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"Das 13 Jahr": Der große Abzug

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Doku zur Bundeswehr in Afghanistan Alles muss raus

Autos verscherbeln, Erinnerungsbilder machen: Die detailgenaue ARD-Doku "Das 13. Jahr" erzählt, wie die Bundeswehr im Sommer 2014 aus Afghanistan abzieht - und das Land in Chaos und Angst zurücklässt.

Es steht noch eine Bierbank in Khilagay. Der kleine deutsche Außenposten in Nordafghanistan befindet sich in Abwicklung, der schwarz-rot-gold gestrichene "Stammtisch" steht verloren und verlassen im Sand. Die Rekruten, die ihre Namen in das bunte Holz graviert haben, sind schon weg. Jetzt muss nur noch das Lager abgebaut werden.

Die deutschen Soldaten abzuziehen, ist relativ einfach, aber was passiert mit all dem Material, das die Bundeswehr während der 13 Jahre Isaf-Einsatz in den Hindukusch geschafft hat? In ihrem Hauptquartier in Masar-i-Scharif organisieren die Deutschen Auktionen, auf denen die Afghanen Tische und Stühle, Kühlschränke und Autos ersteigern können. Alles muss raus.

Die Versteigerung, die in dem Film "Das 13. Jahr" am Montag in der ARD gezeigt wird, spielt am Ende 62.000 Dollar ein. Ein Klacks: Die Gesamtkosten des deutschen Engagements in Afghanistan belaufen sich auf zehn Milliarden Dollar.

Der indischstämmige Reporter Ashwin Raman, der mit seinen Reportagen für die ARD regelmäßig für Aufsehen sorgt, ist im vergangenen Sommer in das Land gereist, um den Truppenabzug und damit verbundenen Umbruch in Afghanistan zu dokumentieren. Wer geht? Was bleibt? Wie könnte es kommen?

Die Schattenarmee der Bundeswehr

Trotz der vielen Zahlen: Raman ist kein Reporter, der am Ende seiner Produktionen mit handlichen Analysen dasteht. Er trägt vielmehr zusammen, was er bei Recherchen vor Ort aufstöbert, gerne auch Widersprüchliches. Raman geht dorthin, wo niemand so richtig den Überblick hat.

Schon für seine Dokumentation "So nah am Tod" von 2011 hat er die Bundeswehr bei ihrem Afghanistan-Einsatz begleitet, dort neben überforderten Soldaten auch hoffnungslose Zivilisten gezeigt . Im Jahr darauf machte er sich für seinen Film "Im Land der Piraten" in das für Journalisten so gut wie unbereisbare Somalia auf und dokumentierte den dortigen Handel mit Militärgerät und Menschenleben - und wie er selber beinahe ein Teil davon geworden wäre. Zurzeit bereitet der 68-Jährige eine Reportage vor, für die er ins Einflussgebiet des IS reisen will, nach Irak und Libyen, aber auch in das US-Gefangenenlager Guantanamo.

Der grüblerische, ältere Herr ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was man sich allgemein unter einem Kriegsreporter vorstellt. Vielleicht hilft das, Kontakt zu den unterschiedlichsten am Konflikt beteiligten Personen herzustellen. Raman ist weniger an spektakulären Bildern interessiert, sondern an Menschen, die andere Berichterstatter in ihren Krisenberichten meist nicht auf dem Zettel haben.

Etwa die vielen indischen Gastarbeiter, die beim Isaf-Einsatz am Hindukusch ihren Anteil hatten. Sie arbeiteten in der Küche oder in der Reinigung und waren, so heißt es im Film, "die Schattenarmee der ausländischen Truppen". Internationale Konzerne, so Raman, verdienten Millionen mit dem Verleih solcher Billiglöhner, die sonst zum Beispiel in Dubai arbeiten.

Ein Inder, mit dem der Filmemacher spricht, hat für seinen Job 1500 Euro an einen Makler bezahlt, für den Leiharbeiter ein Vermögen. Mit dem Abbruch der deutschen Zelte in Afghanistan schwindet für ihn die Hoffnung, seine Investition je wieder reinzukriegen.

"Hanif ist ein faules Stück"

Später, als Ashwin Raman südlich von Kabul ein amerikanisches Lager besucht, das sich ebenfalls in Abwicklung befindet, begegnet er einem jungen US-Marine, der gerade mal 19 Jahre zählt, aber bereits mit 17 in die Armee eingetreten ist. Gerne würde man dem pausbackigen Jungen sein schweres Sturmgepäck abnehmen und mit einem Klaps auf die Schulter auf irgendein Footballfeld schicken. Der Junge stammt aus dem ländlichen Georgia; nach dem frühen Tod des Vaters stellten die Marines für ihn die einzige Chance dar, Geld zu verdienen. Krieg ist auch immer ein Broterwerb.

So auch für den afghanischen Dolmetscher, der in Masar-i-Scharif für die Bundeswehr gearbeitet hat - und dafür von vielen Landsleuten als Verräter gebrandmarkt wird. Auf der Straße wurde er schon angegriffen, seine Haustür ist von Einschusslöchern durchsiebt. Der Übersetzer wurde als gefährdete Person eingestuft und hat eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland bekommen; seine ebenfalls gefährdete Mutter muss er zurücklassen.

"Das 13. Jahr" fragt also weniger, ob die Deutschen der selbstauferlegten Verpflichtung, am Hindukusch die Freiheit Deutschlands zu verteidigen, nachgekommen sind. Sondern vielmehr, ob sie den weiteren Verpflichtungen, die sich daraus ergeben haben, auch erfüllt haben. Das Gesamturteil ist eher düster. Kabul sei viel unsicherer als noch vor ein paar Jahren. Wie es Raman formuliert: Die Afghanen füllen die durch den Abzug der Isaf-Truppen entstandenen Lücken mit den "ausgemusterten Fahrzeugen der Amerikaner".

Einige deutsche Soldaten sind allerdings sind nach dem Abzug vorerst in Afghanistan geblieben. Sie bilden Rekruten der afghanischen Armee aus und wundern sich im Film darüber, dass diese nur von acht bis halb elf Uhr am Morgen Truppenübungen absolvieren und sich dann auch noch ständig untereinander prügeln. Es fällt das Wort Disziplin; einer der Deutschen sagt in der Nachbereitung des Trainings: "Hanif ist ein faules Stück."

Die Deutschen sind keine Freunde der Afghanen geworden, und die Afghanen keine Freunde der Deutschen. Das zeigt Ramans Katastrophenbericht, der keine Partei ergreift und keinen Hoffnungsträger herbeizaubert, schmerzhaft deutlich.

Irgendwann wird noch eine Ausbildungsstunde angehender afghanischer Offiziere gezeigt, die meisten von ihnen sind Analphabeten, gerade werden die Grundrechenarten geübt. Die Frage des Ausbilders lautet: "Wie viel ist zwei mal zwei?" Alle freuen sich, dass einer der Anwärter die Antwort weiß.


"Die Story im Ersten: Das 13. Jahr", Montag, 22.45 Uhr, ARD