Serienstar Annette Frier "Der Praktikant darf auch seine Meinung sagen"

Kritiker mögen "Danni Lowinski" - und die Zuschauer sogar auch! Zum Start der letzten Staffel erzählt Hauptdarstellerin Annette Frier, was sie Lukas Podolski zu verdanken hat und warum deutsches TV oft so öde ist.

SAT.1

SPIEGEL ONLINE: Frau Frier, Ihre Serie "Danni Lowinski" gehört zu den wenigen deutschen Formaten, die ins Ausland verkauft und zum Beispiel in Belgien oder Holland adaptiert wurden. Mit der fünften Staffel endet das Original nun. Hätten Sie gern weitergemacht?

Frier: Nein, das passt schon gut jetzt. Schließlich stand das Ende seit einem Jahr fest, wir hatten genug Zeit, uns zu verabschieden. Das ist wie mit Besuch: Wenn man sich schon viermal tschüs gesagt hat und das Taxi immer noch nicht da ist, steht man nur noch blöd rum.

SPIEGEL ONLINE: Danni war immer grell geschminkt und stöckelte im Minirock und auf Highheels durch die Welt. Gab es eine Eigenart, die Sie nach Drehschluss nur schwer ablegen konnten?

Frier: Nein, ehrlich gesagt war ich immer heilfroh, wenn eine Staffel abgedreht war: Schließlich stand immer schon fest, dass wir uns in fünf Monaten für die nächste Staffel schon wiedersehen und dann wieder jeden Tag zusammen abhängen.

SPIEGEL ONLINE: Wie war die Zusammenarbeit am Set?

Frier: So was dürfen Sie Schauspieler eigentlich nicht fragen. Die sagen ja IMMER, wie toll alles war. Aber im Ernst: Für mich war das von Beginn an etwas ganz Besonderes, weil ich das erste Mal an der Seite von Axel Siefer, meinem Mentor und Regisseur beim Theater, vor der Kamera stand. Außerdem hatte ich vor Drehbeginn meine Kinder bekommen. Die kommen mit dem Ende der letzten Staffel nun in die Schule. Insofern hat für mich mit Drehbeginn ein neuer Lebensabschnitt sowohl privat wie beruflich begonnen, der nun zu Ende geht. Manchmal fühle ich mich, als hätte ich gerade mein Abitur gemacht.

ZUR PERSON
  • DPA
    Annette Frier, geboren 1974 in Köln, war vor allem für Comedys wie "Schillerstraße" bekannt, bevor ihr mit der Anwaltsserie "Danni Lowinski" der Durchbruch als Charakterdarstellerin gelang. Für die Rolle wurde Frier u.a. mit dem Bayrischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Am Montagabend um 21.15 Uhr startet die letzte Staffel auf Sat.1.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie bei der Rolle eigentlich besonders angesprochen?

Frier: Ich fand Tonfall und Thema, gewissermaßen den Zeitgeist, sehr dringlich und wusste bei der Lektüre der Drehbücher sehr früh, dass das meine Rolle ist. Das heißt aber nicht, dass ich schon frühzeitig wusste, dass die Serie ein Erfolg wird. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dass so was außerhalb meiner Macht liegt. Ich kann nur meine Arbeit machen und von Projekt zu Projekt hoffen, dass sich alles gut zusammenfügt.

SPIEGEL ONLINE: "Danni Lowinski" spielt in der unteren Mittelschicht, Armut, Gewalt und Sucht waren häufig Thema. Im deutschen Fernsehen wird so was kaum behandelt - und wenn, dann oft despektierlich. An welchen Formaten haben Sie und die Serienmacher sich orientiert?

Frier: Beim Lesen der Drehbücher musste ich an "Liebling Kreuzberg" denken. Nicht nur weil ein Anwalt die Hauptfigur ist, sondern weil die Serie harte Themen behandelt, ohne Leichtigkeit zu verlieren. Als Kind habe ich "Liebling Kreuzberg" geguckt, das Milieu und das Halbseidene des Charakters mochte ich sehr.

SPIEGEL ONLINE: Ist für Sie die Mischung aus Leichtigkeit und Wahrhaftigkeit immer aufgegangen?

Frier: Wir mussten uns manchmal schon sehr anstrengen. Einmal hatten wir zum Beispiel einen Fall, bei dem sich alles zu sauber und harmonisch aufgelöst hatte. Die Folge so enden zu lassen, wäre zu zuckrig gewesen. Also haben wir Kurt Lowinski (den an den Rollstuhl gefesselten Vater - die Red.) gezeigt, der einsam in seiner Wohnung sitzt, auf ein Standbild im Fernsehen stiert und sagt: "Wenn man nur lang genug drauf schaut, wird es Kunst."

SPIEGEL ONLINE: In der dritten Staffel wurde der Tonfall deutlich ernster, Danni zeigte depressive Züge. Die Quoten gingen merklich zurück.

Frier: Von vielen Zuschauern kam damals das Feedback, dass sie es am Ende eines Arbeitstages furchtbar finden, wenn es ihrer Lieblingsfernsehfigur so schlecht geht. Aber da musste ich sagen: Tut mir leid, können wir gerade nicht bedienen. Wir wollen das jetzt etwas härter machen, damit wir es später auch wieder auflösen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Mitspracherecht hatten Sie bei so grundlegenden Entscheidungen?

Frier: Ich bin ein bisschen der Typ Klassensprecher und übernehme auch gern den Part des Gastgebers in der eigenen Serie. Das heißt aber nicht, dass ich Ansagen mache. Im Gegenteil, ich bin für so viel Demokratie wie möglich. Ich möchte ja, dass sich der Gast auch bei uns wohl fühlt und seine beste Leistung bringt.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als hätten Sie eher Regie geführt als die Hauptrolle gespielt.

Frier: Nein, gar nein. Das haben Uwe Janson, Peter Gersina und Richard Huber sehr gut ohne Hilfe hinbekommen. Grundsätzlich sind Dreharbeiten aber natürlich Ensemblearbeit: Wenn jemand was zu sagen hat, soll er das sagen - und wenn es der Praktikant ist.

SPIEGEL ONLINE: "Danni Lowinski" gehört mit "Der letzte Bulle" zu der Handvoll deutscher Serien der vergangenen Jahre, die sich bei Publikum und Kritikern behaupten konnten. Wie nehmen Sie die deutsche Serienlandschaft wahr?

Frier: "Weissensee" oder "Der Tatortreiniger" sind für mich auch gute deutsche Serien. Tatsächlich sehen wir wenige neue, interessante Erzählformen - aber das trifft auch aufs Ausland zu. Ich saß mal in der Jury für die Internationalen Emmys und war teilweise entsetzt. Aus den USA erreichen uns auch immer nur die Highlights.

SPIEGEL ONLINE: Vor "Danni Lowinski" hatten Sie schon länger versucht, aus der Comedy-Ecke rauszukommen. Erst mit der Serie hat es geklappt. Sind Sie jetzt wieder offen für Comedy?

Frier: Vor zehn Jahren drohte mich Comedy zu erdrücken, mittlerweile wäre ich vielleicht sogar für eine richtig gute Sitcom wieder zu haben. Nur passiert da derzeit wenig. In den Neunzigern haben die Sender noch auf eigenproduzierte Studio-Sitcoms gesetzt, dann hatten sie mit den US-Formaten auf einmal jede Menge Sendestrecken zur Verfügung. Jetzt herrscht da eine gewisse Ödnis.

SPIEGEL ONLINE: Viele sagen: weil es in Deutschland zu wenig gute Autoren gibt.

Frier: Das stimmt nicht. Es gibt gute Autoren, denen wird aber zu viel reingeredet. Ich habe schon Drehbücher bekommen, die ich richtig geil fand. Ein dreiviertel Jahr später waren dann so viele Leute drübergegangen, dass von den ursprünglichen Qualitäten nichts mehr übrig war und ich keinen Bock mehr hatte. Gerade bei Humor muss man zu seinen Ideen stehen und sagen: Lasst uns doch in Ruhe eine Staffel schreiben. Nach drei, vier Folgen könnt ihr ja gern sagen, dass es euch nicht gefällt. Aber nicht einen fünfminütigen Trailer produzieren und dann Umfragen starten. So setzt sich nur der Durchschnittsgeschmack durch.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass "Danni Lowinski" ursprünglich nicht in Köln, sondern in Berlin spielen sollte?

Frier: Ja, eigentlich war die Serie in Neukölln angesiedelt. Aber am Tag, bevor in Berlin mit dem Bau des Sets begonnen werden sollte, stand ich mit einem positiven Schwangerschaftstest in der Hand in Italien und musste bei den Produzenten anrufen und absagen. Zum Glück konnten wir den Dreh um ein Jahr verschieben und in meine Heimatstadt Köln verlagern. Mit Zwillingen wäre das sonst nicht gegangen. Ich weiß aber auch nicht, wie die Serie ohne Köln funktioniert hätte. Allein die Anspielungen auf den FC und die mutmaßlichen Lukas-Podolski-Zitate, die wir einstreuen konnten! Damit haben wir gleich in der ersten Folge angefangen: "Fußball ist wie Schach - nur ohne Würfel." Unbezahlbar!

Das Interview führte Hannah Pilarczyk



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
volkmar10 21.07.2014
1. Ansichtssache
Zitat von sysopSAT.1Kritiker mögen "Danni Lowinski" - und die Zuschauer sogar auch! Zum Start der letzten Staffel erzählt Hauptdarstellerin Annette Frier, was sie Lukas Podolski zu verdanken hat und warum deutsches TV oft so öde ist. http://www.spiegel.de/kultur/tv/danni-lowinski-annette-frier-im-interview-letzte-fuenfte-staffel-a-981636.html
Wer diesen Klamauk für gut hält, hat offensichtlich die hervorragenden US-Anwaltsserien nicht gesehen oder ignoriert. Jede deutsche Anwaltskammer hätte eine Anwältin oder einen Anwalt mit diesem Auftreten und Minutenhonorar zum Frühstück verspeist. Einfach lächerlich.
timelock1 21.07.2014
2. Zitat aus Podolski-Parodie
Zitat von sysopSAT.1Kritiker mögen "Danni Lowinski" - und die Zuschauer sogar auch! Zum Start der letzten Staffel erzählt Hauptdarstellerin Annette Frier, was sie Lukas Podolski zu verdanken hat und warum deutsches TV oft so öde ist. http://www.spiegel.de/kultur/tv/danni-lowinski-annette-frier-im-interview-letzte-fuenfte-staffel-a-981636.html
Wobei das Zitat "Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel" nicht von Podolski sondern aus einer Podolski-Parodie von Jan Böhmermann zu sein scheint.
tope1212 21.07.2014
3. Genau, eben Ansichtssache
Es geht nicht um Klamauk, sondern um die Themen in der Serie. Wer das nicht versteht, versteht den Rest auch nicht.
Ballonmütze 21.07.2014
4. Herrlich...
...gleich die ersten zwei Kommentare sind obskur. Keine realistische Anwältin? Mag sein. Aber was ist mit Ally McBeal? Hätte die etwa in der Anwaltskammer bleiben dürfen? Und es steht explizit etwas von mutmaßlichen Podolski Zitaten. Keine Echten.
sabinaz 21.07.2014
5. Klamauk?
Allerdings - aber mit Klasse. An die Besserwisser der Nation: Natürlich gibt es keine Anwältin wie Danny Lowinski. Ist aber vollkommen egal - die Idee war originell, die Figuren sind absolut lebensecht, die Dialoge ein Traum an Witz und Schlagfertigkeit. Schade, dass jetzt die letzte Staffel kommt - ich wäre gern dabeigeblieben. Ich hoffe, es wird für Nachschub im deutschen TV gesorgt, sonst muss ich leider wieder zu iTunes (und US-Serien) abwandern.
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