Zum Tod von Christiane Hörbiger Gräfin, Glückspenderin, große Komödiantin

Die hohe Kunst der Heiterkeit: Christiane Hörbiger brachte bei den »Guldenburgs« Glanz ins TV-Grau – und für »Schtonk!« Sachertorten-Sarkasmus nach Hamburg. Nun ist der Wiener Theater- und Fernsehstar mit 84 Jahren gestorben.
Christiane Hörbiger (1938–2022): Ein Bild aus »Guldenburgs«-Zeiten

Christiane Hörbiger (1938–2022): Ein Bild aus »Guldenburgs«-Zeiten

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APress / IMAGO

Wenn sie sich mit zwei Fingern an der Flasche ein Bier einschenkte, perlte das im Glas wie Champagner. Wenn sie auf einem mit schnöseligem Tand zugestellten TV-Set mit schnöseligem Tand zugestellte Dialoge sprach, leuchteten die Worte wie wunderbare Verheißungen. Christiane Hörbiger brachte Glanz an einen Ort, wo sonst das Matte regiert: das deutsche Fernsehen.

In der Wiener Burg, der fast schon religiös gehuldigten Instanz der deutschsprachigen Theaterwelt, war sie genauso Zuhause wie in dem größten Luftschloss des öffentlich-rechtlichen TV - hier, in der (fiktiven) Grafschaft Guldenburg irgendwo zwischen Lübeck und Hamburg verkörperte sie von 1987 bis 1990 die bald schon verwitwete Mutter der gleichnamigen adeligen Bierbrauersippschaft und war deshalb immer wieder dazu angehalten, den schäumenden Inhalt grüner, norddeutscher Bierfläschchen in schmalbäuchige Gläser fließen zu lassen, als handelte es sich um flüssiges Gold.

Ein Prosit auf die Guldenburgs!

Nach einer Folge »Das Erbe der Guldenburgs«, so glaubt man sich zu erinnern, war man immer sehr durstig. Manchmal, wenn man dem Durst nachgegeben hatte, auch ein wenig angeschickert.

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Die "Grande Dame" aus Film und Fernsehserien: Christiane Hörbiger

Foto: Sven Hoppe / picture alliance / dpa

Hörbiger dürfte das gefallen haben, denn sie brachte das Leichte, das Lustvolle, das Lebensumarmende auch in schwierige Stoffe oder schwergängige Produktionen. Allein wie sie in ihrer Rolle als Christine Gräfin von Guldenburg immer wieder den vom Drehbuch vorgegebenen Dialogbaustein »Pflicht« mit ihrem hellen Organ trällerte – als bezeichnete das Schmerzwort die schönste Sache der Welt.

Mit den Freuden und Zwängen familiärer Pflichten kannte sie sich aus: Christiane Hörbiger war Spross und spätere Frontfrau einer weit verzweigten Schauspieldynastie. Ihr Vater Attila Hörbiger war langjähriges gefeiertes Mitglied im Ensemble der Wiener Burg gewesen, ihre Mutter Paula Wessely hatte früh in dem Theater in der Josefstadt unter dem Theatererneuerer Max Reinhardt Bekanntheit erlangt. Christianes Onkel war der Theater- und Filmsuperstar Paul Hörbiger. Und ihre Nichte ist die Schauspielerin Mavie Hörbiger, die, wie sie es selbst war, gerne im Komödienfach unterwegs ist.

Hörbiger mit Iris Berben und Friedrich von Thun bei »Das Erbe der Guldenburgs«: Glanz in matter Kulisse

Hörbiger mit Iris Berben und Friedrich von Thun bei »Das Erbe der Guldenburgs«: Glanz in matter Kulisse

Foto: Fischer / picture-alliance / dpa

Christiane Hörbiger flitzte schon früh zwischen allen Posen, Gattungen und Branchen hin und her. Ihr Schauspieldebüt gab sie 1955 mit knapp 17 Jahren in dem Kinofilm »Der Major und die Stiere«, der von der Ankunft der amerikanischen Befreier nach dem Zweiten Weltkrieg in einem bockigen bayerischen Dorf erzählt. Das Entnazifizierungsdrama als Bauernschwank, so funktionierte der Heimatfilm damals.

Die junge Hörbiger war nicht wählerisch. Sie machte in Schmunzel- und Schmonzettenware wie »Die Wirtin zur Goldenen Krone« (1955) oder »Der Edelweißkönig« (1957) mit, spielte aber auch schon früh große, schwierige Theaterrollen. 1959 gab Hörbiger ihr Theaterdebüt als Recha in Gotthold Ephraim Lessings »Nathan der Weise« an der Burg, ab 1969 spielte sie vier Jahre lang die Buhlschaft im Salzburger »Jedermann«.

Bester Sachertorten-Sarkasmus

Ihre erste große Fernsehrolle hatte sie 1965 in der österreichischen Serie »Donaugeschichten« an der Seite des Ranschmeißerkönigs Willy Millowitsch. Dem Volkstümlichen gegenüber war auch Hörbiger nie abgeneigt. Richtig gut wurde die Rampenkünstlerin, wenn sie den burlesken Überschwang in unterkühlten Sarkasmus drehen konnte. Das macht ihren Auftritt in Helmut Dietls Komödienmeisterwerk »Schtonk!« (1992) über die gefälschten Hitler-Tagebücher beim »Stern« so phänomenal.

Szene mit Götz George in »Schtonk!«: Schnippisch, hart, lustig

Szene mit Götz George in »Schtonk!«: Schnippisch, hart, lustig

Foto: United Archives / kpa / IMAGO

Immer noch zurecht ein Hit bei YouTube: die »Schtonk!«-Szene , in der Hörbiger als Nichte des NS-Reichsmarschalls und Kriegsverbrechers Hermann Göring auf einen von Ulrich Mühe gespielten Verlagsfuzzi trifft, der damit protzt, dass sein Onkel gegen die Nazis im Widerstand war – und dem nun Hörbigers Nazi-Nichte vernichtend schnippisch zuraunt: »Ja, für unsere Verwandtschaft können wir ja wohl beide nichts.« Auch (oder gerade?) im norddeutschen Ambiente der Hamburger Verlagssatire funktionierte Hörbigers Sachertorten-Sarkasmus ganz wunderbar.

Da merkt man, wie präzise ihr Timing war, wie hart sie bei aller komischen Entfesselung wohl auch an ihren Rollen gearbeitet hat. In ihrer 2009 veröffentlichten Autobiografie »Ich bin der weiße Clown« erzählte sie, wie ernst sie auch die heitersten Auftritte als hart arbeitendes Kind einer Schauspielermalocherfamilie nahm. Ihre letzte große Filmrolle, 2018 in der österreichischen Fernsehproduktion »Die Professorin«, spielte sie im Verbund mit ihrer Nichte Mavie Hörbiger.

Wie ein Freund der Familie und eine langjährige Mitarbeiterin der Schauspielerin bestätigten, starb Christiane Hörbiger am Mittwoch im Alter von 84 Jahren in Wien.

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