Letzte Staffel "Dark" Von Winden in die Welt

Finale eines deutschen Welterfolgs: Mit der dritten Staffel geht die Netflix-Produktion "Dark" zu Ende. Würdigung eines immer noch überraschenden Fernseh-Phänomens – garantiert spoilerfrei.
Zwischen den Zeiten unterwegs und jetzt auch noch zwischen zwei Welten: Jonas und Martha in "Dark"

Zwischen den Zeiten unterwegs und jetzt auch noch zwischen zwei Welten: Jonas und Martha in "Dark"

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Netflix

Am 1. Dezember 2017 quälte sich der HSV zu einem 0:0 gegen Freiburg, Kaiser Akihito im fernen Japan kündigte den Termin für seine Abdankung an, und der Chef der Staatskanzlei in Sachsen-Anhalt forderte eine Reform von ARD und ZDF. Besäße man eine Zeitmaschine und reiste in dieses Deutschland zurück - man fände keine in ­ihren Grundfesten erschütterte Nation vor. Eher eine, die uns Corona-Erfahrenen ein wenig blauäugig vorkäme.

Fernsehdeutschland allerdings sollte an diesem Tag nachhaltig­ erschüttert werden. Nicht wegen der nie umgesetzten Pläne ­eines ostdeutschen Landespolitikers, sondern weil am 1. Dezember 2017 mit "Dark" die erste deutsche Serie des amerikanischen Streamingriesen Netflix startete. Sie endet jetzt mit der dritten Staffel, und staunend muss man sagen: Millionen Zuschauer weltweit warten darauf, dieses letzte Kapitel zu sehen.

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"Dark", Staffel 3: Von Raider zu Schopenhauer

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Den Erfolg von "Dark" hat niemand vorausgesehen. Dass Medien wie die "New York Times" positiv über eine TV-Produktion aus Deutschland berichten würden - undenkbar. Fernsehen in Deutschland war schließlich für seinen ausgeprägten Konservatismus bekannt, für einen Hang zu altbackenen Krimiserien und Krankenhausschmonzetten. Für die Neigung, anspruchsvollen Erzählstoff im Nachtprogramm zu versenken.

Und dann kam "Dark". Eine Serie, die von den Zeitreisen deutscher Kleinstadtbewohner erzählt: vom kleinen Mikkel, der in einer Höhle im Wald verschwindet und versehentlich in das Jahr 1986 gerät. Vom Jugendlichen Jonas, dessen Vater sich erhängt hat und der auf geheimnisvolle Weise Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist. Von Polizisten, Hotelbesitzerinnen, Schuldirektorinnen, die unter der Enge der Kleinstadt leiden und ihre Geheimnisse pflegen.

Deren Geschichten sich auf zunächst zwei, dann drei, später noch mehr Zeitebenen entfalten und sich in immer komplexeren Verwandtschafts- und Freundschaftsverhältnissen verknoten. Ein Stoff, der mit seinem langen erzählerischen Atem und Anspruch die Enge der deutschen TV-Normen sprengt.

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Die "Dark"-Macher Baran bo Odar und Jantje Friese haben Deutschland mit ihrer fiktiven Kleinstadt Winden auf die Bühne einer neu entstehenden, globalisierten Unterhaltungswelt gehoben. Wobei dieses Winden eine Chimäre bleibt, nie sieht man die Stadt im Panorama. Stattdessen: einzelne Häuser, die Schule, den Wald, die Türme des nahen Atomkraftwerks.

Der Tann tropft vom Dauerregen, meist ist es dunkel und kalt, Vögel fallen tot vom Himmel, und Schafe verenden auf der Weide. Friese (Drehbuch) und bo Odar ­(Regie) rühren Motive aus Grimms Märchen und schwarzer Romantik an, gemischt mit Einflüssen von Steven Spielberg und David Lynch. Dazu streuen sie Hingucker aus den Zeitreisezielen ein, in der ersten Staffel etwa aus den Achtzigerjahren: Menschen drehen an Zauberwürfeln, Helmut Kohl prangt auf Wahlplakaten, und Tschernobyl ist ganz nah.

"Dark" wurde zunächst als popkulturelle Verhackstückung jenes bundesrepublikanischen Lebensgefühls aus materiellem Reichtum und diffuser Sorge gedeutet, das als german angst bekannt wurde. Das war zu kurz gesprungen, mit ­jeder Folge weitete sich das Bild, das Friese und bo Odar zeichnen.

Viel wichtiger als der Eighties-Schokoriegel Raider wurde in "Dark", wo die Protagonisten nur bedingt ihr Schicksal kontrollieren können, zum Beispiel Schopenhauers Absage an die Freiheit menschlichen Handelns: "Der Mensch kann zwar tun, was er will. Er kann aber nicht wollen, was er will." Im Netz und im Feuilleton wurde diskutiert, wie ernst Friese und bo Odar es mit ihrem philosophischen Raunen meinen. Manche unterstellten, die zwei würdigten deutsche Ideen­geschichte zu billiger Fantasy herab, weil sie sie als Treibstoff für eine Fernsehserie einsetzen.

Das Gegenargument aber: Man muss die philosophischen Dimensionen von "Dark" allein für bare Münze nehmen, weil die Macher sie mit heiligem Ernst und dramaturgischem Geschick in ihre Geschichte einbauen. Erörterungen menschlicher Seinserfahrung und unerhörte Wendungen, die Zuschauer hochgetunter Serien bei der Stange halten, sind in "Dark" kein Widerspruch. Mit Mut stoßen Friese und bo Odar ein Fenster im Betonbunker des deutschen Fernsehens auf und lassen neben frischer Luft Gedanken herein, die sich hierzulande vorher in kein Produkt der Fernsehunterhaltung verlaufen hätten.

Man darf ja nichts verraten über die dritte Staffel, nur so viel: Es gibt im "Dark"-Universum nicht mehr nur verschiedene Zeitkorridore, sondern auch Parallelwelten. Und hier verlieren bo Odar und Friese leider ihren Drive. Bald geht es nur noch darum, wie Hauptfigur Jonas und seine große Liebe Martha von einer Zeit und einer Welt in die nächste gelangen und was sie tun müssen, um eine drohende Apokalypse zu stoppen. Wie ein Bleigewicht hängt das Erzähllabyrinth von "Dark" an diesen letzten Episoden - bis das Finale doch einen überraschend schlüssigen Ausgang findet.

Dass man sich am Ende eher erleichtert als erleuchtet fühlt, tut der Innovationskraft der Gesamtserie aber keinen Abbruch. Die deutsche Fernsehwelt wird nach "Dark" nie wieder so sein wie zuvor. Es sei denn, man besitzt eine Zeitmaschine.

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