"Circus Halligalli"-Staffelstart "Naa, i mag net mehr!"

Wer lässt jetzt Besoffene Serien inszenieren, wer bewirbt Mundwasser mit Bumsewitzen? Joko und Klaas sind in ihre letzte "Circus Halligalli"-Saison gestartet. Am besten war die Sendung, wenn sie aus den Fugen geriet.
Bald ist Schluss mit lustig: Joko Winterscheidt (l.) und Klaas Heufer-Umlauf (Archiv)

Bald ist Schluss mit lustig: Joko Winterscheidt (l.) und Klaas Heufer-Umlauf (Archiv)

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Das Lustigste waren die Betrunkenen. Klar, TV-moralisch ist es nicht ganz hasenrein, ein paar rabenvolle Knüllinskis vom Karneval abzufischen und sie zu bitten, doch eben mal Personal, Handlung und Dialoge einer neuen Krankenhausserie aus dem tiefen Brunnen ihrer Sufffantasien zu schöpfen - aber es ist eben auch sehr, sehr lustig, diese teilweise mühsam zu Worten geformten Klumpgedanken dann naturgetreu als neue Ärztesoap zu inszenieren. Moral, Schmoral!

"Ey, Puppe, gib mir mal dat Morphium!", spricht der Chefarzt zur Krankenschwester, "geben Sie mir den Bohrer A2B und das Schabeisen B2B", verlangt sein Operateur mit den weisungsgemäß sinnlos überlangen Pulloverärmeln.

Joko Winterscheidt als Dr. Hollywood und Klaas Heufer-Umlauf als Dr. Dr. Sunshine waren die anarchistischsten Momente in der live gesendeten Auftaktsendung der neuen "Circus Halligalli"-Staffel - gleichzeitig federleichtes Spiel mit Genrekonventionen und Fernseh-Metakram sowie quatschiger Klamauk. In den besten Momenten dieser Show fanden diese beiden Ebenen tatsächlich zusammen, und das ist der Grund, warum man trotz allen Überdrusses und Überraschungschwunds nach all den "Halligalli"-Jahren ruhig auch ein bisschen traurig sein darf, dass die neue Staffel nun die letzte sein soll. Wer spricht jetzt die Werbespots noch live ein und bewirbt Mundwasser mit Sätzen wie "Wenn du einen anhauchst, riecht das wie drei Tage Bumsen und die Fenster zu"?

Für Insider, nicht für Gelegenheitsseher

Die taumelnden Arztserien-Suffregisseure im Panzerknackerkostüm waren noch einmal der abschließende Beweis: Am besten war diese Sendung, wenn sie aus den Fugen geriet. Und Momente produzierte, in denen man plötzlich doch vor Lachen grunzen musste, obwohl man ein paar Momente vorher über manche Infantilismen - ein völlig bekleideter Flitzer stört kurz die Sendung, gejagt von komplett nackten Ordnern - noch müde mit dem Kopf gewackelt oder sich bei leidlich originellen Interviews mit verkaufswilligen Sofa-Gästen (Neue Single! Frischer Film!) gelangweilt hatte. Die wenigsten waren so überraschend amüsant wie gestern James Blunt, der eine rührende Schmalzbubenversion von "Herzilein" klimperte und semi-verständig Haftbefehl-Texte schmalzte.

Nach längerer "Halligalli"-Abstinenz fiel einem aber auch auf, wie viele Insiderismen die Sendung inzwischen angehäuft hatte. Die Stammseher zwar cool mit Gettofaust begrüßen und mit dem wohligen Gefühl des Eingeweihtseins belohnen, aber am Ende auch redundanter Ballast auf den luftgeschlagenen Scherzen sind. Und Gelegenheitssehern schnell das berechtigte Gefühl geben, dass ihre Wissenslücken in der Showanatomie sie daran hindern, den Spaß komplett zu genießen.

Natürlich erschließen sich Formate wie "Aushalten, nicht lachen" sofort: Klaas oder Joko macht Klamauk, und Joko oder Klaas darf nicht darüber lachen. Aber selbstverständlich ist es viel lustiger, wenn man weiß, dass der schmorbratengerecht gefesselte Österreicher, der in der hübschen Trivialnachstellung von "50 Shades of Grey" da gerade von seinem Meister Joko mit Apfelmus zwangsgemästet wird, in Wahrheit der Tonmann namens Frank Tonmann ist: "Naaa, i mag net mehr, Herr Grey!".

"Der Abspannschreiber wird aufgrund der Einstellung von 'Circus Halligalli' als Erstes entlassen. Schönen Dank auch. Fickt euch!", steht dann am Sendungsschluss ganz am Ende der Credits, an der Stelle, an der sonst noch ein verstecktes Witzchen auf die eingeweihten Dranbleiber wartete. Vermutlich keine lustige Anarchie im Format-Schutzraum, sondern absolut unlustiges, echtes Leben.