Crime-Serie "City on a Hill" Knarzt wie ein Classic-Rock-Sender

In Boston floriert das Verbrechen - nicht in Wirklichkeit, sondern in einer von Ben Affleck erdachten Serie. Darin spielt Kevin Bacon einen korrupten Cop auf dem Weg zur Läuterung.

Sky/ Showtime

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Die Küstenmetropolen der USA scheinen vielen US-Bürgern aus dem Landesinneren suspekt zu sein als Orte, in denen Arroganz, spinnerte Ideen und vor allem Kriminalität gedeihen. Boston dürfte auf dieser Liste des Misstrauens ganz weit oben stehen, schließlich spielten viele der heftigsten Thriller der letzten Jahre dort: "The Departed" mit Leonardo DiCaprio, "Mystic River" mit Sean Penn, "The Town" mit Ben Affleck.

Und jetzt eben auch die Serie "City on a Hill", die von zwei der wohl bekanntesten Bostonians produziert wurde, eben Affleck und seinem Kumpel aus Schultagen, Matt Damon. Natürlich geht es auch darin um Mord, Raub und Totschlag. Dass die Kriminalitätsraten von Boston im wahren Leben wie in anderen US-Metropolen dramatisch gesunken sind, gerät dabei zur Nebensache.

Wobei, so ganz stimmt das nicht. Denn die Showtime-Serie "City on a Hill", die in Deutschland von Sky ausgestrahlt wird, spielt zwar Anfang der Neunzigerjahre, als in Boston noch mehr als 150 Menschen im Jahr gewaltsam ums Leben kamen. Aber die Geschichte dreht sich um das so genannte "Boston Miracle", das Wunder von Boston also, als das die Zurückdrängung der Kriminalität heute bezeichnet wird und an der Polizei, Kirche, Sozialarbeiter und Nachbarschaftsgruppierungen gemeinsam beteiligt waren.

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"City on a Hill": Reise in die Neunziger

Wenn "City on a Hill" beginnt, ist dieses Wunder allerdings noch in weiter Ferne. Und Jackie Rohr (Kevin Bacon) ein Cop, der sich weniger darum sorgt, die Straßen sicherer zu machen, als um die um sich greifende political correctness. Heutzutage, so meint er in der ersten Episode, dürfe man ja nicht einmal mehr Schwule als solche beschimpfen, ohne sich rechtfertigen zu müssen.

Nein, sympathisch ist Rohr wirklich nicht: Er säuft, schnupft, hurt und schimpft sich durch seine Schichten, nimmt bereitwillig Bestechungsgeld entgegen und erpresst Kollegen, solange das seinem eigenen Fortkommen dient. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis er mit dem idealistischen neuen Staatsanwalt Decoury Ward (Aldis Hodge) aneinandergerät.

Dem schlägt als gebürtigem New Yorker von vornherein das Misstrauen der Bostoner Kollegen entgegen, und Alltagsrassismus begegnet ihm als Schwarzem ohnehin ständig. Dennoch nimmt sich Ward vor, den Sumpf des Verbrechens trockenzulegen - und findet bei den Ermittlungen zu einer Serie von Überfällen auf Geldtransporter ausgerechnet in Jackie Rohr einen Unterstützer.

"City on a Hill" spielt nicht nur Anfang der Neunziger, die Serie scheint auch direkt aus einer Zeit zu kommen, in der serielles Erzählen noch hübsch bedächtig und überschaubar vor sich ging. Die Rollen sind klar verteilt, die Geschichte ist spannend, kommt aber ohne unvorhersehbare Wendungen aus. Und sie bewegt sich in einem Kosmos, der Kinogängern und Serien-Aficionados sattsam bekannt ist.

Der Drehbuchautor Charlie McLean füttert seine Gangster-und-Polizisten-Geschichte mit satten Dialogen an, in denen im Original im breiten Bostoner Akzent geflucht und geschimpft wird. Auch die sozialen Umstände, die die Verbrecher zu ihren Taten veranlassen, finden prominent Raum. Das alles aber gehört zum guten Genre-Ton, wirklich neue Töne oder Erkenntnisse gewinnen die Macher dem Stoff nicht ab.

Was nicht heißt, das Zusehen würde keine Freude bereiten. Wer das Genre mag, ist hier ganz sicher richtig aufgehoben. Und allein das Wiedersehen mit Kevin Bacon bereitet große Freude. In den letzten Jahren machte sich einer der größten Hollywood-Darsteller, der nie den Oscar erhielt, auf den Leinwänden rar, im Fernsehen hatte er einen denkwürdigen Auftritt in der Amazon-Serie "I Love Dick". Hier beißt er sich mit sichtlichem Appetit in die Rolle des korrupten Cops, der eigentlich auch nur ein einsamer Schweinehund ist.

"City on a Hill" knarzt vor sich hin wie ein Classic-Rock-Radiosender, mit Songs von Fleetwood Mac, Rush und, nun ja, Boston ("More than a Feeling") auf dem Soundtrack, mit einer Klangfarbe also, die nicht gerade für Originalität steht oder Erfindungsreichtum, dafür aber für einen behaglichen Wiedererkennungseffekt.

Ab 5. August immer montags auf Sky.



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