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Netflix-Serie: Die Zukunft ist jetzt

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Zweite Staffel "Dark" auf Netflix Kommst du mit ins Wurmloch?

Die Zukunftssorge der "Fridays for Future"-Generation kombiniert mit einem Atommüllfass voll German Angst: Die zweite Staffel der Netflix-Serie "Dark" arbeitet effizient mit Katastrophenstimmungen.

In Winden herrscht jetzt erhöhtes Reiseaufkommen Richtung Zukunft. Sie erinnern sich: Winden ist die fiktive westdeutsche Kleinstadt im Schatten eines malerisch verwitterten Atommeilers, in dessen Umfeld sich in der ersten Staffel der Mystery-Serie "Dark" sonderbare Dinge ereigneten. Während unter dem Kraftwerk bedrohlich der Atommüll dümpelte, wurde ein Kind von einem Wurmloch geschluckt und in den Achtzigerjahren ausgespuckt.

Gleichzeitig kam es zu Begegnungen mit Charakteren, die aus vergangenen Dekaden in die deutsche Gegenwart platzten. Auf diese Weise präsentierte man dem Publikum ein quirliges Hin und Her zwischen den Jahren 2019, 1986 und 1953. Familien wurden auseinanderrissen und unverhofft wieder zusammengeführt, und Nena sang dazu "Irgendwie, irgendwo, irgendwann".

Eine Zeitmaschine im Handkofferformat macht die Zeitreisen möglich, aber der größere Zusammenhang zu den Rissen und Dellen in Zeitkontinuum und Familienstammbaum wurde von den Serienschöpfern nicht aufgelöst. So wird das Publikum zum Anfang der zweiten Staffel in eine offene Erzählanordnung geworfen, die nun eben sogar Richtung Zukunft erweitert wird. Es geht ins Jahr 2052, in dem Winden aussieht wie die Sperrzone um Tschernobyl und von pittoresk zerrupften, paramilitärischen Truppen beherrscht wird. Kann hier das Rätsel gelöst und der Schlüssel zur Rettung der Gegenwart gefunden werden?

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Netflix-Serie: Die Zukunft ist jetzt

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Nach Angaben von Netflix war die erste Staffel von "Dark", die auch die erste deutsche Serie des Streaming-Anbieters darstellte, international ein Riesenerfolg. Prüfen lässt sich das nicht, da das Unternehmen kaum Abrufzahlen preisgibt (außer es läuft richtig gut). Aber dass in Foren weltweit anlässlich der Serie über Wurmloch-Theorie und Bootstrap-Paradox diskutiert wird, legt einen gewissen Effekt aufs junge Zielpublikum nahe.

Außerdem fängt die Serie sehr gut die Grundstimmung der "Fridays for Future"-Generation ein, die mit der Generation ihrer Eltern hadert, weil durch deren Zaudern im Heute die Hoffnung auf das Morgen vernichtet wird. In "Dark" ist die Zukunft nun Gegenwart.

Dünne Effekte, starke Darsteller

Was in dem Szenario mit all seinen zerrissenen Kleinfamilien zu bizarren Konfrontationen führt: Eine Mutter schließt in der Gegenwart zärtlich ihren aus der Zukunft angereisten erwachsen Sohn in die Arme, der ihr Liebhaber sein könnte. Die Chefin des Atomkraftwerks trifft in den Achtzigerjahren auf eine greise Version ihrer selbst: Ich bin Du.

Diese Begegnungen sind zum Teil anrührend gespielt. Darsteller wie Maja Schöne, Karoline Eichhorn, Louis Hoffmann oder Andreas Pietschmann überzeugen zuweilen mehr als die streckenweise dünnen Spezialeffekte, mit denen ihre Figuren durch die Zeiten gejagt werden. Mama, kommst du mit ins Wurmloch?

Dem Vernehmen nach arbeitet Netflix in neuen Produktionsterritorien mit schmalen Etats; immer mehr deutsche Produzenten klagen darüber hinter vorgehaltener Hand. Dahinter steckt die Strategie, dass der US-Streamingdienst zügig ein breites, vielgestaltiges, internationales Portfolio aufbauen muss, um der sich neu formierenden Konkurrenz von Branchenriesen wie Disney oder Apple Paroli zu bieten. Deshalb wirken einige neue Netflix-Produktionen so zusammengezimmert; technisch und ästhetisch fühlt sich ein Teil der aktuellen Serien des Unternehmens wirklich nicht mehr wie die Zukunft des Fernsehens an.

Aber das will Netflix möglicherweise auch gar nicht mehr sein. Es muss vielmehr die Umbrüche der Gegenwart überstehen. Und das will man mit dem Fokus auf lokalen Produktionen erreichen. Die Aufmerksamkeit wird nicht über brillante Schauwerte, sondern über andere, auf lokaler Ebene wichtige Aspekte generiert. Deshalb wird jetzt in der zweiten Staffel von "Dark" mit relativ einfachen Mitteln ein Szenario entworfen, das einerseits die Zukunftsängste des jungen Publikums aufgreift, andererseits die Sorgen Deutschlands zwischen Atomausstieg und Krise des Mittelstands zeigt.

Energie schafft Gemeinschaft. Oder auch nicht

Wie sagt der AKW-Chef im Gegenwarts-Winden: "Energie schafft Gemeinschaft. Die Kernenergie war, ist und bleibt alternativlos. Nichts ist günstiger, sicherer und zuverlässiger. Aber die Welt da draußen pocht auf Fortschritt, in sechs Tagen wird unser Meiler endgültig vom Netz gehen." Der Sprung in die Zukunft beweist allerdings, dass der Wechsel von der Kernkraft zur grünen Energie dann wohl doch nicht so reibungslos verlaufen ist.

Die Serienschöpfer Jantje Friese und Baran bo Odar kombinieren mithin beherzt und effizient die aktuelle Zukunftssorge der "Fridays for Future"-Generation mit einem Atommüllfass voll guter alter German Angst - und verlangen dem Publikum dabei einiges ab: Mit rund drei Dutzend Figuren, die hier zum Teil in verschiedenen Altersversionen ihrer selbst durch die Zeit jagen, muss es arbeiten, um der Handlung zu folgen. Als Serien-Puzzle fasziniert "Dark".

Da wäre "Galileo Mystery"-Geraune wie "die Welt ist ein Teppich mit einem unendlichen Geflecht von Fäden" gar nicht nötig gewesen. Erstmal also keine Antwort nirgends auf die dringenden Fragen der jungen Leute. Eine dritte und letzte "Dark"-Staffel ist angekündigt und verspricht Rettung.


"Dark", zweite Staffel, ab Freitag auf Netflix

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