Corona-Debatte bei »Maybrit Illner« Die Eisprinzessin und die Vernunftapostel

Läuft das Corona-Drama länger als Agatha Christie? Der Talk bei Maybrit Illner lässt es befürchten. Katarina Witt, Karl Lauterbach und Alena Buyx wirken wie die nahezu beliebige Besetzung der immer gleichen Rollen.
Maybrit Illner mit Gästen: Wie in Goethes »Faust«

Maybrit Illner mit Gästen: Wie in Goethes »Faust«

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ZDF/Svea Pietschmann

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Talkshows sind heute wie Klassikeraufführungen im Theater. Jede Zuschauerin und jeder Zuschauer weiß, dass er nichts Neues sieht und belauscht, sondern nur die aktuelle Interpretation des immer gleichen Stoffs abhört und betrachtet. Viele im Publikum können wie bei Goethe und Schiller die Gassenhauer-Sätze inzwischen auswendig mitsprechen. In Maybrit IIlners ZDF-Donnerstagabendshow heißen sie »Wir brauchen Öffnungen, das ist nicht verhandelbar« und »Wir müssen nur noch einige Wochen durchhalten«.

Sie werden aufgesagt von der Sportrepräsentantin Katarina Witt und von dem Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, die irgendeine Regiemacht für diese Inszenierung besetzt hat – aber natürlich könnten die Rollen auch durch diverse andere Darstellerinnen und Darsteller verkörpert werden. Denn wie grandios auch immer die Einzelleistungen der Akteure sein mögen: Wann immer über Corona und Politik im deutschen Fernsehen in diesen Wochen diskutiert wird, lautet die Austauschbarkeits- und Déjà-vu-Devise wie in Goethes »Faust«: »Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten.«

Diesmal heißt das Motto der Illner-Sendung und die Inszenierungsvorgabe »Erst Notbremse, dann Vollgas – für wen ist die Pandemie vorbei?«. In einem Bühnenbild, das einerseits eine Impfspritze und andererseits einen Corona-Teststreifen aus Plastik zeigt, sitzen in verblüffend enger, maskenfreier Runde die Ex-Eisläuferin Witt, der Medizinmann Lauterbach, der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier und die Deutsche-Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx.

Immer dasselbe Stück – jeden einzelnen Abend

Mit auf der Bühne ist die Regisseurin Illner, die ihr Ensemble zu emotionalen, intellektuellen und interpretatorischen Höchstleistungen anzutreiben versucht mit Fragen wie: »Haben wir in der Vergangenheit übertrieben?« Sie meint natürlich die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie.

Das angeblich unverwüstlichste aller Theaterstücke, bis heute das am längsten ununterbrochen aufgeführte Drama der Welt, heißt »Die Mausefalle« und ist ein Werk von Agatha Christie. Es wurde vom 25. November 1952 bis zum 16. März 2020 täglich im Londoner West End aufgeführt.

Das Stück »Die Corona-Falle«, das derzeit auf vielen deutschen Fernsehsendern gezeigt wird, könnte es eines Tages überholen. Denn es ist praktisch für unbestimmte Zeit allabendlich angesetzt – auch bei Frau Illner wird an diesem Donnerstagabend verkündet, wie schon in vielen anderen Inszenierungen des Stoffs zuvor, dass die Pandemie (und damit auch die Talkshows zu Pandemiefragen) uns Zuschauerinnen und Zuschauer noch viele Jahre, ach was Jahrzehnte, begleiten wird.

Am Ende steht die freche Behauptung

Der Darsteller Lauterbach warnt vor einer »falschen Sicherheit«. Seine Mitspielerinnen und Mitspieler reden von drohenden künftigen Virusmutanten und weiteren Infektionswellen. Die quasi in der Rolle einer Seherin – nach Vorbild des Weisen Teiresias in vielen alten Griechenstücken – auftretende Ethik-Verkünderin Alena Buyx sagt: »Es fehlt eine positive Vision.«

Gibt es trotzdem Hoffnung? In der Theaterwelt wurde die Interpretation der immer gleichen Klassiker von Schiller, Goethe und Shakespeare in den letzten Jahren ergänzt durch »postdramatische« Neuerungen, dank denen sich die Handelnden auf der Bühne durch sogenannte performative Freiheiten mehr und mehr von den Vorgaben der Dramenvorlage lösen.

Bei »Maybrit Illner« am Donnerstag konnte man schon Ansätze dazu wahrnehmen. Die Akteurin Buyx zumindest forderte beim künftigen Labern über Corona »mehr partizipative Formate«. Der Mitspieler Bouffier versprach die Fantasiearbeit an »Regelungsmechanismen«. Und die Regisseurin Illner behauptete am Ende frech: »Alles wird besser.« In Friedrich Schillers »Don Karlos«, einem Lieblingsdrama der Deutschen, lautet ein Gassenhauer-Satz: »Der Einfall war kindisch, aber göttlich schön.«

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