grellen, Schrillen, Überdrehten. Oder ist das doch eine versteckte Botschaft der Produzenten?

Außerdem ist Roman Kemp der Sohn des Spandau-Ballet-Bassisten Martin, der schließlich höchstselbst im Finale als Kaiser auftritt. "Gold" wird eingespielt, einer der größten Hits seiner Band, und plötzlich ergeben auch die gelb-metallisch glänzenden Höschen der Bromans Sinn. Für so viele Bedeutungsebenen muss ein Bachelor lange klöppeln.

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
vincent-april 03.11.2017
1. Sie haben sehr genau hingesehen
zu genau nach meinem Geschmack, um hinterher einen totalen Verriss zu schreiben. Aber das beweist mir lediglich, dass das Format funktioniert. Brot und Spiele eben. So schnell ändern sich die Menschen nicht.
micheleyquem 03.11.2017
2. Stimmt leider...
Zitat von vincent-aprilzu genau nach meinem Geschmack, um hinterher einen totalen Verriss zu schreiben. Aber das beweist mir lediglich, dass das Format funktioniert. Brot und Spiele eben. So schnell ändern sich die Menschen nicht.
Die eigentliche Erklärung fehlt natürlich sowieso: Ob etwas "tiefsinning" ist oder nicht, ist einzig und allein eine Frage der Intelligenz des Betrachters.
goliker 03.11.2017
3. klasse
für jeden etwas
gg0815 04.11.2017
4. Kritik?
Echt jetzt ? Der Zuschauer hier scheint mir lediglich ziemlich viele seiner durch die Akteure angeregten feuchten Phantasien unerfüllt zu haben. Das transportiert jedenfalls seine Kritik.
ulrics 04.11.2017
5. und wo ist Unterschied
zu Fussball? Bier und Fussball ist die moderne Variante von Brot und Spiele.
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