ZDF-Moderatorin Neumann über Shitstorms "Hey Leute, es geht nur um Fußball"

"Die meisten waren noch nicht geboren, als ich schon Fallrückzieher versenkt habe": ZDF-Reporterin Claudia Neumann kontert souverän die Beschimpfungen frustrierter Fußballprolls.
ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann

ZDF-Sportreporterin Claudia Neumann

Foto: Rainer Jensen/ dpa

"Ich stehe weiterhin kerzengerade im Wind und bin keineswegs gefährdet, mich vom Eiffelturm zu stürzen." Entspannter als Claudia Neumann kann man einen Shitstorm wohl nicht über sich ergehen lassen.

Dabei offenbarten die Kommentare auf Facebook und Co. über ihre sportjournalistische Kompetenz den schier unendlichen machistischen Frust, der sich bei einem Fußballturnier entladen kann.

Neumann hat am Freitag das EM-Spiel Italien gegen Schweden kommentiert, bereits am 11. Juni hatte sie live die Begegnung zwischen Wales und der Slowakei begleitet. Vor, während und nach beiden Spielen stand sie im Mittelpunkt geballter Pöbelattacken in den sozialen Netzwerken. Sie wurde beschimpft und attackiert, mit übelsten sexistischen Sprüchen, inklusive Vergewaltigungsfantasien.

ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz hat mit Schmähungen vonseiten der unverbesserlichen Fußballprolls gerechnet, über das Ausmaß sei er aber doch erschüttert. Gruschwitz Einschätzung: "Sie hat das Spiel kompetent kommentiert." Was ihn aufwühle, sei die "asoziale Kritik in den sozialen Netzwerken".

"Hey, Leute, es geht nur um Fußball!"

Claudia Neumann war die erste Frau, die live ein EM-Spiel kommentierte. Mit Bento sprach sie einen Tag vor der Premiere über ihre Vorreiterinnenrolle und machte deutlich, dass es in den Sportredaktionen immer noch ein Missverhältnis zwischen Männern und Frauen gibt: "Aber ich bin zuversichtlich, dass sich das ändern wird - wenn man sich anguckt, wie viele junge Mädchen heute Fußball spielen."

Auf die primitiven Schmähungen im Netz reagierte sie nun mit bewundernswerter Gelassenheit. "Hey, Leute, es geht nur um Fußball!", sagt sie, "was für ein Witz! Die meisten, die da schreiben, waren noch gar nicht geboren, als ich schon irgendwelche Fallrückzieher versenkt habe." Von diesen Leuten lasse sie sich "nicht meine Leidenschaft und meinen Beruf kaputtmachen". Außerdem werde sie von ihren Chefs beim ZDF "super begleitet".

Die Beschwerden und Beleidigungen erreichten das ZDF via Facebook, über das Profil seiner "Heute"-Sendung reagierte der Sender "fassungslos" und entgegnete: "Zweite Halbzeit beim Spiel Italien gegen Schweden - und bei den Kollegen von ZDF Sport der Shitstorm. Weil mit Claudia Neumann eine Frau ihr zweites EM-Spiel kommentiert. Frauen und Fußball? Für manche Männer ist das scheinbar zu viel - auch im Jahr 2016." Die beleidigenden und sexistischen Kommentare wurden vom ZDF entfernt.

Es war von Beginn an klar, dass Claudia Neumann diese beiden Spiele kommentieren sollte, sagte ZDF-Sportchef Gruschwitz. Er habe neben den Hauptkommentatoren Bela Rethy und Oliver Schmidt zwei weitere Reporter benötigt und deshalb Martin Schneider und eben Neumann eine Chance geben wollen. Außerdem habe Neumann ja schon 2012 bei Olympia Männerfußball kommentiert, die Einsätze in Frankreich "hat sie sich nach unserer Einschätzung verdient".

Und ebenso, betont Gruschwitz, sei es von "vornherein so geplant gewesen, das haben wir auch klar kommuniziert", dass es für Neumann bei diesen beiden Live-Einsätzen bleiben wird. Sie bleibt als Storymacherin in Paris - und wird auch wieder live Männerfußball kommentieren, wenn es sich anbietet. Darüber, so Gruschwitz, "wird es keine Diskussion geben".

cbu/dpa