Impftalk bei »Maybrit Illner« »Leude, die Notlage ist vorbei, aber es isch immer noch ernst!«

Gibt es eine moralische Impfpflicht? Das war eine der Fragen bei »Maybrit Illner«. Außerdem ging es um das Ende der epidemischen Notlage – und warum das noch lange keinen »Freedom Day« bedeutet.
Grünen-Politiker Boris Palmer

Grünen-Politiker Boris Palmer

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ZDF/Svea Pietschmann

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Eine gelungene Metapher kann Zahlenkolonnen ersetzen, manchmal sogar eine ganze Debatte vom schwirrenden Kopf auf die Füße stellen. An diesem Abend war es der »Deich«, den das Nordlicht Peter Tschentscher ins Spiel brachte, und der von den Binnenlandbewohnern der Runde bald zum »Damm« verniedlicht wurde. Klar war trotzdem, worum es geht in diesem Herbst, in dieser vierten Welle.

»Kein Schutz, keine Freiheit – Lockdown für Ungeimpfte?«, so der etwas aggressive Titel der Sendung, passend zu aggressiven Zeiten. Wer den Impfstoff nicht mag, heißt es bisweilen, der soll es eben mit der Krankheit versuchen.

So wie der Fußballspieler Josua Kimmich, der trotz seiner ansonsten segensreichen Vorbildfunktion sich noch nicht impfen lassen möchte, ungewisser Spätfolgen wegen. Großes Thema landauf, landab. In dieser Sendung zündet es glücklicherweise nicht.

Johannes B. Kerner hält es für »eine unerwünschte Nebenwirkung seiner Impfablehnung«, dass Kimmich den Querdenkern damit Vorschub leiste: »Ich denke, dass er nicht richtig informiert ist«, so Kerner, und die Ärzte beim FC Bayern München sollten ihren Athleten doch mal beiseite nehmen. Ihm assistiert Peter Tschentscher, Bürgermeister von Hamburg und Mediziner, mit dem Hinweis, dass Nebenwirkungen tatsächlich zu vernachlässigen seien.

Ähnlich sieht das Jonas Schmidt-Chanasit. Der Virologe ärgert sich über »fachfremde Meinungen«. Langzeitwirkungen könne es schon deshalb nicht geben, weil der Wirkstoff dann den Körper bereits verlassen habe. Das Hauptproblem derzeit seien nicht die Ungeimpften, sondern die Lage der »Über-60-Jährigen, dass wir da mit den Booster-Impfungen nicht vorankommen«.

Der grüne Bürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, geht das Thema eher politisch an. Er sei »kein Fußballexperte, aber ich habe einige Erfahrung mit Shitstorms«. Er halte »diese Erregungs- und Empörungsdemokratie« für nicht hilfreich. Im Übrigen erzeuge Druck nun einmal Gegendruck, und eine Impfpflicht durch die Hintertür mache viele Menschen misstrauisch.

Medizinethikerin Alina Buyx schränkt ein, dass es durchaus so etwas wie eine »moralische Impfpflicht« gebe: »Eine Pandemie ist keine Privatsache«, da hingen wir alle »zusammen drin, ob wir wollen oder nicht«. Wir seien »alle Bürger dieser Gesellschaft, wir sind alle Menschen, die das Gesundheitssystem brauchen. Deswegen, fürchte ich, kriegen wir das Gemeinschaftliche da nicht ganz raus«.

Hälfte der Ungeimpften gibt politische Gründe vor

Sibylle Katzenstein, Hausärztin aus Neukölln, hat bereits 6000 Menschen geimpft und kann nicht feststellen, dass die Impfbereitschaft nachlässt. Zu ihren Patienten gehörten Menschen, die ohnehin schon ausgeschlossen seien aus der Gesellschaft. Und ob nun ein Jens Spahn sich impfen oder ein Kimmich es bleiben lässt, das habe herzlich wenig Auswirkungen auf die Menschen: »Das ganze Moralgedönse, das muss ein bisschen raus aus der Diskussion«.

Laut einer Studie der Uni Göttingen hat etwa die Hälfte der Ungeimpften politische Gründe für ihre Entscheidung, Palmer kann das nachvollziehen. Es müsse den Menschen eine Freiheit zurückgegeben werden. Tschentscher betont, bei einer Pandemie gehe es nicht, wie bei einer Impfung gegen Malaria, »um individuelle Entscheidungen«.

»Wann endet dann eigentlich die Fürsorgepflicht des Staates?«, will Illner wissen. Buyx seufzt, man könne Impfunwilligen »nicht ewig nachlaufen«. Allerdings habe der Staat eine Fürsorgepflicht »für alle anderen«, Gefährdeten.

Da kommt Tschentscher, der in seiner Stadt bereits 86 Prozent der Erwachsenen hat impfen lassen, mit seiner Metapher: »Wir haben einen Deich gebaut, wie wir im Norden sagen, gegen die Flut. Die kommt nun. Und jetzt müssen wir sehen, ob er hält«.

Probleme mit dem Timing

Das ausgerechnet jetzt die »epidemische Lage von nationaler Tragweite« aufgehoben werden soll, hält Tschentscher für unglücklich – aus juristischen Erwägungen, weil damit vielen möglichen und auch noch nötigen Maßnahmen in den Ländern die rechtliche Grundlage entzogen sei. Er würde lieber noch warten.

Buyx hält die Entscheidung auch kommunikativ für unglücklich. Das Problem bleibe, werde aber auf die Länder verteilt. Bei den Bürgerinnen und Bürgern käme das bisweilen so an, als wäre schon »Freedom Day«.

Was ein Volkstribun wie Boris Palmer so nicht stehen lassen kann. Die Menschen würden weit mehr verstehen, als die Politik ihnen bisweilen zutraue. Und die Aufhebung der »epidemische Lage von nationaler Tragweite« und deren Regionalisierung sei doch auf eine einfache Formel zu bringen: »Leude, die Notlage ist vorbei, aber es isch immer noch ernst!«

Wir werden bald sehen, ob der Deich oben bröckelt, unterspült wird – und was die Deichgrafen dann tun.

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