Fernsehserie "Charité" Lauter Blut und Liebe, aber leider kein Fokus

"Dr. House" trifft die "Buddenbrooks": Mit dem Sechsteiler "Charité" zeichnet Sönke Wortmann eine Krankenhausserie aus dem 19. Jahrhundert. Es ist das Panorama einer ganzen Epoche, das am Ende den Überblick verliert.

ARD/ Nik Konietzny

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Die Götter in Weiß tragen noch keine weißen Kittel, sie tragen beim Aufschlitzen ihrer Schützlinge nicht einmal Handschuhe. Götter sind es trotzdem, mindestens aber Säulenheilige ihrer Profession. Hier begegnen wir Rudolf Virchow und Robert Koch, Emil von Behring, Paul Ehrlich und Ernst von Bergmann. Für die medizinischen Leistungen dieser künftigen Nobelpreisträger und Koryphäen aber interessiert sich "Charité" nur so flüchtig, wie es sich für eine anständige Krankenhausserie gehört.

Nun war die Charité 1888 ein Krankenhaus nur im weitesten Sinne, eher eine preußisch-straff organisierte Verwahrungsanstalt für die siechenden Verlierer sozialer Umwälzungen. In sechs Teilen entfaltet Regisseur Sönke Wortmann mit "Charité" daher das ehrgeizige Panorama einer ganzen Epoche. Neben karrieristischen Ärzten gibt es gefallene Mädchen auf der Suche nach "Engelmachern", stramme Burschenschaftler und noch strammere Sozialrevolutionäre, verträumte Künstler, Tänzerinnen am Varieté, gläubige Diakonissinnen und Frauen, die sich mit ihrem Platz am Rande der Gesellschaft nicht abfinden wollen.

Identifikatorisches Zentrum der Erzählung ist Ida Lenze (Alicia von Rittberg), die ihre Behandlung nicht bezahlen kann und die Kosten mit einer Tätigkeit als Hilfsschwester abstottern muss - aber heimlich am Hörsaal lauscht, wie vor den Herren der Schöpfung der Kaiserschnitt erklärt wird. Prompt steht sie zwischen zwei Männern und einer Frau, dem Professor, dem Studenten, der Kollegin - womit wir beim eigentlichen Sujet jeder anständigen Krankenhausserie wären, den Schwierigkeiten des Menschelns im Angesicht letzter oder doch wenigstens hochdramatischer Dinge.

Skalpelle fahren durch bleiches Fleisch, es werden Luftröhrenschnitte gesetzt, Brustkörbe aufgeklappt und tuberkulöse Lungenflügel begutachtet. Zwischen den Gebäuden des Klinikums laufen verschlammte Trampelpfade, einen Anschluss als Stromversorgung oder Elektrizität gibt es noch nicht. Die Existenz von Keimen ist noch eine kühne, durchaus umstrittene Behauptung.

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"Charité": "Dr. House" trifft die "Buddenbrooks"

Selbst der Tod aber bleibt ein erzählerischer Mitnahmeeffekt, richtig dramatisch wird es nie. Allzu viele Handlungsstränge wollen verfolgt und miteinander verflochten werden. So verliebt sich der weltberühmte Bakteriologe Robert Koch in eine minderjährige Tänzerin, für die er seine Familie verlassen wird. So kämpft Emil von Behring (Matthias Koeberlin) nicht nur gegen die Diphterie, sondern auch gegen seine Depressionen und Opiumsucht, derweil der flausenhafte Student um die Anerkennung des kernigen Vaters buhlt.

Angedeutet wird die Feindschaft mit Frankreich und die Rivalität mit dem "perfiden Albion", irgendwann steht hackenschlagend ein Forscher aus dem aufstrebenden Japan vor der Tür. Es prallt "der Ungeist des sogenannten Fortschritts", wie die Oberschwester schimpft, auf die Verheißungen der Wissenschaft, von denen das ansehnlich verlumpte Proletariat allerdings noch lange nicht profitieren wird.

Auch das größte Krankenhaus ist irgendwann überbelegt

"Ich kannte diese Zeit überhaupt nicht", sagt Sönke Wortmann: "Insofern habe ich da Neuland betreten, war dann aber schnell fasziniert davon, was damals passiert ist - nicht nur medizinisch, sondern auch sozialpolitisch". Insofern verheddert er sich zwar nicht in seinen zahlreichen Erzählsträngen (Drehbuch: Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann), setzt bei allen Schauwerten aber auch keine rechten Schwerpunkte.

Was bei "Weißensee" in erzählerischer Konzentration glückte, gerät hier ein wenig zu enzyklopädisch. Auch das größte Krankenhaus ist irgendwann überbelegt, wenn eine ganze Epoche - inklusive Kaiser Wilhelm Zwo nebst Gemahlin - ins Wartezimmer holterdipoltert. Mit dem farblosen "Krankenhaus am Rande der Stadt" hat "Charité" so wenig zu tun wie mit dem schillernden "Emergency Room". Eher wirkt es manchmal, als habe sich " Dr. House" in die "Buddenbrooks" verirrt, während im Hintergrund die Komparsen aus "Les Misérables" um die Ecken schleichen.

Der Wille zum großen und akkuraten Sittengemälde bleibt spürbar, verstimmt aber auf Dauer. Was nicht heißt, dass die Konzentration auf eine Liebesgeschichte und einen Krankheitsüberträger dem Projekt gutgetan hätte. Vielleicht haben sich einfach die Sehgewohnheiten verschoben. Das Heil läge dann nicht in der Beschränkung, sondern in der Erweiterung und Entzerrung. "Charité" nicht als Sechsteiler im Fernsehen, sondern über zwölf Episoden auf einem Streaming-Dienst - das wär's.


"Charité". Dienstag, 21.03.2017, 20.15 Uhr, ARD. (Folge 1 + 2). Die weiteren Folgen jeweils Dienstags, 20.15h.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
spon-46v-c1g9 21.03.2017
1. Autorinnen nur Randnotiz
Die Autorinnen haben hier eine ganze Serie erfunden und lange bevor der Regisseur überhaupt von dem Projekt wusste daran gearbeitet. Da sollten die Schreiber mindestens(!) auf Augenhöhe erwähnt werden. Offenbar ist es in der journalistischen Öffentlichkeit noch immer nicht angekommen, wie Fernsehserien entstehen und funktionieren.
hinschauen 21.03.2017
2. The nick
Noch habe ich die Serie zwar nicht gesehen, aber nach diesem Artikel deuten schon sehr viele Erzählstränge und Details darauf, dass die Serie deutlich durch die US-Serie "The Nick" vorsichtig formuliert "inspiriert" wurde. Wenn das so ist, wäre ein weiteres Beispiel dafür, dass deutsche Fernsehmacher überhaupt nur interessante Geschichten erzählen, wenn sie britische oder amerikanische Serien nacherzählen. Letztes Beispiel: Bastian Pastewkas "Morgen höre ich auf": da, wo die Serie gut war, war sie ein unverhohlener Rip-off von "Breaking Bad". Und da wo die deutschen Autoren den Plot eigenständig weiterstrickten, wurde die Geschichte immer schlechter.
cholerischerkinski 21.03.2017
3.
jedem der wirklich an medizingeschichte und die damalige epoche interessiert ist, kann ich wärmstens "the knick" mit clive owen empfehlen.
made_up_name 21.03.2017
4. Vorab
streamen fand ich gut, eine willkommene Abwechslung auch wenn einem das Dreikaiserjahr nichts sagt. Wer kann soll da erst mal besseres liefern. Ein par Parallelen zur heutigen Zeit, viele studieren Medizin aus unerklärlichen Gründen so n bischen raus gerissen wurde ich als die alte Petroleumlampe mit jetzt handelsüblichen Zündhölzern angezündet wurde. Waren neunzig erträgliche Minuten wenn man wie ich eine Eis- oder Wasserwüste oder gar die Marsoberfläche im Vergleich zum sonstigen Programm als unterhaltsam empfindet.
citycity 21.03.2017
5.
Ich musste auch sofort an "The Nick" denken... diese Inspiration mit einem Touch deutscher Geschichte könnte interessant werden.
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