"Dallas"-Comeback im US-Fernsehen Zombies auf der Southfork Ranch

J.R. lebt! Und das angeblich im Jahr 2012 - tatsächlich aber ist "Dallas" tief in den Achtzigern hängen geblieben. Über 20 Jahre nach dem vermeintlichen Ende ist die Öl-Seifenoper in den USA auf den Bildschirm zurückgekehrt - ein wahrlich schauriges Wiedersehen.

ddp images/ Planet Photos

Von , New York


Vieles sollte besser für immer in den achtziger Jahren begraben bleiben. Schulterpolster, Stirnbänder, karierte Sakkos, Aerobic, Milli Vanilli, Rick Astley: Schrille Zeiten, schrille Besetzung, zu ewigem Kultstatus verdammt.

"Dallas" war der Ausbund der Achtziger. Die US-Seifenoper um den intriganten Ölbaron J.R. Ewing, seine trinksüchtige Gattin Sue Ellen und den braven Bruder Bobby reflektierte alles, dem wir huldig(t)en: Maßlosigkeit, Gier, Drama. Der "Denver Clan", die andere Öl-Soap damals, war abgehobene Pulp Fiction und ein Laufsteg für Nolan Millers Fantasieroben. Doch mit den Ewings konnte sich jeder identifizieren.

14 Staffeln gab es, 357 Folgen, in Deutschland liefen sie von 1981 bis 1991 in der ARD, das sieben US-Folgen als zu gewagt unterschlug. Dienstags war "Dallas"-Tag: Bald war die Southfork Ranch in Dortmund so bekannt wie in Dallas und Sue Ellens Fönwelle der letzte Schrei auf der Kö. Das Finale der dritten Staffel, als J.R. angeschossen wurde, gebar den globalen Hype: "Who shot J.R.?" Die Antwort brachte die bis dahin höchste Quote aller Zeiten, rund 83 Millionen US-Zuschauer.

Gealtert, geschrumpft und chirurgisch gestrafft

Solche Scharen dürfte die Reinkarnation von "Dallas", die am Mittwochabend im US-Fernsehen Premiere hatte, kaum mehr mobilisieren. Heute ist eine US-Serie froh, wenn sie über zehn Millionen Zuschauer hinauskommt. "NCIS", der aktuelle Top-Krimi hier, brachte es diese Woche auf 8,7 Millionen.

Das ist freilich nicht der einzige Grund, weshalb auch "Dallas" besser für immer in den achtzigern Jahren begraben geblieben wäre.

Sicher, die Ikonen sind auch diesmal wieder dabei, gealtert, geschrumpft und chirurgisch gestrafft: J.R. (Larry Hagman, 80), Sue Ellen (Linda Gray, 71), Bobby (Patrick Duffy, 63). "Big Three" heißen sie am Set, verkalkende Erinnerungen an verflossenen Glanz. Das ist streckenweise immerhin ganz amüsant, so wie auch Zombie-Filme ganz amüsant sein können.

Aber selbst gegen diese Gespenster verblasst die nächste Ewing-Generation hoffnungslos - ihre Kinder, die die neue Serie tragen sollen, indem sie den Krieg um Southfork, Sex und Quoten wiederaufnehmen. Leere Gestalten, ein platter Plot, unterirdische Dialoge und, die allerschlimmste Sünde, kein bisschen Ironie: Schon in der jüngsten Auftaktfolge läuft dieser TV-Öltanker auf Grund wie die "Exxon Valdez".

Tattrig, hager, trinkt nicht mehr

Nach der unveränderten Titelfanfare und den kaum veränderten Luftaufnahmen von Dallas geht die Handlung in Echtzeit weiter, 21 Jahre, nachdem sich J.R., verraten und verlassen, mutmaßlich erschossen hatte. Stattdessen dämmert er jetzt im Pflegeheim. "Klinische Depressionen", murmelt die Krankenschwester.

Schnell ist der Greis jedoch wieder flott, dank einer handlichen Gehhilfe und dem alten Gespür fürs Böse. Und lässt sein gemeines Grinsen aufs Neue aufblitzen, untermalt vom legendär-höhnischen "Hehehe" und Platituden wie: "Blut mag dicker sein als Wasser, aber Öl ist dicker als beides." 1985 klang das vielleicht noch originell, aufregend, revolutionär sogar. Jetzt klingt es wie eine schlechte Parodie.

J.R. ist nicht mehr derselbe: tattrig, hager, trinkt nicht mehr. Nur das giftige Hirn funktioniert noch. Selbiges gilt für Sue Ellen, mit ihrem gefriergetrockneten Gesicht unter der unverändert strähnigen Fönwelle. Sie ist erfolgreich und eine Gouverneurin in spe, hat ebenfalls dem Alkohol abgeschworen. "Du hast gewonnen, Honey", nuschelt J.R. verlogen, als er ihr - wo sonst? - beim "Ball der Ölbarone" über den Weg läuft und verschämt die Gehhilfe wegschiebt. "Ich könnte nicht glücklicher sein." Im Suff waren die beiden interessanter.

Und Bobby? Auch Bobby ist älter, dicker - und noch kreuzbraver als früher. Jetzt hat er dann obendrein noch Krebs, stumm leidet er, um seine Lieben nicht zu grämen: "Ich habe Familiengeschäfte zu erledigen", bebt er beim Arzt, "bevor jemand erfährt, dass ich sterbe."

Von der Schlampe zur Matrone

Wie 1986, als sich Bobbys Tod nur als Traum entpuppte, stirbt er natürlich auch diesmal nicht. Denn das Trio der "Dallas"-Veteranen ist das einzige, was der Neuauflage Blut gibt. Es hat schon eine gewisse Faszination, diesen wandelnden Wachsfiguren zuzuschauen, wie sie die gleichen Grimassen schneiden wie einst, die gleichen Ohrfeigen verteilen und die gleichen Binsenweisen dazu: "Denn hier in Texas erledigen wir die Dinge mit Handschlag."

Garniert wird dieses Schattenspiel von Gastauftritten weiterer "Dallas"-Alumni: Lucy Ewing (Charlene Tilton, aufgedunsen), von der Schlampe zur Matrone mutiert, Halbbruder Ray (Steve Kanaly, unverändert fade), Nemesis Cliff Barnes (Ken Kercheval), der später noch eine sicherlich wieder intrigante Rolle spielen wird.

Es hilft nichts. Die neue Ewing-Garde kann das alte Kribbeln nicht reanimieren. J.R. und Sue Ellens Sohn John Ross (Josh Henderson) und Bobbys Adoptivssohn Christopher (Jesse Metcalfe) fechten die Gefechte der Väter weiter, der eine als Schurke, der andere als Held. Trotzdem bleiben sie fade Figuren - obwohl sich Henderson und Metcalfe ihre Soap-Sporen bei den "Desperate Housewives" verdient haben, der lange viel knackigeren Familien-Seifenoper der vergangenen Jahre.

Von den "Housewives" kommt auch Brenda Strong, die Bobbys Frau Ann spielt. Victoria Principal war offenbar nicht an einer Rückkehr als Pam Ewing interessiert, mit gutem Grund.

Große Scheune

Die Story ist im Prinzip die gleiche: Es geht um Geld, Land, Ehre, Sex und - um die Handlung krampfhaft ins 21. Jahrhundert zu hieven - um Öl (böse) gegen alternative Energie (gut). Fast alle Protagonisten lügen, erpressen, stehlen oder sind nicht, wer sie zu sein scheinen.

Das Ur-"Dallas" lief im Network CBS, der Reboot kommt nun via TNT, einen Kabelsender des Time-Warner-Imperiums (CNN, "Time"), in dessen Katakomben die "Dallas"-Lizenz ruhte. Anders als die Original-Vorlage, die weitgehend in Los Angeles gedreht wurde, entsteht die aktuelle Version tatsächlich im Großraum Dallas - inklusive der Außenaufnahmen auf der Southfork Ranch, wie damals auch schon.

Die Ranch wirkt mittlerweile ziemlich mickrig. Was vor 30 Jahren noch ein grandioses Anwesen war, ist heute nicht mehr als eine große Scheune. Wahre Millionäre leben dieser Tage anders, gerade und erst recht in Texas.

Und auch erfolgreiche Soaps sehen anders aus. "Dallas" bahnte einst den Weg, doch die heutigen TV-Erben sind längst viel flotter und einfallsreicher. Das neue "Dallas" trägt zwar den Datumsstempel 2012. Sein Charakter aber bleibt fest in den achtziger Jahren verwurzelt.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
gehrkes1011 14.06.2012
1. Dallas lief NICHT im ZDF
...also daran kann ich mich mit Sicherheit noch erinnern
denry 14.06.2012
2.
Also Dallas lief in der ARD nicht im ZDF.
hsvikings 14.06.2012
3. Dienstag Abend
21. 45 Uhr in der ARD! ZDF war Dynasty oder auf Deutsch "Denver Clan"!
MarioDeMonti 14.06.2012
4. Denver Clan
Zitat von denryAlso Dallas lief in der ARD nicht im ZDF.
Stimmt, im ZDF lief der Denver Clan.
Tulek 14.06.2012
5.
Zitat von sysopddp images/ Planet PhotosJ.R. lebt! Und das angeblich im Jahr 2012 - tatsächlich aber ist "Dallas" tief in den Achtzigern hängen geblieben. Über 20 Jahre nach dem vermeintlichen Ende ist die Öl-Seifenoper in den USA auf den Bildschirm zurückgekehrt - ein wahrlich schauriges Wiedersehen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,838773,00.html
Alter Blödsinn neu aufgelegt. Was in Hollywood seit Jahren gemacht wird, findet nun auch im TV statt.Welch überraschun.
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