Casting-Show bei Arte Ein Foto wie eine Revolution

Germany's next Top-Knipser: Star- und Skandal-Fotograf Oliviero Toscani triezt für Arte sechs aufstrebende Fotokünstler. Eine Castingshow mit Kunstanspruch - das Format verzichtet auf den Fremdschäm-Faktor. Ist es auch ein Pilotprogramm für die neue Ausrichtung des Kulturkanals?

Corbis

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Die Aufgabe: eine Fotoreportage über den Mann, der die Pariser Rathaus-Uhr aufzieht. Ein überdimensionales, goldglänzendes Uhrwerk aus dem 19. Jahrhundert, dazu ein umtriebiger Protagonist, der da und dort noch ein paar Schrauben dreht und ansonsten artig in die Kamera grinst. Eigentlich keine schlechte Ausgangslage für einen Fotografen, sollte man meinen. Nicht so für Christian. Dem Bildbearbeiter aus Berlin ist alles zu düster, er hat sein Licht nicht dabei und meckert unentwegt. Dann lässt der 29-Jährige auch noch die Diva raushängen: Sein "Image als Fotograf" stehe auf dem Spiel. "It's not my cup of tea", verkündet Christian schließlich, dann packt er seine Sachen.

Der freiwillige Abgang bleibt nur ein Aufregerchen am Rande des neuen Fotografen-Castings, das ab Montag auf Arte zu sehen ist. Weder wird Christians wutentbrannte Abreise mit Rollköfferchen in Szene gesetzt, noch lästern die übriggeblieben Kandidaten in die Kamera. Statt die Fotografen-Anwärter vorzuführen, den Fokus auf Intrigen, Macken und anrührende Lebensgeschichten zu legen, geht es in dem Fünfteiler tatsächlich nur um eins: das Fotografieren.

Dabei steht den sechs Kandidaten kein geringerer als Skandal-Fotograf Oliviero Toscani zur Seite. Der Mailänder machte in den neunziger Jahre den italienischen Textil-Giganten Benetton mit Fotos von Aids-Opfern, küssenden Nonnen oder dem blutgetränkten T-Shirt eines Soldaten zu einer weltweit bekannten Marke - nicht ohne dabei kräftig zu polarisieren.

"Lass' die vom Marketing reden - und mach' das Gegenteil."

Umstritten waren auch Toscanis Aufnahmen des bis auf die Knochen abgemagerten und mittlerweile verstorbenen Models Isabelle Caro, die 2007 an Plakatwänden prangten und den Mager-Trend der Szene illustrierten sollten. Anfang dieses Jahres erregte der 69-Jährige für einen Lederwarenhersteller mit Fotografien von weiblichen, behaarten Schamhügeln erneut die Gemüter. Das Credo des Werbe-Revoluzzers: "Lass' die vom Marketing reden - und mach' das Gegenteil."

So beginnt jeder Tag der sogenannten Masterclass auch mit einer Weisheit des Meisters, wie etwa "Der Teufel steckt im Detail!", "Jedes Porträt ist ein Selbstporträt!" oder "Kunst kennt keine Demokratie!". Dafür trommelt der Italiener seine Schützlinge in einem puristisch ausgestatten Pariser Atelier zusammen, an dessen weißen Wänden einige ausgewählte Arbeiten Toscanis kleben. Bevor die Aufgaben verteilt werden, gibt der Künstler selbst noch Einblicke in sein kreatives Schaffen, debattiert mit den Kandidaten über die Porträt-Kunst von August Sander oder stellt prominente Mit-Juroren wie den Schweizer Fotografen Peter Knapp vor.

Zugpferd der Sendung aber bleibt stets Toscani selbst, der engagiert ans Casting-Werk geht - tatsächlich nimmt man ihm ab, dass er in den Kandidaten wirklich etwas sieht, dass er sie nicht nur fertigmachen, sondern auch voranbringen will. Die Nachwuchsförderung hat er nicht erst jetzt für sich entdeckt: Schon 1993 gründete er "Fabrica", ein internationales Zentrum für Kommunikationsforschung, in dem junge Künstler neue Projekte anstoßen und realisieren sollen, von Design über Film bis eben auch zur Fotografie.

Che Guevara als Inspiration

Vor allem versucht Toscani nun, seinen Kandidaten seine radikalen Ideen, denen er nicht zuletzt auch seinen Erfolg verdankt, einzuimpfen. So ermutigt er die Münchnerin Sima, eigentlich verbotene Fotos von neuen Köpfen des Pariser Wachsfigurenkabinetts trotzdem (oder gerade deshalb) zu zeigen. "Man muss den Mut haben, etwas zu machen, was die anderen nicht wollen. So wie Che Guevara." Toscani gefällt sich in der Rolle des Revoluzzers offenbar ziemlich gut, und auf seine Schüler soll sich dieser Geist übertragen. "Das habe ich alles schon gesehen", raunt er seinen Schützlingen nach der ersten Prüfung zu. Sehr nett seien die Arbeiten - bei Toscani nicht gerade ein Kompliment. "Ihr seid sehr alt, meine lieben Tanten und Großväter." Das sitzt.

Guter Stoff für ein gelungenes TV-Format also. Auch dass die Bewerber nicht am Ende jeder Sendung um ihren Rauswurf zittern müssen, macht die Arte-Show sympathisch - nur leidet eben auch die Spannung darunter. Zudem erwartet die fünf Finalisten am Ende kein wirklicher Hauptgewinn, statt um Geldgeschenke geht es für sie um Ruhm und Ehre - immerhin.

Damit gibt "Photo for Life" vielleichte schon einmal einen Vorgeschmack auf das, was das bisherige Zielpublikum des Kultursenders ab nächstem Jahr irritieren könnte: Mit seiner Programmreform verordnet sich der Sender ab 2012 selbst eine populärere Ausrichtung. Klassische Porträts sind damit in Zukunft passé, statt starker Dokumentationen sollen Hochglanz-Bilderbögen die Zuschauer einlullen. So soll Kultur "verständlich und zugänglich gemacht werden", wie es in der internen Begründung des Beschlussvorschlags zum neuen Sendeschema heißt. Dank Toscanis Knipser-Casting kann die neue Ausrichtung also schon einmal beim Publikum getestet werden.

Dass ihm der Nachwuchs wirklich einmal den Rang ablaufen könnte, daran glaubt wohl selbst dessen Mentor nicht wirklich. Mit ironischem Unterton sagt er in einem Einspieler: "Vielleicht werden die ja mal berühmter als ich" - und setzt dann zu einem heiseren Lachen an. Toscani ist nicht nur Zugpferd der Sendereihe, sondern auch der größte Profiteur der Arte-Adaption des Privatsender-Formats.


"Photo for Life", Montag bis Freitag, 19.30 Uhr, Arte

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