Bushido gegen Storch Entgleiste Debatte

Bushido findet AfD-Plakate gut, Beatrix von Storch mag kein Schweinefleisch. Wie sich der Rapper und die Rechtspopulistin in dem Talk-Format "Straßenwahl" nahekommen - und der Zuschauer verzweifelt.
Von Stefan Niggemeier
Bushido, Storch

Bushido, Storch

Foto: Hyperbole Medien

Den Integrations-Wettbewerb gewinnt der Rapper gegen die Politikerin mit einer Sekunde Vorsprung. "Wer trägt mehr zur Integration bei?", hat der Moderator seine beiden Gesprächspartner gefragt. Bushido ruft: "Ich!" Beatrix von Storch braucht einen Moment länger: "Ich!"

Sie meinen das aber beide nicht so.

Denn für die AfD-Politikerin geht es, wie Bushido in dem Gespräch der beiden sauber herausarbeitet, ausschließlich um Ausgrenzung; um ein "Wir" gegen "Die", um das Ausnutzen und Anheizen von Ängsten, um ein Spiel mit Klischees und Vorurteilen. Und für den Rapper geht es, wie ebenfalls Bushido genauso sauber herausarbeitet, um nichts: Er will mit der Wahl nichts zu tun haben, er will mit der Politik nichts zu tun haben, er lehnt es ab, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.

Die beiden haben sich für das Format "Straßenwahl"* getroffen, bei dem Rapper mit Politikern reden. Es ist wie eine wilde Achterbahnfahrt mit einem entgleisten Wagen, bei dem man wild durchgeschüttelt wird, jauchzt, flucht und hofft, bis er in den Abgrund stürzt.

Bushido und seine "neuen deutschen" Kinder

Eine Weile sieht es aus, als ob das gut gehen könnte. Bushido spricht der AfD Anerkennung aus für ihre Plakate: "Das sind die einzigen, die mir im Kopf bleiben!" Er hat aber zu dem Motiv, das den Bauch einer Schwangeren zeigt und den Satz "Neue Deutsche? Machen wir selber", eine gute Frage: Ob seine fünf Kinder, die Ferchichi heißen, denn auch die "neuen Deutschen" seien, die die AfD sich wünscht?

Storch bejaht das, nachdem sie geklärt hat, dass er als in Deutschland geborener Mensch mit einem deutschen Elternteil eindeutig deutsch sei. Bushido aber weist sie darauf hin, dass sie in einem Interview gesagt hat: "Mit dem Islam darf es keine Kompromisse geben. Wir müssen und werden unsere Kultur verteidigen - gegen den Islam." Muss sie nicht seine muslimische Familie dann auch bekämpfen?

Ihre Antwort: "Ich hab gegen Sie nichts, solange Sie sich an die deutschen Gesetze halten. Und nicht versuchen, unser Leben verändern zu wollen und den Anspruch haben, dass in den Kindertagesstätten die Essenskultur umgestellt werden muss."

Und so versuchen sie sich also am Thema, was deutsche Kultur ist und wogegen sie verteidigt werden muss - Beispiel: Schweinefleisch. Es ist jetzt kein persönliches Herzensanliegen von Storch, die sagt: "Ich esse es auch nicht besonders gerne. Ich esse es, aber nicht besonders gerne", was ein bisschen klingt, als würde sie sich zwingen - ein gelegentliches Kotelett als Opfer für die Erhaltung deutscher Schweinefleisch-Kultur. Bushido fragt, wo das Problem ist, wenn man ohnehin für Vegetarier und Veganer Alternativen anbietet, das auch für Moslems oder Juden zu tun.

Die Sache mit dem Integrations-Bambi

Es gibt viele groteske Momente in diesem Aufeinandertreffen, in dem es Bushido in 35 Minuten geschätzt ungefähr zwei Sekunden lang schafft, der AfD-Frau in die Augen zu sehen. Aber es gibt immer wieder Augenblicke der Klärung, wenn Bushido Widersprüche und Verlogenheiten in der AfD-Argumentation offenlegt, auch anhand seiner eigenen Person.

Das kippt, als Storch auf den "Integrations-Bambi" zu sprechen kommt, den Bushido irrwitzigerweise vor Jahren vom Burda-Verlag verliehen bekam, und die schöne Frage stellt: "Was ist Ihre Leistung für Integration gewesen? Wen haben Sie wo reinintegriert?"

Nach dem Schweinefleisch wird nun der Homosexuelle zum Symbol für Toleranz und Freiheit, und es entwickelt sich ein absurdes Theaterstück, bei dem zwei der unüberzeugendsten LGBT-Fürsprecher der Welt deren Akzeptanz einfordern. "Christopher Street Day, diese Travestietypen, haben wir das in muslimisch geprägten Ländern?", fragt Storch Bushido vorwurfsvoll, und man ahnt, dass ihr "diese Travestietypen" noch etwas weniger schmecken als Schweinefleisch, wenn sie ihr nicht gerade als Argument gegen den Islam dienen.

Bushido, der sich umgekehrt schon mit dem Satz "Wie ist das mit dem Transgenderproblem, das Ihre Partei auch komplett ablehnt?" in offensichtliches Neuland vorgewagt hatte, erklärt sich nun zum bedingungslosen Kämpfer für schwul-lesbische Gleichberechtigung und transsexuelle Emanzipation. Er hätte nicht nur nichts gegen Homosexuelle, er hätte auch noch nie etwas gegen Homosexuelle gehabt, er wisse gar nicht, woher das Gerücht komme.

Storch findet, es könnte damit zusammenhängen, dass er in seinen Texten immer wieder "schwul" als Schimpfwort benutzt hat. "Das ist nicht okay", räumt Bushido ein, "es beleidigt Leute und diskriminiert sie." Er fügt hinzu: "Ich mach's trotzdem."

Spätestens hier ist das Problem der originellen Idee unübersehbar, diesen Rapper mit dieser Politikerin diskutieren zu lassen: Man muss zusehen, wie die beiden die Rechte Homosexueller verteidigen und gleichzeitig für das Recht kämpfen, sie weiter zu diskriminieren. Schlimmer noch: Bushido "verspricht" Storch, dass es "keinen einzigen schwulen AfD-Wähler gibt" und ist verblüfft, von ihr zu erfahren, dass sogar die Spitzenkandidatin der Partei homosexuell ist: "Wissen das die AfD-Wähler?"

Es stellt sich nach all seiner scheinbar engagierten Diskussion gegen die AfD heraus: Er wird nicht einmal wählen gehen. "Weil ich mich an der aktiven Mitbestimmung in dieser Demokratie zurückziehe", sagt er. "Da möchte ich nichts mit zu tun haben. Alle Parteien, die dort sind, haben meine Stimme nicht verdient."

Und der Zuschauer vergräbt den Kopf in den Händen und verzweifelt: Als wäre die Auseinandersetzung mit der AfD nicht herausfordernd genug, auch ohne dass man sie Leuten wie Bushido überlässt.

*Anmerkung der Redaktion: Wir haben auf SPIEGEL ONLINE die beiden ersten Folgen von "Straßenwahl" gezeigt, haben uns bei dem Gespräch Bushido/Storch aber für eine andere redaktionelle Aufarbeitung des Formats entschieden, weil wir die Äußerungen der beiden nicht unkommentiert lassen wollten.

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