Castingshows Germany's Next Topflop

Ehemann weg, Familienunternehmen am Schwächeln, Quoten im Sinkflug - angeschlagen geht Heidi Klum in die siebte Staffel von "Germany's Next Topmodel". Aber auch alle anderen Talentshows kriseln. Welch frohe Hoffnung: Naht das Ende der Casting-Gesellschaft?
Heidi Klum: Die Frau mit dem eisernen Lächeln

Heidi Klum: Die Frau mit dem eisernen Lächeln

Foto: Evan Agostini/ AP

Seal hat kein Foto bekommen, er hat zum Abschied auch kein Lächeln bekommen. Nicht mal ein gefrorenes. Seal wurde einfach rausgeschnitten. Bei den Dreharbeiten zur siebten Staffel von "Germany's Next Topmodel" soll der Soul-Popper noch auf dem Set einen ganz, ganz spontanen Auftritt hingelegt haben, einen Monat später gaben er und seine Ehefrau Heidi Klum ihre Trennung bekannt. Da war für den Ex kein Platz mehr in der aktuellen Vermarktungskampagne; bei den ab Donnerstag ausgestrahlten Folgen ist er nirgends zu sehen.

Für die 38-jährige Klum, die ihre Kandidatinnen bei ihrer Castingshow mit einem Foto in die nächste Runde oder mit einem Eislächeln ins mediale Off schickt, ist mit der Ehe auch die Arbeitsbeziehung zerbrochen. Familie und Firma, das war bei ihr ja immer eins. Wer es von den jungen Dingern an der Model-Rampe bei ProSieben weiterschaffte, der wurde von Klum mit mütterlicher Umarmung direkt zur Model-Agentur One-eins geschoben, der Firma ihres Vaters Günther.

Das klappte lange wie geschmiert - bis zur letzten "Topmodel"-Staffel 2011. Gewinnerin Jana Beller entzog sich dem Klammergriff der Klums und wurde dafür vor die Tür gesetzt. Der Model-Maker-Clan monierte die fehlende Professionalität, die junge Frau sprach von Ausbeutung, der Image-Schaden war enorm.

Die Krise des Familienunternehmens Klum fällt in eine Zeit, in der sich das deutsche Casting-Gewerbe insgesamt in einer Misere befindet. Nach Jahren stetig steigender Quoten für immer neue TV-Talentshows gehen die Zuschauerzahlen in diesem Fernsehsegment sanft, aber stetig weiter runter. Ist das Demütigungsfernsehen am Ende? Wollen die Menschen kein sadistisches Selektions-TV mehr? Naht gar das Ende der Casting-Gesellschaft?

Casting-Dämmerung über Deutschland

Relativ drastisch deutet sich das bei "Deutschland sucht den Superstar" an, wo in der aktuellen Staffel zur Primetime am Samstag gerade mal fünf Millionen Menschen einschalten - eine extrem schlechte Quote auf diesem Sendeplatz für Dieter Bohlens musikalisch aufgehübschten Menschenpark.

Aber auch die etwas anders ausgerichtete Casting-Show "The Voice Of Germany" konnte nach unerwartet starkem Start im November letzten Jahres die sensationellen Zuschauerwerte nicht beibehalten. In der auf ProSieben und Sat.1 gelaufene Show kämpften die Bewerber weniger um die Gunst der Juroren als die Juroren um die Gunst der Bewerber. Respekt vor den Kandidaten, das kam einer Neuerfindung im zynischen Casting-Gewerbe gleich. Die Quoten pendelten sich allerdings nach Abnutzung des Novelty-Effekts auf solidem Mittelmaß ein.

Desaströs indes waren die Einschaltzahlen zum Eurovision-Casting "Unser Star für Baku" (USFB). Die bei ProSieben gezeigten Ausgaben lagen weit unter Senderschnitt, und bei der Entscheidungs-Show am 9. Februar in der ARD sahen gar nur 1,99 Millionen Menschen zu, das entsprach einem Marktwert von traurigen 6,3 Prozent. Immerhin durfte USFB-Co-Ausrichter Stefan Raab seinen offensichtlichen Wunschkandidaten Roman Lob durchbringen, eine gut frisierte Neuauflage des Raab-Ziehsohns Max Mutzke. Ein kleiner Erfolg für die Verantwortlichen. Die hochgesteckten Ziele aber, mit der das Format vor zwei Jahren an den Start gegangen ist, sind längst passé. Nationale Aufgabe? Casting-Shows sind hierzulande inzwischen ja allesamt auf dem Weg zur Nischen-Unterhaltung.

Das trifft auch im Bereich des Möchtegern-Model-Schaulaufens zu. Dünn wie die jungen Frauen, die dort hoffnungsfroh antreten, sind auch die Quoten für die Vox-Show "Das perfekte Model" mit Eva Padberg und Karolina Kurkova, die zuvor im großen Stil als etwas anderes Laufsteg-Spektakel angekündigt wurde. Am Ende gab es auch hier dann nur die üblichen Demütigungsprozeduren. Ob es eine zweite Staffel geben wird, darüber schweigen sich die Vox-Verantwortlichen zur Zeit aus.

Für Heidi Klum indes wird es auf jeden Fall 2013 noch eine "Germany's Next Topmodel"-Staffel geben - unabhängig davon, wie tief die Quoten fallen. Schon 2010 und 2011 brachen die Zuschauerzahlen ein. Da will Klum selbst wohl nicht allzu sehr auf den jüngsten Jahrgang der Rominas, Jasmins und Ines-Biancas vertrauen. Um ihr Familienunternehmen zu retten, wird sich die sowieso nicht gerade bescheiden auftretende Chefin in der neuen Staffel noch stärker herausstellen. Als Neuerung wird es eine Heidi-Cam geben, die das McDonald's-Model beim Aufstehen, Schminken und Kinderstreicheln zeigt.

Irgendwie konsequent, um die jungen Kandidatinnen ist bei "Germany's Next Topmodel" ja noch nie gegangen. Hier wird eigentlich immer nur eine gecastet: Heidi Klum, und die ging immer wieder als Gewinnerin hervor. Das könnte, wie schön, angesichts der deutschen Casting-Dämmerung diesmal anders kommen.


"Germany's Next Topmodel", donnerstags, 20.15 Uhr, ProSieben

Mit Material von dpa