Fotostrecke

"Brüder": Wie "so was" bei uns passieren kann

Foto: SWR/ Züli Aladag

Salafismus-TV-Drama "Brüder" Ein netter Typ, ein Gotteskrieger

Der ARD-Zweiteiler "Brüder" von Züli Aladag zeigt, wie ein gelangweilter Informatikstudent zum IS-Kämpfer wird - ohne pädagogische Beflissenheit, mit großer Schauspielkunst. Nur die Bärte sitzen nicht.

Spätestens im zweiten Teil, wenn er im Kugelhagel mit der Kalaschnikow einen Angriff auf Ruinen anführt, ist der Jan Welke aus dem ersten Teil von "Brüder" komplett verschwunden. Darum geht es in diesem in jeder Hinsicht beeindruckenden Fernsehfilm - zu zeigen, wie aus einem "ganz normalen Jungen" ein irrer "Gotteskrieger" werden kann.

Als netten Typ haben wir Jan zuerst kennengelernt, vielleicht ein wenig blass, gelangweilt. Ein Informatikstudent, der Sachen reparieren kann. Laptops, Smartphones. Unterfordert von der Universität, überfordert von Beziehungen. Daddelt gerne Egoshooter gegen die Langeweile und hat Probleme mit seinen Eltern. Mit seinem syrischen Mitbewohner Tariq (Erol Afsin) verbindet ihn eine Männerfreundschaft, die enger wird, als dessen Schwester als Flüchtling in Stuttgart auftaucht und, traumatisiert, einen Suizidversuch unternimmt.

Jan will helfen, will verstehen, und besucht die Moschee des bosnischen Predigers Adadir (Tamer Yiit). Der Charismatiker predigt: "Gerade jetzt, wo wir hier sitzen und es uns gut geht, werden auf der ganzen Welt die Moslems massakriert. Das ist ein Holocaust gegen Muslime, und die ganze Welt schaut zu." Später nimmt Jan den Prediger beiseite: "Holocaust gegen Muslime ist Quatsch!" Adadir: "Gehört der Holocaust nur den Juden?"

Expertise von Islamwissenschaftlern und Terrorexperten

Tatsächlich gehört das fast väterliche Einspinnen, mit dem der bosnische Salafist den orientierungslosen Deutschen für "die Sache" gewinnt, zu den stärksten Momenten dieses Zweiteilers. Dieser einnehmenden Mischung aus Zuwendung, Verständnis ("Ich war genauso wie du, damals …") und Gewissheit kann Jan sich nicht entziehen. Zum Entsetzen seiner Eltern (sagenhaft: Caroline Eichhorn und brillant: Thorsten Merten) und zur Verwunderung seines Freundes Tariq konvertiert er zum Islam. Und weil er "etwas tun" will, schließt er sich dem Dschihad des IS in Syrien an.

Züli Aladag, bisher vor allem als "Tatort"-Regisseur in Erscheinung getreten, und seine Drehbuchautorin Kristin Derfler haben akribisch recherchiert, den Rat von Islamwissenschaftlern und Terrorexperten eingeholt. Deren Expertise ist eingeflossen, die Handlung zunächst entsprechend absehbar. Und so ist es das konzentrierte Spiel aller Beteiligten, das "Brüder" davor bewahrt, allzu holzschnittartig zu geraten.

Vor allem Edin Hasanovic (dessen eigener Vater neben zweien seiner Brüder im Brügerkrieg von serbischen Milizen ermordet wurden) glaubt man jedes Wort, jeden Schritt - und folgt ihm ebenso schleichend in den Untergrund, wie er selbst in südöstliche Richtung abrutscht. Unter dem Deckmantel einer Hilfsorganisation lässt sich Jan ins Kriegsgebiet schleusen - und wird an einem Checkpoint von Milizen des IS entführt.

Akribie vom Leben und Sterben im "Kalifat"

"Jemand wie Jan Welke", sagt Kristin Derfler, "hätte auch bei den Linksautonomen oder dem NSU landen können". Tatsächlich landet er in einem Ausbildungslager und schlägt sich wacker im Häuserkampf. Der zweite Teil von "Brüder" mit seinen in Marokko gedrehten Kampfszenen erzählt mit einer Akribie vom Leben und Sterben im "Kalifat", die schmerzt und an die Grenzen dessen geht, was dem deutschen Publikum zur besten Sendezeit zuzumuten ist. Da werden Jungfrauen zugeführt und vergewaltigt, Kehlen aufgeschlitzt und vermeintliche Überläufer bestialisch ermordet. Als ihr Posten vom türkischen Militär überrant wird, gilt Jan als "befreite Geisel" - und kehrt nach Deutschland zurück.

Inzwischen weiß nicht einmal mehr der Zuschauer, was er von Jan halten soll. Da geht es ihm wie dem LKA, das seinen alten Freund Tariq als Informanten auf den Heimkehrer ansetzt. Plant der nachhaltig verstörte junge Mann etwa ein Attentat in Deutschland? Sieht ganz so aus. Auf den letzten Metern entwickelt sich ein Plot, wie er in Ambivalenz und Spannung einem kompletten "Tatort" zur Ehre gereichen würde - inklusive Showdown.

Fotostrecke

"Brüder": Wie "so was" bei uns passieren kann

Foto: SWR/ Züli Aladag

Die Frage, wie "so was" passieren kann in unserer Gesellschaft, wird von "Brüder" gestellt und beantwortet. Islamistische Radikalisierung von den harmlosen Anfängen bis zum bitteren (und brutalen) Ende ist in einem fiktiven Format so noch nicht gezeigt worden in Deutschland. Ein großes Verdienst, dass man dem aufwendigen Zweiteiler zwar seine fundierte Recherche, nie aber nur den Hauch einer pädagogischen Beflissenheit anmerkt. Und bei aller Verve, ein soziales Problem bis in entlegenere Winkel zu beleuchten, kommt auch die Unterhaltung nicht zu kurz.

Wer ein Haar in der Suppe sucht, wird sich über den ausplätschernden Handlungsstrang um Tariq ärgern, mehr aber noch über die Bärte. Die sind so dilettantisch angeklebt, dass man es beinahe für Absicht im Sinne einer Brecht'schen Verfremdung halten könnte. Spannend bleibt es dennoch bis zur letzten Minute - nach der dann mit der Dokumentation "Sebastian wird Salafist" ein realer, gleichwohl glimpflicherer Fall geschildert wird. Inschallah!


"Brüder", ARD, 22.11.2017, 20:15 bis 23:15 Uhr, ab 23:45 Uhr die Dokumentation "Sebastian wird Salafist"

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.